Concorde-Absturz Vom Mythos zur Todesfalle

Vor fünf Jahren stürzte eine Concorde im Pariser Vorort Gonesse ab. 131 Menschen starben, und für den ehemaligen Star der Lüfte war es der Anfang vom Ende.

Die Hiobsbotschaft kommt, als Pilot Christian Marty gerade den eleganten "Wundervogel" von der Piste 21 abheben lässt. Der Fluglotse sieht Flammen am Heck, der Bordingenieur meldet eine Triebwerkspanne. Das Überschallflugzeug Concorde bekommt keine Höhe. Wiederholt schrillt Alarm. In knapp zwei dramatischen Minuten ist es vorbei. Der 185 Tonnen schwere Star der Luftfahrt schlägt, randvoll mit Kerosin betankt, als riesiger Feuerball auf einem Hotel nahe dem Pariser Vorort Gonesse auf. 113 Menschen sterben, 97 sind Deutsche. Der als "unfehlbar" geltende Mythos ist zur Todesfalle geworden.

Die Nachricht vom Absturz einer Concorde löst am 25. Juli 2000 weltweit Entsetzen aus. Mancher will es einfach nicht glauben, dass der "fliegende Bleistift", für viele das schönste Flugzeug der Welt, vom Himmel gestürzt ist. Trümmer, verbrannte Erde, noch stundenlang schwelende Rauchwolken und ein zermalmtes Hotel, so sieht es nach dem Crash der Maschine AF 4590 aus. "Vor lauter Rauch konnte man nichts mehr sehen, es war wie eine Bombe", berichten Augenzeugen in Gonesse.

Ermittlungen noch nicht abgeschlossen

Die deutsche Reederei Deilmann hatte den Flug nach New York gechartert. Der Feuerball sollte nicht nur abrupt 113 Menschenleben beenden. Er sorgte außerdem für ein vorgezogenes Museums-Dasein der Concorde. Fünf Jahre nach dem Crash sind die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen. In dem Ort nördlich von Paris bleiben Erinnerungen an das Flammeninferno wach, übertönt jedoch vom täglichen Fluglärm des Airports Roissy/Charles-de-Gaulle. Die etwa 700 Angehörigen der Opfer sind schon lange entschädigt - mit geschätzten 173 Millionen Euro.

Alles hätte noch viel schlimmer kommen können. Weniger als 30 Sekunden trennten den Ort Gonesse und seine 25.000 Einwohner von der Katastrophe. Nur mit letzter Kraft war die Concorde abgedreht, also nicht auf das Stadtzentrum mit einem Krankenhaus gestürzt, sondern auf das Hotel, das auf dem einzigen freien Feld weit und breit stand. "Für mich ist der Pilot ein Held", so meinte der Lieferwagenfahrer Jean-Marie Alexandre zu dem verzweifelten Kampf der Cockpit-Crew.

Technische Daten der Concorde

Länge: 62,1 Meter
Spannweite: 25,5 Meter
Rumpfbreite: 2,9 Meter
Reichweite: 6667 Kilometer
Maximales Startgewicht: 185 Tonnen
Sitzplätze (British Airways): 100
Reisegeschwindigkeit: 2160 km/h
Tankvolumen: 119.500 Liter
Kraftstoffverbrauch: 25.600 Liter pro Stunde
Erste Linienflüge: 21. Januar 1976
Letzter Linienflug: 24. Oktober 2003
Schnellster Atlantikflug: 7. Februar 1996: New York - London in 2:52 Stunden (Angabe von British Airways)

Fetzen eines geplatzten Reifens hatten einen Tank getroffen, Kerosin lief aus, das Inferno nahm seinen Lauf. Die Concorde war beim Start über eine mehr als 40 Zentimeter lange Titan-Lamelle gerast, die eine DC-10 von Continental Airlines kurz zuvor verloren hatte.

Gut drei Jahrzehnte nach dem Jungfernflug war so erstmals der Stolz der Lüfte, der ehrfürchtig bewunderte Jet der Superlative abgestürzt. Das Ende einer Ära schien eingeläutet. Doch Air France und British Airways mit ihren zusammen noch zwölf Flugzeugen im Betrieb wollten die steile Karriere der Concorde nicht mit dem Inferno abschließen, auch wenn das Flugzeug vielen bereits als "veraltet, zu teuer" galt.

Teure Anpassung

200 Millionen Euro kostete es, den schnittigen und Zeit sparenden Jet der Manager, Stars und Models mit verstärkten Treibstofftanks und widerstandsfähigeren Reifen sicherer zu machen. Ein knappes Jahr nach dem Unfall flog die Concorde zwar wieder. Doch das schlanke Flugzeug mit den unverkennbaren Deltaflügeln zog nicht mehr so wie früher. Mit Tränen, Trauerflor und Wehmut nahmen die Franzosen dann 2003 Abschied von dem Überschalljet, Fans weinten ihrer Legende Tränen hinterher.

"Direkter Auslöser" des Flammeninfernos sei jene Lamelle der DC- 10 gewesen, das abgefallene Austauschteil, halten die Abschlussberichte fest. Die als zu schwach eingeschätzte Verkleidung des Tanks wird als "wichtiger Mangel" genannt. Gegen die US- Fluggesellschaft wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Continental weist die Schuldzuweisung zurück, diese kurze Lamelle nicht vorschriftsgemäß ersetzt zu haben.

Der Tank - ein bekanntes Problem?

Die Staatsanwaltschaft von Pontoise geht allerdings auch Hinweisen auf mögliche Verantwortliche auf französischer Seite nach. Denn immer wieder hieß es, bereits bei einem Concorde-Start am 14. Juni 1979 in Washington hätten Reifenfetzen einen Tank durchschlagen, ohne Folgen.

Lange sah es dann so aus, als sei mit dem Jahrhundert des Fortschrittsglaubens auch das Zeitalter des - wirtschaftlich unrentablen und ökologisch wegen des hohen Kerosinverbrauchs bedenklichen - Überschallfluges aus und vorbei. "Man fliegt in 18.000 Metern Höhe bei Mach 2 und schlürft Champagner dazu." So schwärmten früher noch jene, die sich den raschen Tripp von Paris oder London nach New York in der spitznäsigen Concorde leisten konnten. Japan und Frankreich wollen nun einen leiseren und weniger Kerosin fressenden Concorde-Nachfolger möglichst schon im Jahr 2015 in der Luft haben.

Hanns-Jochen Kaffsack/DPA DPA

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