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Facebook, Daten und die Schufa: Stasi-Methoden für den Kapitalismus

Die Schufa will Finanzdaten und soziales Internet in Auskunftsdateien verknüpfen. Der gläserne Konsumbürger wäre das Ende der Öffentlichkeit im Internet.

Ein Kommentar von Gernot Kramper

Kontostand, Versicherungsdaten, Leasingraten - verknüpft mit allen Daten, die man im Netz finden kann, und natürlich mit Klarnamen und echter Adresse versehen. Das alles schön zusammengefasst auf einer Auskunftsdatei, die jeder kaufen kann. So sieht nach Informationen des NDR die Vision der Schufa aus, so wollen die Datensammler aus Wiesbaden auch im Internetzeitalter die führende Auskunftei in Deutschland bleiben.

Zusätzlich zu den Daten aus Verträgen, Bankverbindungen und anderem, die die Schufa heute schon sammelt, möchte die Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung die Datenbestände des Internets nutzen. Bedenken sind nicht zu erkennen. Wer könnte auch etwas dagegen haben? Es sei ja alles "öffentlich".

Öffentlich darf nicht rechtlos bedeuten

Damit wird der Begriff der Öffentlichkeit pervertiert, denn Öffentlichkeit wird letztlich mit "rechtlos" und zum "kommerziellen Ausschlachten freigeben" übersetzt. Das ist ein Generalangriff auf eine freiheitliche Gesellschaft, in der Öffentlichkeit zunächst einmal den freien Austausch der Bürger gewährleistet und nicht das Ausspähen ihrer Kommunikation und Neigungen. Hinter diesen Plänen steckt nichts anderes als die Mentalität einer Staatssicherheit der freien Marktwirtschaft. Hat die Stasi noch mühsam Gespräche unter Kollegen und in der Kneipe belauscht und mitgeschnitten, will die Schufa die Daten des Internets und davon besonders die Daten aus den sozialen Netzwerken plündern.

Man kann sich vor der geplanten Ausspähung schützen. Man kann wichtige Informationen gar nicht ins Netz stellen, irreführende Daten angeben oder seine Datenschutzeinträge bei Facebook rigide handhaben. Diese Schutzmaßnahmen können aber keine Entschuldigung für Datenräuber sein: Nach dieser Logik sollte man auch Codewörter beim Telefonieren verwenden, um das Aushorchen zu erschweren.

Anders gesagt: Würden alle Bürger der Stealth-Taktik folgen, gäbe es keine Öffentlichkeit mehr im Internet. Jeder, der nicht möchte, dass seine Äußerungen von der Schufa und anderen Firmen kommerzialisiert werden, muss unsichtbar bleiben. Er muss dem Internet entweder fern bleiben oder sich in privat abgeschlossenen Zirkeln aufhalten. So als würde man sich für private Gespräche in eine abhörsichere Kammer zurückziehen müssen.

Informelle Schnüffel-Accounts

Aber der Schufa reicht diese zerstörerische Definition von Öffentlichkeit nicht aus. Für den Fall, dass die frei zugänglichen Informationen für die gewünschten Schnüffelprofile nicht genug hergeben, soll gleich mit erforscht werden, wie mittels gefakter Accounts weitere Informationen gesammelt werden können. Die sogenannte "Forschung" auf diesem Gebiet ist noch nicht zu Ende, trotzdem drängt sich die Analogie zum Informellen Mitarbeiter auf. Heute muss man nicht unglückliche Verwandte erpressen, bei Facebook würden erfundene Personen diese Rolle übernehmen. Virtuelle Buddys, die sich in Freundeskreise einschleusen, nur um deren Daten abzusaugen.

Wer beendet den Datenraub?

Diese Pläne sind unerträglich und bestätigen das Feindbild von der Datenkrake Schufa. Fragt sich nur, von wem der Bürger jetzt schnelle und wirksame Hilfe erhält. Von der Bundesregierung, die der Schnüffelforschung und dem Datenraub sofort einen Riegel vorschieben könnte, wenn sie nur wollte? Oder von Personen wie Mark Zuckerberg?

Dem Facebook-Boss können Trittbrettfahrer wie die Schufa nicht recht sein. Deren Art von Informationspiraterie zerstört das Vertrauen in die Datensicherheit der sozialen Netzwerke weit mehr, als es Datenschutzmängel bei Facebook selbst je könnten. Für Zuckerberg geht es nicht nur um das Image, sondern um das Geschäft: Die Userdaten sind das Kapital von Facebook, das Absaugen und kostenlose Weiterverwenden durch Dritte wäre das Ende des Geschäftsmodells. Zwar kann Zuckerberg kein Gesetz erlassen, aber er könnte die Schufa-Absichten durch seine Geschäftsbedingungen im Keim ersticken.