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Drohender Super-GAU in Japan: "Viele werden weiter auf Atomkraft setzen"

Olli Heinonen, Ex-Chefinspektor der IAEA, glaubt, dass die Jahrhundertkatastrophe kaum zu einem Umdenken beim Thema Atomkraft führen wird. Das sagt er im Interview mit stern.de.

Herr Heinonen, hätten Sie sich solch eine nukleare Katastrophe vorstellen können?
Ich habe in Japan gelebt, ich kann eigentlich gar nicht zählen, wie viele Erdbeben ich in dieser Zeit erlebt habe. Aber das Erdbeben und der Tsunami – so etwas lag außerhalb meiner Vorstellungskraft.

Mehrere Reaktoren sind betroffen, kann der Super-GAU überhaupt noch verhindert werden, die Evakuierung von Millionen Menschen?
Wir müssen davon ausgehen, dass es bereits zu partiellen Kernschmelzen gekommen ist. Niemand weiß, ob Brennstoff ausgetreten ist und wohin. Die Gefahr einer totalen Kernschmelze besteht. Man weiß offenbar nicht, wie hoch die Temperaturen in den Reaktorkernen im Moment wirklich sind. Mit etwas Glück kann das Schlimmste vielleicht noch verhindert werden.

Reicht das etwa aus, Vertrauen auf ein bisschen Glück?
Es war sicher ein glücklicher Zufall, dass drei der sechs Reaktoren in Fukushima 1 zu Wartungszwecken abgeschaltet waren. Sonst wäre es wohl schon zu einer viel größeren Katastrophe gekommen. Jetzt wird die Gegend ständig von schweren Nachbeben erschüttert. Jedes einzelne dieser Nachbeben trägt das Risiko weiterer Beschädigungen in den Reaktoranlagen. Es ist ein Rennen gegen die Zeit.

Die Reaktoren werden mit kühlendem Seewasser geflutet.
Ja, es ist die letzte Möglichkeit, die Temperatur zu senken. Aber jedes größere Nachbeben kann jederzeit alles wieder unterbrechen. Jede Pumpe, jede Wasserleitung vom Ozean zu den Reaktoren. Und dabei geht es nicht nur um den Reaktorkern selbst. Da sind ja auch die abgebrannten Brennstäbe im Block 1, die in einem Wasserbecken im Reaktorgebäude zwischengelagert werden.

Was wissen Sie darüber?
Es ist unklar, ob diese Brennstäbe noch im Kühlwasser stehen.

Und wenn nicht?
So wie jetzt in Reaktor 4 wird die Strahlung in den Reaktorgebäuden so hoch, dass dort niemand mehr arbeiten kann, auch nicht für Notfallreparaturen.

Wie ist es zu erklären, dass die Dieselgeneratoren für die Notkühlsysteme in Fukushima nach nur einer Stunde ausfielen?
Offenbar wurden sie vom Tsunami überspült.

Davor sollen doch fünf Meter hohe Flutmauern schützen.
Womöglich waren diese Flutmauern zu niedrig für eine solche Katastrophe, vielleicht standen die Gebäude mit den Generatoren und den Dieseltanks an einer falschen Stelle. Fukushima steht direkt am offenen Ozean, an diesem Küstenabschnitt sind keine Inseln vorgelagert, die die Wucht einer Flutwelle eventuell mindern könnten. All' diese Fragen werden zu klären sein. Andererseits: Die Welle des Tsunamis war zehn Meter hoch. Das gab es bislang noch nie.

Läutet die Katastrophe von Fukushima das Ende des Atomzeitalters ein?
Nein. Viele Länder werden auch in Zukunft weiter auf Atomkraft setzen, auch Entwicklungsländer. Aber vielleicht kommen wir zu dem Schluss, dass man in bestimmten Gegenden der Welt keine Atomkraftwerke bauen sollte. Für Japan wird es sicher schwierig, am Ausbau der Atomkraft festzuhalten. Und sicher wird die so genannte Renaissance der Atomkraft in vielen Ländern jetzt in Frage gestellt. Im Moment aber gilt in Japan nur eins: Jetzt muss jeder alles richtig machen, um die ganz große Katastrophe noch zu verhindern. Jetzt zählt jede Stunde.

Katja Gloger