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Millionengeschäft Simulationsspiel: Verpixelte Männerträume

Trecker fahren, Feuer löschen, Steine kloppen - Simulationsspiele sind Verkaufsschlager. Dabei sind die meisten ziemlich hässlich und langweilig. Erklärung eines Phänomens.

Von Christoph Fröhlich

Einmal zum Mond fliegen. Bagger fahren. Lokomotivführer werden. Viele dieser Kindheitswünsche bleiben unerfüllt. Das weiß auch Dirk Walner, Geschäftsführer der Videospielfirma Astragon. Sein Unternehmen hat sich auf Berufs- und Fahrzeugsimulationen für den PC spezialisiert, vom "Angel"- bis zum "Kehrmaschinen-Simulator" hat er alles im Angebot. Und das Geschäft brummt. Mehr als 450.000 Spiele verkaufte der Mönchengladbacher Spielepublisher im vergangenen Jahr alleine von seinem "Landwirtschafts-Simulator". Damit verdrängte die Bauernhofsimulation sogar den jahrelangen Genreprimus "World of Warcraft" in der Kategorie "Videospiele unter 28 Euro" von der Spitze der Verkaufscharts.

Es ist eine deutsche Erfolgsgeschichte, die niemand so recht versteht. Im Ausland werden die Spiele belächelt, Fachzeitschriften verreißen die immer neuen Fahrzeug-Ableger. "PC Action" beispielsweise kürt die Spiele regelmäßig zum "Schrott des Monats". Astragon ist das Modern Talking der Videospielhersteller: Niemand gibt zu, ihre Werke zu mögen, und doch knacken sie einen Rekord nach dem anderen. Doch wer kauft all die Simulationen?

Nicht schön, aber langweilig

"Es gibt eine sehr große Zielgruppe, die sich generell für das Genre interessiert", erklärt Walner dem Branchenmagazin "Gamesmarkt". Der größte Teil seien Spieler, die sich einen Kindheitstraum erfüllen wollen. Doch auch echte Bauern, Feuerwehrleute oder Holzfäller, die ihrem stressigen Alltag entfliehen, zählen zur Stammkundschaft des Unternehmens. Am heimischen Computer können sie ganz ohne Druck in der ihnen vertrauten Branche arbeiten. Sie drehen einfach ihre einsamen Runden auf dem Getreidefeld oder der Landstraße und genießen die Ruhe. Die kommt nicht von ungefähr: Die Spielwelt ist häufig so karg gestaltet, dass selbst der Mond lebendiger rüberkommt.

Dass die Spiele – vorsichtig ausgedrückt - mangelhaft programmiert sind, stört die meisten Fans nicht. "Realistischer ist nur die Realität", bewirbt Astragon beispielsweise seinen "Untertagebau-Simulator 2011" auf dem Onlinemarktplatz "Amazon". Hier können Steine aus der Wand gebrochen und Stollen gegraben werden, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Leider ist das auch der einzige Vorteil des Spiels. Denn wo 2011 drauf steht, ist nicht immer 2011 drin: Die Grafik wirkt wie ein Relikt aus dem Jahr 1998, die Spielphysik trotzt jedem Lehrbuch.

Doch es ist nicht nur die Grafik, die enttäuscht, auch die hakelige Steuerung sorgt für Frustmomente in den zahlreichen Simulatoren. Oder ist es realistisch, dass sich Feuerwehrauto, Bohrwagen und Co. ähnlich präzise lenken wie ein Einkaufswagen? Dass fast alle Simulationen in Testberichten schlecht abschneiden, liegt daran, dass die meisten Hersteller auf einen vorgefertigten Baukasten setzen. Lenkt sich das Feuerwehrauto schlecht, steuert sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch die Abrissbirne oder die Asphaltfräse bescheiden. Nur selten überzeugen die Spiele mit individuellen Animationen oder liebevoller Gestaltung.

Bauer sucht Hof

Umso kreativer sind die Hersteller bei der Wahl der Szenarien: Gab es vor wenigen Jahren nur Zug- oder Flugsimulatoren, können heute Häuser in die Luft gejagt ("Spreng- und Abriss-Simulator"), Straßen gereinigt ("Kehrmaschinen-Simulator") oder Steine herumgefahren werden ("Steinbruch-Simulator"). Ungeschlagener Genrekönig ist aber immer noch der "Landwirtschafts-Simulator". Er ist der Dauerbrenner unter den Simulationsspielen: Seit 2008 drehen Hobbybauern mit Traktoren, Erntemaschinen und Mähdreschern ihre Runden und träumen dabei vom idyllischen Landleben.

Zwar ist der "Landwirtschafts-Simulator" einer der besten Astragon-Titel, doch mit Leben erfüllt wird er vor allem durch den tatkräftigen Einsatz der Spieler. Die so genannten Modder verändern die Simulation und erschaffen mit Hilfe des Editors eigene Fahrzeuge und Gebäude. Ihre Ergebnisse stellen die Hobby-Bastler anschließend anderen Fans zur Verfügung. Mittlerweile kann man das Programm um zusätzliche Elemente wie eine Fachwerkscheune oder neue Anhänger für den Lieblingstraktor erweitern – und das kostenlos. "Für die jüngere Zielgruppe ist das einer der Hauptanreize", erzählt Astragon-Pressesprecher Felix Buschmann dem "Gamesmarkt".

Unverstandene Gattung

Obwohl die Simulatoren regelmäßig die Charts stürmen, werden sie von vielen Gamern belächelt. Die Spiele seien "Müll fürs Laufwerk", lautet ein Kommentar auf dem Videoportal Youtube zum "Untertagebau-Simulator". Nicht besser schneidet der "Feuerwehr-Simulator" ab: "Die Idee ist nicht schlecht, aber die Umsetzung ist grottig." Nicht nur Astragon bedient den Markt der Fahrzeug-Simulationen: Auch der Mutterkonzern Rondomedia oder UIG Entertainment produzieren die häufig zweit- oder drittklassige Software.

Vor allem UIG entwickelt sich zum größten Konkurrenten für Astragon: Mit neuen Marken wie dem "Wolkenkratzer-", "Bungeejumping-" und "Panzer-Simulator" spricht das Münchener Unternehmen neue Zielgruppen an. Mit der "Agrar-Simulator 2012 Deluxe Edition" erscheint Ende November der nächste potenzielle Verkaufshit. Auch der wird seine Käufer finden, obwohl der Vorgänger beim Videospielmagazin "4Players" das am schlechtesten bewertete Videospiel des vergangenen Jahres war: Die Redaktion vergab lediglich einen Prozentpunkt, weniger geht nicht. Astragon wiederum veröffentlicht demnächst den "Bau-Simulator 2012". Ob der anders ist als sein Vorgänger, bleibt fraglich. Nur eines ist sicher in der Welt der Simulatoren: Der nächste Teil ist schon auf dem Weg.