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Studie zu Onlinekriminalität Die Sorglosigkeit der Digital Na(t)ives


Immer online, souverän auf allen Kanälen unterwegs - und total sorglos. Eine Studie ergibt: Vor allem 20- bis 30-Jährige werden Opfer von Cyberkriminalität. Sollten sie nicht am besten gewappnet sein?
Von Ralf Sander

Digital Natives sind offenbar Gefahrensucher im Netz. Junge Menschen, die alle digitalen Kommunikationswege intensiv nutzen, gehen besonders häufig in die Fallen von Cybergangstern. Zu diesem Schluss kommt eine Studie zur Onlinekriminalität.

Schäden in Milliardenhöhe

Für seinen Cybercrime Report 2011 hat das US-amerikanische Unternehmen Symantec, Hersteller der Norton-Sicherheitsprodukte, knapp 20.000 Personen in 24 Ländern nach ihrem Onlineverhalten und ihren Erfahrungen mit Cyberkriminalität befragt. Die Untersuchung bezieht sich nur auf Privatpersonen, nicht auf Unternehmen.

In Deutschland entsteht laut der Studie ein direkter finanzieller Schaden in Höhe von insgesamt 16,4 Milliarden Euro. Durchschnittlich zehn Tage benötigt ein Kriminialitätsopfer, um den entstandenen Schaden zu regeln. Rechnet man die Kosten für den Zeitaufwand mit, erhöht sich der Schaden innerhalb eines Jahres auf 24,3 Milliarden Euro. 76 Prozent der befragten deutschen Erwachsenen gaben an, einmal in ihrem Leben Opfer von Cybercrime geworden zu sein. Jeden Zweiten hatte es sogar innerhalb der vergangenen zwölf Monate erwischt. Zu den Cyberverbrechen zählt Symantec Schadsoftware (Viren, Trojaner), Onlinebetrügerei (Phishing, Verkauf nicht existierender Waren), Diebstahl von persönlichen Informationen und Kredit- und Bankdaten, aber auch Belästigungen in sozialen Netzwerken (Cyberbullying, Stalking).

Wer trägt ein besonders hohes Risiko?

In dieser Ausgabe des Cybercrime Report hat Symantec ein besonderes Augenmerk auf die Opfer gelegt. Wer trägt ein besonders hohes Risiko, ein Onlineverbrechen zu erleben? Drei Antworten: Jüngere erwischt es eher als ältere, Männer häufiger als Frauen. Vielsurfer müssen häufiger dran glauben als Wenignutzer. Diese drei Trends kondensieren in einer Bevölkerungsschicht: den "Millennials" oder auch "Digital Natives", wie sie von Soziologen genannt werden. Menschen zwischen 20 und 30, die um die Jahrtausendwende ins Erwachsenenleben eingetreten sind und eine Zeit ohne Internet nicht mehr kennen. Der Cybercrime Report berichtet davon, dass weltweit rund 75 Prozent der 18- bis 35-Jährigen bereits Opfer von Cybercrime geworden sind - verglichen mit 61 Prozent der Babyboomer-Generation (geboren zwischen 1946 und 1964).

Dieser Befund wird unterstützt von den Ergebnissen einer anderen Untersuchung, die ebenfalls in dieser Woche veröffentlicht wurde: Die Security Studie des deutschen Symantec-Konkurrenten G Data hat das Wissen über die Gefahren im Internet untersucht - und dabei schneiden jüngere Nutzer (18 bis 25 Jahre) schlechter ab als ältere (55 bis 64 Jahre). Der Kenntnisstand der Jüngeren "ist noch geringer als der des durchschnittlichen Internetnutzers", heißt es in der Studie. "Die Hypothese, dass junge Menschen das Internet besser kennen müssen als der Bevölkerungsdurchschnitt, da sie mit dieser Technologie aufgewachsen sind, ist daher unhaltbar."

Gefühlt sicher, aber unvorsichtig

Diese Wissenslücken sind besonders gefährlich, weil diese Generation online lebt und atmet. Sie kennt nichts anderes als eine überall und ständig verfügbare Verbindung zum Internet. Die Millennials sind immer online, beherrschen virtuos alle digitalen Kommunikationskanäle und jonglieren mit Smartphone, Tablet und Computer. Die Vorsicht dem Unbekannten gegenüber, die ältere Internetnutzer ausmacht, fehlt der jungen Generation - weil da nichts Unbekanntes ist. Die Risiken werden ausgeblendet oder in Kauf genommen. Und von ihren Eltern haben sie höchstens noch gelernt, dass sich Computerviren vor allem über Disketten verbreiten werden. Diskettenlaufwerke gibt es kaum noch - Gefahr gebannt?

Weit gefehlt: Die wichtigsten Verteiler für Trojaner und Viren - laut Symantec und G Data immer noch die häufigste Gefahr im Internet - sind heutzutage verseuchte Webangebote, die Computer schon beim einfachen Ansurfen der Seite infizieren. Auf Platz zwei und drei der Bedrohungen folgen Onlinebetrügereien und Phishing-Angriffe.

Alles läuft im Geheimen

Den Cyberkriminellen geht es um Geld, nicht um Aufmerksamkeit. Deswegen gehen sie dorthin, wo es etwas zu holen gibt, und bleiben im Verborgenen. Sie klauen Daten, die sie weiterverkaufen können, und kapern Computer, um sie für ihre Zwecke einzusetzen. Der Besitzer kriegt davon selten etwas mit. Christian Funk, Virenanalytiker beim Sicherheitsunternehmen Kaspersky, sagt: "Angreifer nehmen immer nur populäre Geräte und Angebote ins Visier. Ihr Aufwand muss sich schließlich lohnen." Neben traditionellen Websites sind es seit einziger Zeit soziale Netzwerke wie Facebook, wo Cybergangster ihre vergifteten Köder in Form von Links ("Dieses Video musst Du sehen") auslegen oder private Informationen allzu schwatzhafter Nutzer ausspionieren. Denn der Name des eigenen Hundes ist ein besonders schlechtes Passwort fürs Onlinebanking, wenn man täglich die Kapriolen des kleinen Kläffers auf Facebook verbreitet.

Smartphones mit ihrer immer noch rasant wachsenden Verbreitung sind längst ebenfalls im Visier der Cyberkriminellen. Ihren nächsten Tummelplatz haben sie auch schon im Blick, wenn man Kaspersky-Analyst Funk glaubt: "Heimnetzwerke werden immer komplexer, seit man fast jedes Gerät mit dem Internet verbinden kann." Zum PC und Smartphone gesellen sich Fernsehgeräte, Netzwerkdrucker, Multimedia-Festplatten, E-Book-Reader, Spielkonsolen - alle untereinander und mit dem Internet verbunden. "Jedes dieser Geräte bietet neue Angriffspunkte. Auf der Spielkonsole können auch Kreditkarten-Informationen oder die Zugangsdaten zu Facebook gespeichert sein", erklärt der Virenjäger, "oder über einen schlecht programmierten Drucker könnte man Schadsoftware in das Netzwerk einschleusen, die dann an ganz anderer Stelle aktiv wird."

Am Ende muss es wie immer die Mischung aus Technik und gesundem Menschenverstand richten. Es sollte irgendwann selbstverständlich sein, immer Updates fürs Betriebssystem und Software zu installieren, nie ohne aktuellen Virenscanner und Firewall ins Netz zu gehen in Mails und bei Facebook nicht jeden beliebigen Link anzuklicken. Schließlich schnallen wir uns im Auto ja auch an. Und wir müssen lernen und lehren, was wir im Netz von uns preisgeben können und was besser nicht. Generationen von Kindern sind ja auch erfolgreich vor Mitschnackern gewarnt worden. Wir alle, nicht nur die Digital Natives, müssen aufhören, Digital Naives zu sein.


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