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Amazon kauft Twitch: Wieso der Videodienst Gamern eine Milliarde Dollar wert ist

Games machen nur Spaß, wenn man selbst spielt? Die Videoplattform Twitch beweist das Gegenteil: Mehr als 50 Millionen Menschen gucken begeistert zu, wie andere User am Bildschirm ballern und bolzen.

Von Christoph Fröhlich

Wenn ich früher gemeinsam mit meinem Bruder vor dem Fernseher saß, und wir ein neues Videospiel für das Nintendo 64 bekamen, gab es oft ein Problem: Nur einer von uns beiden durfte daddeln, denn nur wenige Spiele hatten einen Multiplayer-Modus. Während mein Bruder also mit dem rüttelnden Controller in der Hand durch fremde Welten hüpfte, blieb mir nichts weiter übrig, als zuzuschauen.

Das hat sich im Wesentlichen bis heute nicht geändert, selbst Blockbuster wie Sonys "The Last Of US" oder "GTA V" sind auf Einzelspieler ausgerichtet. Nur das Zuschauen ist heute keine Strafe mehr - dank der Videoplattform Twitch, die nun überraschend von Amazon für stolze 970 Millionen Dollar gekauft wurde. Der Shoppingriese will sich mit dem Zukauf stärker gegen Goggle positionieren. Doch warum ist ein Streamingdienst für Gamer knapp eine Milliarde wert?

50 Millionen aktive Zuschauer

Twitch bedeutet übersetzt "zucken", es ist eine Anspielung an die meist schnellen Reflexe der Gamer, wenn sie ihren Videospielfiguren in Sekundenbruchteilen Befehle geben. Dahinter verbirgt sich eine Internetplattform, die es Gamern erlaubt, mit wenig Aufwand die eigenen Spielepartien live ins Netz zu übertragen. Am PC muss dafür nur eine Software installiert werden, auf Microsofts Xbox One und Sonys Playstation 4 ist das Tool bereits vorinstalliert.

Gestartet wurde Twitch im Juni 2011, mittlerweile hat der Dienst etwa 50 Millionen aktive Nutzer. Im Vergleich zu Youtube ist das nicht viel, der Marktführer in Sachen Online-Videos hat mehr als eine Milliarde Nutzer pro Monat. Doch Twitch wächst enorm schnell: Einer US-Netzwerkanalyse vom Februar zufolge sorgt Twitch in den Abendstunden schon jetzt für mehr Datentraffic als Facebook, der Streamingdienste Hulu oder Amazon. Knapp zwei Prozent des gesamten Webtraffics laufen über Twitch. Zudem verbringen Gamer sehr viel Zeit mit ihrem Hobby und schauen länger Videos als der durchschnittliche Youtube-Nutzer. Die Firma hinter Twitch kommt beim derzeitigen Wachstum kaum noch mit dem Ausbau der Server hinterher.

30 Jahre Konsolen-Controller: Volle Kontrolle
Minimalistisch: Der Controller für das Spiel "Teletennis" ist nur ein flaches schwarzes Kästchen mit einem einzelnen silbernen Knopf.

Minimalistisch: Der Controller für das Spiel "Teletennis" ist nur ein flaches schwarzes Kästchen mit einem einzelnen silbernen Knopf.

Zwar gibt es Gamingvideos auch auf Youtube - die populärsten sind die "Let's Play"-Clips -, doch Twitch ist ein Livekanal, der den Zuschauern mehr Möglichkeiten einräumt. So können Sie im Chat das Spielgeschehen kommentieren und ihr Idol geht direkt auf ihre Anmerkungen ein. Einigen Fans ist das sogar Geld wert: Für ei ne monatliche Abogebühr in Höhe von wenigen Euro kann ein Kanal abonniert werden, dann werden zusätzlich einige Goodies wie eine höhere Auflösung oder spezielle Smileys für den Chat freigeschaltet. Ansonsten finanziert sich die Seite über Werbung.

Roboter statt Ronaldo

Zu den Publikumslieblingen gehören Wettbewerbsspiele wie "League of Legends", "Dota 2", "Starcraft II", "World of Warcraft" oder die Klötzchen-Simulation "Minecraft". Der Erfolg von Twitch zeigt, wie populär die eSport-Szene geworden ist: Ende Juli veranstaltete der Videospiel-Hersteller Valve in Seattle ein "Dota 2"-Turnier mit einem Preisgeld von mehr als fünf Millionen Dollar. Die Sieger räumten pro Kopf rund 740.000 Euro ab - mehr als die deutschen Nationalspieler, die in Brasilien eine Rekord-Prämie von 300.000 Euro einheimsten.

Statt Fußball schauen viele Jugendliche im Netz lieber zu, wie sich virtuelle Sportler in beliebten Online-Spielen duellieren. Im vergangenen Jahr sahen Spielefans 2,4 Milliarden Stunden lang anderen Menschen beim Zocken zu, ermittelte der Analysedienst IHS. Längst ist Gaming für viele Firmen und Sponsoren zum Milliardengeschäft geworden.

Doch auch Kuriositäten erfreuen sich auf Twitch großer Beliebtheit. Anfang des Jahres wagten Zehntausende Gamer ein ungewöhnliches Experiment: Sie spielten gemeinsam das 1999 in Deutschland für den Gameboy erschienene Spiel "Pokemon". In einem Chatfenster konnten Befehle wie "A" oder "Select" eingeben werden, eine Software analysierte die virtuellen Kommandos und übermittelte sie an das Spiel. Nach 16 Tagen und sieben Stunden ununterbrochenen Spielens war Pokemon durchgespielt, laut "BBC" waren mehr als eine Million Menschen an der Aktion beteiligt.