VG-Wort Pixel

David Colombo über Fachkräftemangel Tesla-Hacker will auswandern: "IT-Talente versauern in Deutschland"

David Colombo
Der "Tesla-Hacker" David Colombo sieht seine Zukunft nicht in Deutschland.
© Privat
Die deutsche Wirtschaft klagt über Fachkräftemangel und fehlende IT-Spezialisten. Der 19-jährige David Colombo, ein Ausnahmetalent der hiesigen IT-Szene, erklärt dem stern im Interview, warum das wohl so bleiben wird.

Als "Tesla-Hacker" machte sich David Colombo Anfang des Jahres einen Namen. Dem 19-jährigen war es gelungen, aus seinem Jugendzimmer im fränkischen Dinkelsbühl Fahrzeuge auf der ganzen Welt zu erreichen und zu Testzwecken bestimmte Funktionen auszulösen, nachdem er vorher die Halter um Erlaubnis bat. Mitte Januar erklärte er dem stern, wie ihm das gelungen war. Diesem Hack, der internationale Aufmerksamkeit erfuhr, waren fast zehn Jahre unaufhörliches Lernen vorausgegangen – aber nicht in der Schule.

Denn seit seinem 15. Lebensjahr konzentriert sich Colombo auf IT-Sicherheit und sein Unternehmen, die Schule besuchte er dank einer Ausnahmegenehmigung der Nürnberger Handelskammer nur noch an 1-2 Tagen wöchentlich. Programmieren lernte er mit zehn Jahren, neben Tesla stieg er auch in die Systeme von Red Bull ein und meldete dem US-Verteidigungsministerium eine Schwachstelle. Kurzgesagt: David Colombo ist so einer, den die deutsche Wirtschaft meint, wenn sie von Fachkräften spricht. Bekommen werden sie ihn aber wohl nicht. Über die Gründe sprach der Jungunternehmer mit dem stern.

David, schön von dir zu hören. Seit deinem Tesla-Hack ist viel passiert. Erzähl mal.

David Colombo: Aktuell reise ich viel. Nach dem Hack bekam ich Einladungen aus der ganzen Welt, unter anderem Tel Aviv und Dubai. Danach ging es direkt nach San Francisco und ins Silicon Valley. Dort kann ich mit vielen Leuten aus der Branche netzwerken und über meine Arbeit sprechen, da ich Cyber Security als einen der Grundpfeiler einer digitalen Zukunft sehe. Danach entscheide ich wohl, wo es für mich beruflich und privat weitergeht. In Deutschland eher nicht.

Eine krasse Entscheidung. Wie kommt's?

David Colombo: Vermutlich, weil ich aus all' diesen Ländern Einladungen bekommen habe und die echtes Interesse signalisiert haben – und aus Deutschland kam nichts. (lacht) Nein im Ernst: Ich stamme aus Dinkelsbühl, mitten im fränkischen Nirgendwo. Absolut niemand spricht hier über Innovationen und Technologie – und ich dachte lange, das sei völlig normal. Erst auf meinen Reisen habe ich gemerkt, wie abgehängt man hier ist. 

Woran?

David Colombo: Naja, nehmen wir Dubai als Beispiel. Dort hatte jeder, mit dem ich gesprochen habe, Lust und Leidenschaft für Technologie und Zukunftsthemen. Und das ist kein Gerede, das merkt man. Nehmen wir an, du musst irgendwas für dein Visum oder so beim Amt beantragen. In Deutschland: Ab zum Amt, lange warten, Papierkrieg, Zettelwirtschaft. In Dubai macht man das online und kann es abhaken. Manchmal ist es die Summe der kleinen Dinge.

Okay, aber daran kann es ja nicht liegen.

David Colombo: Nein, damit fängt es aber an und zeigt, wie diese Länder denken. Anderes Beispiel: Tel Aviv. Da muss jeder Volljährige zum Militär. Die krabbeln aber dann nicht nur über Felder und falten ihre Hemden auf Din A4, sondern ganz viele landen in den Tech- und Intelligence-Units, also Cybersecurity und werden darauf getrimmt. Dadurch hast du dann plötzlich ein Land voller junger Leute, die voll im Thema sind und sich auskennen. Das formt letztlich auch die digitale Landschaft und die Unternehmenskultur.

Du meinst bei jungen Unternehmen?

David Colombo: Absolut. Dort stehen Innovationen im Vordergrund, nicht die Bürokratie. Wer in Deutschland gründet, ist wirklich verrückt. (lacht) Der Unterschied ist einfach zu groß, als dass es für mich Sinn machen würde, hier zu bleiben.

Jetzt vergleichst du aber auch die Frankenalb mit Konferenzen und Treffen, die thematisch sehr spitz aufgestellt sind, oder? Hast du ähnliche Erfahrungen in Deutschland gar nicht gemacht?

David Colombo: Natürlich gibt es auch in Berlin oder München eine Szene und solche Konferenzen, aber ich beziehe mich ja nicht nur auf diese Treffen, sondern auf die Mentalität dieser Länder. Da kommen wir wieder zu Dubai: Da sitzen in den Emirates Towers die ganzen Regierungschefs und Minister und in den unteren Geschossen das Youth Hub, wo man als junger Mensch an coolen Projekten arbeiten kann und gesehen wird. Der Minister für Digital Economy hat sein Büro direkt im Dubai Future Lab, fünf Meter neben den Robotern und Drohnen, welche dort gerade entwickelt werden. Da stimmt einfach die Einstellung auf Seiten der Regierung und man merkt, wie wichtig denen Technologie und Innovationen sind.

Und Deutschland? Welche konkreten Hürden sind dir denn hier begegnet, die dein "Mindset" so beeinflusst haben?

David Colombo: Also die Anmeldung meines Unternehmens mit meiner Steuer ID hat zum Beispiel Monate gedauert. Damit geht's los. Und dann stößt du immer wieder auf Situationen, wo du plötzlich irgendwas ausdrucken und das per Fax in irgendeine Bude schicken musst. Weißt du, wie abschreckend das für junge Leute wie mich ist, die einfach nicht verstehen können, warum wir hier noch so krass veraltet sind? Da bleibt man oft sprachlos zurück und kommt ins Grübeln. Ähnliche Negativerfahrungen mache ich leider auch immer wieder mit den Leuten hier im Land.

Was meinst du?

David Colombo: Durch meine Tesla-Geschichte bin ich mit wahnsinnig vielen Leuten ins Gespräch gekommen. Die meisten von denen waren ehrlich interessiert und wirklich cool drauf. Rate mal, aus welchem Land die Personen kamen, die sofort einen Vorteil für sich gesucht haben und meine Arbeit ausnutzen wollten?

Deutschland?

David Colombo: Absolut korrekt. Die einzigen Menschen, mit denen ich negative Erfahrungen gemacht habe, kamen aus dem deutschsprachigen Raum. Ich erinnere mich an diesen Unternehmensberater, der sofort mit meinem Gesicht werben wollte und bei einer Absage sofort pampig und unfreundlich wurde. Über die Arbeit an sich wollte hier keiner so richtig sprechen, es gab einfach kein ehrliches Interesse an den Themen. Das ist anderswo einfach viel besser.

Und das reicht dir als Grund, dein Glück anderswo zu suchen?

David Colombo: Ja, richtig. Die deutsche Industrie weint so laut über Fachkräftemangel – aber wenn man so ein Umfeld bietet, auch auf Bundesebene, dann muss man sich nicht wundern. Leute wie ich denken anders, wir funktionieren anders. Und warum sollte man sich dem aussetzen, wenn man anderswo sofort an spannenden Projekten arbeiten kann und die Strukturen einem den Rücken freihalten? Nach nur drei Wochen im Silicon Valley weiß ich, wie geil die Arbeit sein kann, wenn das Umfeld stimmt. Und siehe da, man trifft dann doch auch immer mal wieder andere deutsche Talente, die mittlerweile hier sind, anstatt bei deutschen Unternehmen zu versauern.

Was müsste sich denn deiner Ansicht nach ändern?

David Colombo: Das ganze Mindset und die Unternehmenskulturen müssen sich dringend ändern. Ich will nicht in ein Korsett gepresst werden, wo ich im Anzug acht Stunden täglich irgendwo sitze. Ich will, dass die Arbeit, die Projekte und das Ergebnis zählen, keine Politik, keine Hierarchie und diese ganzen einengenden Regeln. In Tel Aviv sitzen die IT-Fachkräfte in Flip-Flops am Strand und arbeiten trotzdem effizient, manchmal halt auch nachts, dafür aber nicht tagsüber. Diese Flexibilität hast du hier vielerorts nicht. Der Spaß kommt mir da einfach zu kurz. Wenn man allerdings Spaß bei der Arbeit hat, arbeitet man halt auch deutlich länger und effektiver. Zumindest ist das bei mir so.

Wo müsste die Änderung denn beginnen?

David Colombo: Na, schau dir meinen Lebenslauf doch an. In der Schule natürlich. Ich habe mich schon mit spätestens 15 gefragt, wozu ich da eigentlich sitze und irgendwelche Gedichte über Birnenbäume interpretieren muss. Wem hilft denn das? Von den wirklich wichtigen Themen dieser Zeit hörst du da nichts, überhaupt gar nichts. Auch hier wieder: Hauptsache man hat fixe Strukturen und handelt maximal unflexibel. Furchtbar.

Video im Zeitraffer: Hohe Wolkenkratzer ragen über Nebenwolke heraus

Hast du das schonmal anders erlebt?

David Colombo: Ja, wieder in Dubai. Da war der Bildungsminister vorher verantwortlich für Unternehmertum, kommt also direkt aus der Wirtschaft und war CEO eines Konzerns für erneuerbare Energien. Die setzen da einfach die Prioritäten anders. Ich meine – die haben eine Ministerin für frühkindliche Erziehung. Da kommen die Kids schon ab dem vierten Lebensjahr mit Themen in Kontakt, die man hier entweder autodidaktisch lernt oder eben verpennt. Das geht einfach nicht. Ich will gar nicht wissen, wie viele Talente aktuell auf der Strecke bleiben. Echt nicht.

Was hast du denn eigentlich für einen Abschluss?

David Colombo (lacht): Technisch gesehen habe ich einen Hauptschulabschluss. Ich war nach der Schule zwar noch die 1-2 Tage auf der Berufsschule, habe dort aber keinen Abschluss mehr gemacht, weil das für mich keinen Sinn gemacht hat. Spätestens als uns da ein Lehrer Code mit einer deutlichen Schwachstelle beibringen wollte, wusste ich, dass das nichts bringt. Ich mache da aber keiner Lehrkraft einen Vorwurf. Die Leute, die die Speerspitze der deutschen IT-Szene darstellen, würden bei den aktuellen Bedingungen niemals in die Lehre gehen. Da fehlt es auch einfach an Personal und Geld.

Also? Was sind die nächsten Schritte für den Tesla-Hacker?

David Colombo: Ich gehe nach den ganzen Reisen in mich, da ich aktuell noch gar nicht weiß, welche Türen mir dann offenstehen. Vielleicht führe ich mein Unternehmen erstmal weiter, vielleicht steige ich bei einem Start-up oder Silicon-Valley-Unternehmen ein. Mittlerweile liegen einige gute Angebote auf dem Tisch (lacht). Hauptsache ich arbeite mit spannenden und brillanten Menschen in einer coolen Umgebung – ohne unnötige Hürden.


Mehr zum Thema



Newsticker