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TikTok: 30 Tage live – Younes Zarou streamt sich sogar beim Schlafen und 200.000 Menschen schauen zu

Seit dem 6. April filmt Younes Zarou jede Minute seines Tages – und hunderttausende Menschen sehen es. NEON erzählt er, wie er darauf kam und was seine Eltern zu dem Experiment sagen.

Younes Zarou

Seit August 2019 macht Younes TikTok-Videos – inzwischen hat er über fünf Millionen Abonnenten auf seinem Kanal

Im Juni 1949 veröffentlichte George Orwell seinen weltberühmten Roman "1984". Darin beschreibt er eine Welt, in der die Bevölkerung permanent von einem totalitären Überwachungsstaat beobachtet wird. "Big Brother" hat mit sogenannten Televisoren durchgehend jeden Schritt im Auge. Was einst als Dystopie galt, ist in der heutigen Welt zumindest technisch mehr und mehr möglich – und in einigen TV-Formaten sogar großes Entertainment. 

Einer, der zwar laut eigener Aussage noch nie eine einzige Folge "Big Brother" geguckt hat und sich derzeit trotzdem ganz freiwillig in einen gläsernen Käfig begibt, ist Younes Zarou. Seit dem 6. April streamt er sein Leben live auf TikTok – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Die Idee hätten er und sein Kumpel schon vor einiger Zeit gehabt, erzählt der 22-Jährige NEON. Aber irgendwie sei nie der richtige Moment gewesen: "Ich dachte, das sei schon alleine aus datenschutzrechtlichen Gründen unmöglich. Man kann ja nicht einfach rausgehen und die Leute filmen. Und dann kam Corona ..."

Sein populärstes Video wurde schon 200 Millionen Mal angeschaut

Eigentlich ist Younes dualer Student, arbeitet bei einer Beratungsfirma und wohnt mit seiner Familie in der Nähe von Frankfurt. Seit August 2019 hat er einen TikTok-Kanal, auf dem er "farbenfrohe und wasserlastige" Videos veröffentlicht, wie er sie selber nennt. Konkret bedeutet das, dass er sein Handy in Wassereimer oder auch mal die Waschmaschinentrommel klebt, Farbe drüberkippt und am Ende ein kleines visuelles Erlebnis dabei herauskommt, das man so irgendwie nicht erwartet hatte. Und seine Follower, die #YZFamily, danken dem 22-Jährigen seine Kreativität – mit teilweise knapp 200 Millionen Views pro Video. 

Younes Zarou schläft

Selbst nachts lässt Younes die Kamera an – und zahlreiche Fans lieben ihn dafür

Am Anfang hätten noch "nur" etwa 20.000 oder 30.000 Menschen in seinem Livestream vorbeigeschaut, inzwischen sind es bis zu 240.000 – zur gleichen Zeit: "Ich fand schon 20.000 überraschend. Dass das Aufmerksamkeit mit sich zieht, okay, aber mit dieser Reichweite hätte ich nicht gerechnet." Inzwischen habe er sich aber daran gewöhnt, permanent beobachtet zu werden: "Ich komme aus einer Großfamilie, da bin ich es gewohnt, unter Beobachtung zu stehen. Es macht mir sogar großen Spaß, ich hab in den letzten Wochen kein einziges Mal Langeweile gehabt."

Apropos Familie – seine Mutter dachte zunächst nicht, dass er tatsächlich ernst machen würde: "Sie hat nicht geglaubt, dass ich das durchziehe. Mein Vater hat schon befürchtet, dass ich da crazy genug für bin. Und er hatte am Ende recht." Zu sehen sind die beiden allerdings nie: "Das wollen sie nicht und das respektiere ich." Anders seine Geschwister, die nicht nur beim einen oder anderen Video aushelfen, sondern den Livestream auch schon für ihre ganze eigene Agenda genutzt haben. "In der ersten Nacht hat mir meine Community hinterher erzählt, dass mein großer Bruder reingekommen ist und seinen Instagram-Namen in die Kamera gehalten hat", erzählt Younes mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Gewieft, muss man ihm lassen.

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Den Livestream-Weltrekord hat Younes schon in der Tasche

Überhaupt seien die Nächte der einzige Moment, in dem es manchmal kritisch würde, denn da muss er sich ein helles Licht ins Zimmer stellen, damit die auch zu diesem Zeitpunkt noch zahlreich vorhandenen Zuschauer alles genau beobachten können. Übrigens: Unsereins wacht nachts auf, aus Angst, es könnte ein Einbrecher in der Wohnung sein – Younes, weil er Angst hat, der Stream könnte ausgefallen sein. Aber so ist das wohl, wenn man einen Rekord brechen will. Den Weltrekord hat er schon in der Tasche, aber ganz vielleicht könnte der hier sogar Guinness-würdig sein.

Am Ende der 30 Tage will Younes das Geld, das seine Fans ihm im Stream schicken, an eine wohltätige Organisation spenden. Welche das sein wird, dürfen die Follower am 5. Mai, einen Tag vor Ende des Experiments, selbst entscheiden. Zwischen 2000 und 2500 Euro sind schon zusammengekommen.

Mit seiner Aktion will Younes nicht nur seine Follower dazu animieren, genau wie er zu Hause zu bleiben – er scheint auch einen echten Nerv der Zeit getroffen zu haben. Anders lassen sich die Zuschauerzahlen nicht erklären. Er selbst glaubt, dass TikTok die Social-Media-Plattform der Zukunft sein wird: "Gerade bei Instagram wird häufig ein perfektes Leben präsentiert. Aber ich bin der Meinung, dass nicht immer alles perfekt sein muss, sondern Authentizität viel mehr zählt. Damit deine Community sehen kann, dass du nicht anders bist als sie. Alles, was die da sehen, bin ich. Sei es, dass ich in Badeschlappen und meinem traditionellen marokkanischen Gewand rumlaufe oder bete."

Auch das Gespräch für diesen Text durften seine Follower live miterleben. Die NEON-Redaktion, die seit einigen Wochen auch auf TikTok aktiv ist, erreichte ihn am 29. April um 18 Uhr. 173.000 Zuschauer schauten im Schnitt zu, als Younes unsere Fragen beantwortete.

Am 6. Mai wird der Livestream beendet. Zu diesem Zeitpunkt wird Younes insgesamt 30 Tage online gewesen sein, 720 Stunden lang sein gesamtes Leben – "bis auf Toilettengänge und Duschen, das wäre mir einen Schritt zu weit!" – mit hunderttausenden Fans geteilt haben. Am Ende, sagt er, wird er vermutlich sogar ein bisschen traurig sein. Und: "Ich würde es jederzeit wieder tun – ich weiß nur nicht, ob meine Eltern das mitmachen würden."