Smartphones Das Internet für die Hosentasche

Sehr schlau, diese Smartphones: Sie laden unsere Lieblingsmusik aus dem Internet herunter und zeigen online unsere schönsten Handyfotos herum. Und navigieren können sie auch.
Von Dirk Liedtke

Ein Computer ohne DSL-Anschluss ist heute so undenkbar wie ein Haushalt ohne Waschmaschine. Aber ein Handy, mit dem man nur telefoniert und SMS verschickt, ist für die meisten Deutschen der Normalfall. Dabei sind aus gut ausgestatteten Handys mit großem Display, sogenannten Smartphones, längst kleine Computer geworden.

Richtig erkannt haben viele Mobiltelefonierer das vor ein paar Monaten, als das iPhone von Apple in die T-Punkte kam. Obwohl das handliche Gerät mit bis zu 500 Euro Kaufpreis und bis zu 89 Euro Monatspauschale im Vergleich zu einem "Ein-Euro-Handy" unverschämt teuer ist, hat es den Markt verändert. Die Medien posaunten es heraus: Die Dinger in unseren Taschen können viel mehr als telefonieren und simsen - nämlich Webseiten anzeigen, E-Mails abrufen und versenden oder Musik und Videos abspielen. Das iPhone könnte die Trendwende zum mobilen Internet einläuten: Besitzer des besonders leicht bedienbaren Geräts nutzen 30-mal häufiger als der durchschnittliche T-Mobile-Kunde das mobile Internet.

Doch das iPhone ist nicht allein. Minicomputer im Handyformat bieten auch andere Hersteller an - oft sogar bei deutlich besserer Ausstattung und günstigeren Preisen. Nachholbedarf bestand bislang nur in Sachen Bedienung. Pünktlich zur Cebit überbieten sich Samsung, LG und Sony Ericsson mit zahlreichen Neuheiten, die dem iPhone mit großen, berührungsempfindlichen Displays und klarer Bedienung nacheifern.

Das Web in der Tasche

So wie der Tischrechner oder das Notebook per DSL und kabellos per WLAN-Funk ständig mit einer flotten Verbindung am Netz hängt, entwickeln auch die modernen Smartphones in Verbindung mit schnellen Mobilfunknetzen neue Talente. Ob die ablaufende Ebay-Auktion, das Kinoprogramm, der Wikipedia-Eintrag zu dem Krimi-Autor, den ein Freund in der Kneipenrunde empfiehlt - mit einem schnellen Smartphone und einem ordentlichen Display steckt man das Web in die Tasche. Handys sind darüber hinaus Kamera, iPod-Ersatz, Videospieler, Spielkonsole und Navigationssystem.

Schicke Smartphones, idealerweise versehen mit einem Quer-Display, machen das Ansteuern von Websites für die Augen zum Vergnügen. Vorbei sind die Zeiten hässlicher, mikroskopisch klein angezeigter Websites. Zugegeben: Auf Webseiten integrierte Videos oder Flash-Animationen überfordern viele Handy-Browser noch - auch im iPhone. Dafür ist allerdings oft ein spezieller Youtube-Player integriert.

Wer mit Bus oder Bahn im Berufsverkehr unterwegs ist, hört regelmäßig, wie populär es unter Kids ist, Musik vom Handy zu hören. Bei Vodafone und T-Mobile lässt sich Musik schon länger mobil herunterladen - schnelle Verbindungen mit UMTS oder dem Turbo-UMTS HSDPA machen es möglich. Nur das iPhone lässt sich ausschließlich mit einer WLAN-Verbindung über iTunes tanken. Aber sowohl Nokia (Ovi) als auch Sony Ericsson (Play Now) werden in diesem Jahr Millionen von Songs quasi "aus der Luft" anbieten. Das bislang noch oft fummelige Synchronisieren zwischen Handy und spezieller PC-Software per Kabel entfällt dann. Das Handy wird unabhängig. Die wachsende Konkurrenz zwischen den Angeboten der Netzbetreiber und denen der Handyhersteller dürfte die Preise zudem dauerhaft niedrig halten. Und der zunehmende Verkauf von Musik ohne Kopierschutz dürfte es künftig auch erleichtern, Musik von Handy zu Handy zu tauschen.

Filme, Hörbücher, Musik im Handy

Auch als Videoplayer machen Smartphones eine gute Figur. So hat das als "Multimedia Computer" angebotene Nokia N96 einen integrierten Speicher von 16 GB. Damit lassen sich rund 20 Spielfilme im Gerät unterbringen. Und mit Minispeicherkarten mit derzeit bis zu 8 GB (im weit verbreiteten MicroSD-Format) lassen sich auch noch ordentlich Musik, Hörbücher und Handygames einpacken.

Objektive mit großen Namen wie Carl Zeiss oder Schneider Kreuznach, Bilder mit bis zu fünf Megapixel Auflösung, ruckelfreie Videoaufnahmen, Blitz und Leuchte - sogar Nachbearbeitung von Bildern und Videos im Gerät: Moderne Handys wollen auch die Schnappschusskamera ersetzen. Die schnelle Internetverbindung der Handys erlaubt - anders als bei den allermeisten Digitalkameras und Camcordern - die Aufnahmen ohne Umweg über den PC direkt in Onlineangebote hochzuladen. Besonders populär sind die Videoplattform Youtube und das Web-Fotoalbum Flickr. Bei vielen Nokia- Handys ist ein direkter Link zu Flickr im Menü integriert. Die kostenlose Yahoo!Go- Software bohrt rund 300 Handymodelle mit einem Flickr-Zugang auf. Auf dem Handy bekommen Fotos und Videos Flügel.

Eine Revolution in der Fotografie läuten Handys mit GPS-Empfänger ein. Bei einigen Nokia-Modellen schreibt das Gerät künftig in die Metadaten der Fotodatei die geografische Position, an der ein Foto entstand - quasi die Koordinaten als digitales Wasserzeichen. So können Reisende ihre Bilder auf Google Earth hochladen und Freunde zu Hause eine Route anhand der Aufnahmen verfolgen, die auf einem Luftbild nach Entstehungsorten sortiert sind.

Nokia ist Vorreiter

Einen Sprung nach vorn macht auch die Navigation mit dem Handy. Die Auswahl an GPS-Varianten nimmt zu. Vorreiter ist auch hier wieder Nokia: In der neuen Version des kostenlosen digitalen Kartenmaterials Nokia Maps 2.0 sind erstmals fußgängergerechte Daten enthalten. Der Druck auf eine spezielle Taste genügt, schon verwandelt sich das Display in ein Navi. Enthält das Handy einen Kompass wie das Nokia 6210 Navigator, passt sich der Kartenausschnitt immer automatisch der Gehrichtung an, selbst wenn man sich durchs Hafenviertel Neapels schlängelt.

Die Karten kann man kostenlos nutzen. Wer sich von Pfeilen auf dem Display und einer Stimme aus dem Handy ans Ziel leiten lassen möchte, muss dafür jedoch extra zahlen. Auch Zusatzkarten oder Informationen zu Restaurants oder touristischen Highlights aus der Umgebung kann man bei Bedarf und gegen Bezahlung herunterladen.

Am elegantesten klappt das mobil direkt aufs Handy - sowohl das Nokia als auch das Samsung schaffen das bei der entsprechenden Netzversorgung schneller als manche DSL-Anschlüsse (3,6 MBit/s). Im Ausland kann die Datenübertragung aber recht teuer sein. Dann empfiehlt sich der etwas umständliche Umweg über den PC. Über die Speicherkarte lässt sich das Handy dann für die Reise auftanken.

Integrierte Satellitenfotos

Wer ein Handy von einem anderen Hersteller besitzt, kann das kostenlose Programm Google Maps auf seinem Gerät installieren. Diese digitalen Landkarten für die ganze kartografisch vermessene Welt bieten eine Orientierung, wenn man zu Fuß oder ohne Zeitdruck mit dem Auto unterwegs ist. Besonders reizvoll ist der einfache Wechsel zwischen Karten- und Satellitenansicht: Denn die Satellitenfotos aus Google Earth sind integriert. Google Maps funktioniert mit einer schnellen mobilen Internetverbindung und einem preisgünstigen Datentarif am besten, weil bei Veränderung des gewählten Kartenausschnitts ständig Daten aus dem Internet nachgeladen werden.

Fernsehprogramme werden schon heute über das schnelle UMTS-Mobilfunknetz ausgestrahlt - allerdings als Pay-TV. Die großen Netzbetreiber T-Mobile und Vodafone kassieren dafür je nach gewähltem Programmpaket. So können bei T-Mobile 22,50 Euro im Monat extra auf der Rechnung stehen, wenn sich der Kunde die Pakete "Basis", "Bundesliga" und "Erotik" gönnt. Bei Vodafone schlagen das "TopEntertainment-" und "TopErotik"-Paket mit 25 Euro zu Buche. Dafür ist für Vodafone-Live- Kunden allerdings das Einschalten von bis zu zehn Basis-Kanälen kostenlos. Für Fußballfans interessant: Beide Netzbetreiber übertragen alle Bundesligaspiele live und zusätzlich die Premiere-Konferenzschaltung. Dafür werden bei T-Mobile 5 und bei Vodafone 7,50 Euro pro Monat fällig (zusätzlich mit Highlights der Champions League). Da diese Übertragungen das Mobilfunknetz nutzen, kann es bei vielen Zuschauern an einem Ort zu Engpässen in Form ruckeliger Bilder kommen.

Echtes Fernsehen für Handys soll aber noch in diesem Jahr starten. Die Firma Mobile 3.0 will zur Fußball-EM ein Bündel von TV- und Radio-Programmen starten, die eine bessere Übertragungsqualität versprechen. Wie beim digitalen Antennenfernsehen DVB-T kommt das Signal bei der mobilen Variante DVB-H von einem Funkturm und wird über Antenne direkt vom Handy empfangen - ohne den Umweg über das Mobilfunknetz. Natürlich soll der mobile Zuschauer auch bei diesem Anbieter ordentlich zur Kasse gebeten werden. Im Gespräch sind 4,95 für 8, und 10 Euro für 15 TV-Programme. Darunter sollen zum Start im Juni auch ARD, ZDF, RTL, Sat 1, Pro Sieben, n-tv und N24 sein. Der Erfolg dieses Projekts ist jedoch fraglich, denn zum Empfang sind völlig neue Handys nötig. Außerdem soll der Zuschauer für etwas zahlen, was er bei DVBT, also dem digitalen Antennenfernsehen, in vielen Ballungsräumen ohne Aufpreis empfangen kann. Und genau diese Empfangstechnik, für die zu Hause meist eine Empfänger- Box neben dem Fernseher steht, wird künftig auch in Handys passen, wie es auf der Cebit etwa Vodafone präsentiert.

Preissenkungen für mobile Internetnutzung

Zusatzgebühren fürs Fernsehen, Datenflatrates fürs mobile Surfen, happige Gebührenpakete - verständlich, wenn die meisten Kunden aus Sparsamkeit immer noch einen großen Bogen um die Internettaste auf dem Handy machen. Aber Besserung ist in Sicht. Gerade haben die Mobilfunkkonzerne Vodafone, E-Plus und O2 deutliche Preissenkungen für die mobile Internetnutzung im Ausland angekündigt. Und auch im Inland lie- gen sie in der Luft, weil nur mit einer Flatrate alle Dienste auch genutzt werden.

Die Preise für smarte Handys selbst werden erst gegen Jahresende ins Rutschen geraten. Dann kommen die ersten "Android"-Telefone auf den Markt. Hinter dem Science-Fiction-Namen verbirgt sich ein offenes Betriebssystem für Handys (Open Handset Alliance), dessen Funktionen und Bedienkonzept stark an das iPhone erinnern. Angestoßen wurde diese Allianz von Google, Handybauern wie Samsung und Motorola sowie Netz firmen wie T-Mobile. Zu erwarten ist eine große Zahl von preisgünstigen Geräten - quasi iPhone-Kopien zum Aldi-Preis. Und spätestens dann könnten die einst elitären, weil teuren Smartphones zu echten Bestsellern werden.

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