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Dr. Carsten Brosda So will ein Hamburger Senator die Hansestadt zur Gaming-Hochburg machen – und IT-Fachkräfte locken

Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda
Sieht Gaming nicht als Gefahr, sondern als ernstzunehmenden Wirtschaftszweig: Dr. Carsten Brosda.
© Hernandez für Behörde für Kultur und Medien
Raus aus der Nische, rein in den Wirtschaftskreislauf: In Hamburg arbeitet die Kulturbehörde daran, der Gaming-Branche ein bequemes Nest zu bauen. Was die Hansestadt dabei anders macht, als andere Standorte, erklärt Dr. Carsten Brosda im stern-Interview.

Das "Killerspiele"-Image haben sich Videospiele in den vergangenen Jahren mühsam abtrainiert. Inzwischen sieht man die virtuellen Werke als das, was sie sind: interaktive Geschichten, teils echte Kunst. Doch noch immer befindet sich die Industrie hierzulande in einer Nische – selbst wenn Deutschland weltweite Exportschlager wie "Crysis", "Anno", "Die Siedler", ""Gothic" oder auch "Deponia" vorzuweisen hat.

Das könnte unter anderem daran liegen, dass sich Deutschland schwertut, Fachkräfte im Land zu halten, Netzwerke aufzubauen oder gar Fachkräften aus dem Ausland die Arbeit hierzulande schmackhaft zu machen. Wie für solche Experten der Alltag aussehen kann, und an welchen Stellen es hakt, hat der stern kürzlich mit dem Tesla-Hacker David Colombo besprochen.

20 Jahre Förderung für Gamingprojekte

In der Hansestadt macht man sich darüber offenbar schon seit Jahren Gedanken, denn der Aufbau einer attraktiven Umgebung für die Gaming-Branche jährt sich in Hamburg schon fast zum zwanzigsten Mal. Senator Dr. Carsten Broda hält hier aktuell die Fäden in der Hand – und hat mit dem stern darüber gesprochen, was Hamburg so attraktiv – und anders – macht für Entwickler:innen, Designer:innen und Firmen, die mit Videospielen ihr Geld verdienen.

Herr Dr. Brosda, vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben. Für die Nicht-Hamburger da draußen: Was ist eigentlich ihre Aufgabe in der Hansestadt?

Ich bin Senator für Kultur und Medien in Hamburg. Hier haben wir die besondere Situation, dass unsere Behörde tatsächlich für alle Bereiche der Kultur und Kreativwirtschaft zuständig ist. Das heißt, mein Team und ich betreuen letztlich alle kreativwirtschaftlichen Cluster in der Stadt. Dabei geht es sowohl um die ordnungspolitischen Rahmenbedingungen, aber auch um Förderung in diesen Bereichen.

Also auch die Gamesbranche?

Korrekt. Games sind in unseren Augen ein aufstrebender, kreativer und wirtschaftlicher Sektor, der einen wesentlichen Bestandteil dieser Stadt darstellt. Und darum kümmern wir uns um die Szene – nicht erst seit gestern, sondern schon seit 2003.

Was genau unterscheidet denn eine geförderte Branche von einer – sagen wir – weniger beachteten?

Die Games-Branche in der Stadt ist nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell relevant. In Hamburg hängen fast 3000 Arbeitsplätze und über 180 Unternehmen daran. Für diesen Arbeitsmarkt und die daraus entstehenden Innovationen wollen wir ideale Rahmenbedingungen schaffen und diesen – und natürlich auch neuen – Unternehmen einen echten Standortvorteil verschaffen.

Und wie macht eine Stadt das?

Wir schaffen zum Beispiel Gelegenheiten, damit sich die Branche im Rahmen eines Roundtables austauschen kann. Bei diesen Treffen bringen wir verschiedene Akteure aus der Games-Branche zusammen und bauen so ein Netzwerk auf, in dem die verschiedenen Schnittstellen, die an spannenden Projekten beteiligt sind, Synergien bilden können.

1,2 Millionen Euro investiert

Welchen Vorteil hat das?

Es motiviert. Nehmen wir zum Beispiel Gamecity Hamburg. Die Standortinitiative unterstützt beim Einstieg in die Branche. Das passiert niederschwellig bei Networking-Veranstaltungen wie dem Gamecity Treff oder sehr umfangreich im Games Lift Inkubator. Hier erhalten junge Teams Zugang zu Branchenexpertise und Kontakten, um Projekte umzusetzen und erfolgreich zu werden. Das hat natürlich auch mit Geld zu tun. Mit der Prototypenförderung hat Gamecity Hamburg seit 2020 bereits 22 Unternehmen und Start-ups mit rund 1.240.000 Euro unterstützt. Ebenso kann die Stadt Hamburg aktiv dabei helfen, beispielsweise Fördertöpfe des Bundes nicht nur zu identifizieren, sondern auch entsprechende Mittel zielführend zu beantragen.

Nimmt sich die Stadt dafür das Recht heraus, den geförderten Start-ups in die Projekte reinzureden?

Nein, absolut nicht. Auch wenn es kritische Themen, wie zum Beispiel bestimmte Monetarisierungs-Mechanismen bei Free-To-Play gibt, bin ich eher für zielführende Debatten und gegen strikte Verbote. Wir als Stadt helfen bei den Rahmenbedingungen. Das kann auch die Suche nach Räumen sein, das Aufzeigen wichtiger Ansprechpartner oder eben Einladungen zu Events, bei denen man sich vernetzen kann.

Muss man für die Spiele-Stadt Hamburg also bereits in der Branche aktiv sein?

Das ist nicht nötig. Wir setzen ja auch bereits bei der Bildung an. An der HAW Hamburg gibt es zum Beispiel einen Master im Bereich Games. Dort reicht bloßes Interesse – und natürlich eine erfolgreiche Bewerbung – für den Einstieg in die Branche. Ohne unser Engagement gäbe es diesen Studiengang nicht.

Dr. Carsten Brosda: So will ein Hamburger Senator die Hansestadt zur Gaming-Hochburg machen – und IT-Fachkräfte locken

Ist das nicht höchst ungewöhnlich für die Politik, das stigmatisierte Thema Gaming so umfassend zu fördern?

Games sind nicht das, was in den Medien und der Öffentlichkeit besonders in den 2000er Jahren verschrien war. Im Gegenteil: Das ist ein relevanter, wirtschaftlicher Zweig, der viele Teildisziplinen anderer Branchen miteinander verbindet. Und um den wollen wir uns genauso intensiv kümmern wie wir das auch mit Verlagshäusern, Musikpublishern und der Filmbranche machen.

Daedalic macht vor, wie es geht

Gibt es dafür aus der Hansestadt bereits ein Vorzeigeprojekt, bei dem das gelungen ist?

Absolut. Sie kennen sicher Daedalic Entertainment und Spiele wie „Deponia“ oder das gerade in der Entwicklung befindliche „Der Herr der Ringe: Gollum“. Das sind echte Hamburgensien, die auch durch die Förderung der Stadt so erfolgreich geworden sind. Das Unternehmen gehört inzwischen Nacon, also Bigben Interactive aus Frankreich, und es arbeiten dort noch immer 80 Menschen in Hamburg.

Würde es für den Standort Hamburg nicht auch Sinn ergeben, die ganz großen Namen der Branche in die Stadt zu locken? Also Ubisoft, EA oder Nintendo?

Es wäre natürlich schön, wenn diese Unternehmen in Hamburg ansässig wären, aber das ist nicht unser primäres Ziel. Denn sind wir ehrlich: Ein Standortwechsel einer erfolgreichen Firma hängt einzig und allein damit zusammen, was sich an der neuen Adresse für finanzielle Vorteile bieten. Da muss man eine Menge Geld auf den Tisch legen, das wir lieber anders investieren. Wir wollen, dass die Branche in Hamburg dynamisch und organisch wächst.

Aber es gibt die Branchengrößen hier, nicht wahr?

Das stimmt. Aber die haben wir nicht herbeisubventioniert, sondern die sind – wie InnoGames, GoodGames, Gamingo oder BigPoint – hier gewachsen. Und Firmen wie Capcom, Niantic oder Square Enix nutzen Hamburg als Brückenkopf in den deutschen Markt. Aber die haben hier natürlich eine andere Aufgabe, da deren Spiele ganz woanders entstehen.

Kommen wir mal zu den Gamerinnen und Gamern – wie macht sich die Gaming-Stadt Hamburg für Privatmenschen bemerkbar? Haben Sie schonmal überlegt, die Gamescom in die Hansestadt zu holen? Die scheint mir gerade in Köln sowieso etwas zu wackeln, nachdem so viele Publisher ihre Teilnahme für dieses Jahr abgesagt haben.

Hier gilt wohl das gleiche, wie bei den großen Publishern. Die Gamescom wäre hier natürlich auch herzlich willkommen, aber es macht aus unserer Sicht keinen Sinn, ganz viel Geld auf den Tisch zu legen, um die Messe irgendwie nach Hamburg zu holen. Aber es gibt hier durchaus spannende Veranstaltungen. Dieses Jahr findet Ende Oktober zum ersten Mal die Polaris statt. Das ist eine Messe, die zumindest dem Community-Teil der Gamescom nicht unähnlich ist.

Also auch hier wieder: lieber Eigengewächse.

Richtig. Es macht aus unsere Sicht einfach mehr Sinn, Projekte zu fördern, die hier vor Ort entstehen. Nehmen Sie die Online Marketing Rockstars als Beispiel. Wie die sich in den letzten Jahren entwickelt haben und wie viele damals größere Wettbewerber das Unternehmen hinter sich gelassen hat, ist großartig. Das Konzept scheint also aufzugehen – übrigens auch in der Musikszene. Früher haben alle von der Popkomm in Köln und später Berlin gesprochen. Mittlerweile ist es das Reeperbahn-Festival, über das man spricht. Nicht eingekauft, sondern selbstgemacht.

Digitale Akten statt Online-Shooter

Spielen Sie eigentlich selbst?

Ich muss gestehen, in den letzten Jahren weniger. Mir fehlt einfach die Zeit. Corona hat dabei nicht geholfen (lacht). Denn seitdem die Behörde weiß, dass man mir auch digital Akten auf den Tisch legen kann, fluten die auch den Rechner.

Ich unterstelle Ihnen dennoch, dass Sie bestimmt Einblicke in neue Technologien und Projekte haben, die unsereins vielleicht noch nicht kennt. Was ist also das nächste große Ding der Gaming-Branche?

Wenn ich das nur wüsste. Vielleicht ist es wirklich Virtual Reality. Ich glaube ja, dass wir immer noch davor sind, zu begreifen, was eigentlich aus diesem Bereich wird. Das liegt auch daran, dass die ganzen Apparate einfach noch nicht alltagstauglich sind und bisher nur eine kleine Nische bedienen. Wenn man die Idee einer virtuellen Realität – oder erweiterten Realität – aber in ein anderes Format brächte, beispielsweise eine Kontaktlinse, dann glaube ich, wäre das wohl ein Durchbruch, der weltweit Erfolg haben könnte. Wann das soweit ist, weiß ich aber nicht. Vielleicht demnächst, vielleicht in vielen Jahren. Bis kurz vor der iPhone-Keynote 2007 wusste auch keiner, dass sich die Welt bald verändern würde.

Ok, zurück aus der Zukunft: Was tut sich denn ganz aktuell in Hamburg?

Ganz aktuell haben wie die Bewerbungsphase für den Games Lift Inkubator geschlossen und dürften sehr bald wieder tolle Entwickler-Teams bei der Ausarbeitung von Konzepten unterstützen. Auch das läuft über Gamecity Hamburg. Dort arbeiten sieben Menschen in Voll- und Teilzeit, die sich nur um die Koordination kümmern. Dadurch bekommt man dann auch Fachkräfte und hält sie am Standort.

Und für Spieler?

Tatsächlich wollen wir uns auch den Bereich E-Sport näher ansehen und abseits der reinen Spieleentwicklung tätig werden. Da stellt sich die Herausforderung, wie man das bestehende Netzwerk für neue Projekte in diesem Bereich aktivieren kann, die auch den Spieler und das Alltagsphänomen des kompetitiven Spielens involvieren.

Lieben Dank für das Gespräch, Herr Dr. Brosda.


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