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Flashmob: Fünf Minuten Anarchie

Wenn Sie demnächst in der Stadt einer Gruppe merkwürdiger Menschen begegnen, erschrecken Sie nicht: Wahrscheinlich ist es ein Flashmob.

Jajajajajaja! Als das seltsame Gemurmel vor dem Haupteingang des "Kaufhauses des Westens" (KaDeWe) anschwillt, klingt es, als würde ein irre gewordener Mönchs-Chor dadaistische Verse rezitieren. "Jajajajaja", immer wieder "jajajajaja". Es mögen fünfzig Leute sein, überwiegend jung, überwiegend Männer, die um exakt 18 Uhr wie auf ein Zeichen hin ihre Mobiltelefone aus den Taschen gezogen haben, sie sich nun ans Ohr halten und prompt in eine Art meditativen Sprechgesang verfallen sind. Nach gut einer Minute steckt die Menge ihre Handys weg und beginnt, frenetisch zu applaudieren. Dann, ebenso schlagartig, verschwinden die Akteure wieder.

Spaß-Happening

Die Versammlung am Freitag vergangener Woche war ein "Flashmob" - immer öfter treffen sich Menschen neuerdings zu solchen Spaß-Happenings, bei denen es allein darum geht, sich gemeinsam möglichst merkwürdig zu verhalten. Das Wort leitet sich aus den englischen Begriffen "flash" (Blitz - wegen der Kürze des Ereignisses) und "mob" (Menschenmenge) ab. Benötigt werden allein eine absurde Idee, eine Verabredung per SMS, Mail oder Website und genau gehende Armbanduhren - um gleichzeitig loslegen zu können.

Versammlungsorte sind Brücken, Einkaufsstraßen, Bahnhöfe, Sehenswürdigkeiten - Plätze mit möglichst vielen zufälligen Zuschauern. In Köln rissen Flashmobber vor dem Hauptportal des Doms die Arme in die Luft und riefen, sich dabei im Kreis drehend, immer wieder "ecki ecki ecki". Andere beißen in der Waschmaschinenabteilung eines Kaufhauses synchron in Bananen, wieder andere applaudieren grundlos ahnungslosen Anwesenden oder machen die La-Ola-Welle oder fallen sich gegenseitig um den Hals - und verschwinden dann schnell wieder. Wenn alle Augenzeugen verwirrt sind, als hätten sie ein Ufo gesehen, war die Aktion erfolgreich.

Weltweite Bewegung

Aus der spinnerten Idee eines verschrobenen New Yorkers ist in Windeseile eine weltweite Bewegung entstanden, die womöglich bald zum Internet gehört wie Chats oder Online-Banking. Nur wenige Wochen nach den ersten Aktionen in den USA hat die Flashmob-Idee jedenfalls Nachahmer in Europa gefunden. In Wien, London, Rom und Berlin hat es die ersten Spuk-Aktionen gegeben. Es folgten Heilbronn, Esslingen und Lüdenscheid.

Im Internet ist inzwischen ein Streit entbrannt, ob der Flashmob-Boom Vorbote einer neuen Protestkultur ist oder ob er sich durch seine eigene Popularität bald wieder selbst erledigen wird. Schon bemächtigen sich Radiosender und Event-Agenturen der Flashmobs als Werbemöglichkeit. Und auch mit der Presse hat die Bewegung zu kämpfen: Wenn schon eine Stunde vor dem Happening Kameras in Stellung gebracht werden, ist der Überraschungseffekt dahin. So übertönte in Berlin das Geklacke der Kameras zeitweise das Jajajajajaja-Gemurmel des Mobs. Und hinterher flohen einige Aktionisten vor den Mikrofonen, als wären sie Angeklagte in einem Rotlichtprozess. Wer blieb, wurde von den Journalisten bestürmt wie Spieler einer siegreichen Fußballmannschaft nach dem Schlusspfiff.

High durch Flashmob

Trotzdem sind schon in mehr als 30 deutschen Städten neue Aktionen geplant. Und die ersten Erfahrungsberichte in Internetforen klingen mitunter euphorisch wie Erweckungserlebnisse. Nach dem Bremer Happening, bei dem 50 Flashmobber Regenschirme aufgespannt und aus Büchern vorgelesen hatten, schrieb eine Carola: "Waaaaaaahhhhhnsinn! Meine Freundin und ich waren total high danach!" Ein Olli fügte hinzu: "Sehr krank. Gefällt mir."

Ulf Schönert / print
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