HOME

Flowkey: Klavierlern-App auf Erfolgskurs: Warum sich die "Höhle der Löwen"-Investoren heute ärgern dürften

Das Hobby zum Beruf machen, damit sogar gutes Geld verdienen - diesen Traum hat sich Jonas Gößling erfüllt. Der Berliner entwickelte eine Lern-App fürs Klavierspielen. Mittlerweile hat er Hunderttausende Kunden. Große Hoffnungen setzt er auf smarte Brillen.

Klavierspielen lernen mit einer App - das verspricht das Start-up Flowkey

Klavierspielen lernen mit einer App - das verspricht das Start-up Flowkey

PR

Es ist ein Phänomen, das sich in allen Innenstädten - selbst jetzt, in der neuen Corona-Normalität - beobachten lässt: Sobald ein Straßenmusikant in die Saiten der Gitarre greift oder die Tasten des Klaviers anschlägt und verträumte Melodien durch die Einkaufsgasse säuseln, bleiben die Menschen stehen. Sie lauschen gedankenversunken, lächeln, und nicht wenige dürften sich denken: Das würde ich auch gerne können.

Aus diesem Gedanken, ja Wunsch, hat der Berliner Jonas Gößling ein Geschäft gemacht. Und das brummt: Gößling ist einer der Gründer von Flowkey - einer App, mit der man das Klavierspielen lernen kann. Er selbst spielt das Instrument, seit er sechs Jahre alt ist. Auf die Idee für die App kam er 2012 im Rahmen seines Wirtschaftsingenieurstudiums. Das iPad war damals erst zwei Jahre auf dem Markt, verbreitete sich aber rasant. Doch während viele das Gerät als digitale Zeitung oder kompakte Spieleplattform betrachteten, sah Gößling darin etwas anderes: "Dieses Gerät ist perfekt, um es aufs Piano zu stellen und damit etwas zu lernen."

Flowkey: Geld verdienen mit Klavierlern-App

Dass man mit seriösen Apps Geld verdienen kann, zeigten damals bereits Anwendungen wie die Sprachlern-App Babbel. Warum sollte das nicht auch mit Instrumenten funktionieren, fragte sich Gößling. Gemeinsam mit zwei Kommilitonen, die bis heute an Bord sind, gründete er 2014 Flowkey.

2015 war die App fertig, zunächst wegen des größeren Bildschirms ausschließlich für das iPad. Zwei Jahre später folgte der Sprung aufs iPhone. "Das waren die wichtigsten Meilensteine unserer Firma. Seitdem wachsen wir immer weiter und gehören zu den erfolgreichsten Apps im Segment der Musiklern-Apps". Mittlerweile verzeichnet die App vier Millionen Downloads und mehrere hunderttausend aktive Nutzer, genaue Zahlen kommuniziert das Unternehmen nicht.

Ein immenser Erfolg, der insofern bemerkenswert ist, weil sich die Flowkey-Gründer 2015 in der Start-up-Show "Die Höhle der Löwen" mit der Jury auf keinen Deal einigen konnten - den Investoren erschien die Bewertung zu hoch. Heute platziert Apple die App sogar prominent in seinem App Store als Teil der "Made in Germany"-Rubrik.

Corona sorgt für Wachstumsschub

Seit 2017 ist das Geschäft profitabel, mittlerweile beschäftigt das Berliner Start-up 40 Mitarbeiter. Einen unerwarteten Schub gab es durch die Coronakrise: Um die Ausbreitung des Virus zu verhindern, blieben im März und April viele Menschen zuhause - und suchten abseits von Netflix und Co. nach einer sinnvollen Beschäftigung. Viele entdeckten wieder ihre Liebe fürs Klavier, das womöglich bereits schon in der Wohnung herumstand. "Die Zahl der Neuabschlüsse hat sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verdreifacht, ebenso die Zahl der aktiven Nutzer", so Gößling.

Ein italienischer Arzt spielt Klavier in der leeren Empfangshalle seines Krankenhauses.

Dabei ist die App nicht günstig: Ein Monats-Abonnement mit Zugriff auf alle Songs kostet 19,99 Euro, sechs Monate 83,99 Euro und ein Jahr 119,99 Euro. Dem Analysedienst Sensortower zufolge hat die App allein im Mai weltweit geschätzt 700.000 US-Dollar Umsatz gemacht. "Unser stärkster Markt sind die USA, dann kommen Deutschland und Großbritannien. Der chinesische Markt wird auch immer relevanter." Ungefähr 80 Prozent der Abonnenten würden Apple-Geräte nutzen, die übrigen 20 Prozent Android-Systeme.

"Bei Kindern würden wir immer einen Lehrer empfehlen"

Bei den Nutzern kommt die App gut an, im App Store gibt es bei 8600 Bewertungen im Schnitt 4,6 von 5 möglichen Punkten. Die Kernzielgruppe sind erwachsene (Wieder-)Einsteiger zwischen 25 und 45 Jahren. Einige Musiklehrer halten Lern-Apps wie Flowkey jedoch für überschätzt, denn die Programme könnten die Spieltechnik nicht überwachen, heißt es immer wieder.

Auf die Kritik angesprochen entgegnet Flowkey-Gründer Gößling: "Die Bewegung der Pedale oder die Haltung des Handgelenks kann derzeit noch keine App erkennen. Wir bieten jedoch zu jedem Song neben den Noten eine Aufnahme von oben an, wo die Hände zu sehen sind. Außerdem haben wir Kurse, in denen wir die Technik detailliert vermitteln und genau zeigen, wie man die Hand halten muss."

Sein Vertrauen in die eigene Technik ist groß: "Mit unserer App kann man auf ein Level kommen, wo man Songs, die einem gefallen, selbst spielen kann. Bei Kindern würden wir immer einen Lehrer empfehlen - dann sollte es aber ein guter Lehrer sein, der die Motivation aufrechterhält."

Lernt man Klavierspielen bald mit einer Brille?

Die Einschränkungen der aktuellen Technik sieht Gößling nur als temporäres Problem. Seine Hoffnungen ruhen auf "Augmented Reality", zu deutsch "Erweiterte Realität". Dabei handelt es sich um eine Technologie, die vereinfacht gesagt digitale Elemente über das Echtzeitbild der Kamera legt. Eine der ersten Berührungspunkte mit dieser Technik war das Smartphone-Spiel "Pokémon Go", in der die knuddeligen Monster scheinbar in der Realwelt auftauchten (mehr zu der Technik erfahren Sie hier).

Gerüchten zufolge arbeiten Technologiekonzerne wie Apple unter Hochdruck an smarten Brillen. "Das wäre für uns hochspannend", so Gößling. Zur weltweiten Entwicklerkonferenz WWDC, die kommende Woche erstmals virtuell stattfindet, wird die neue Brille vermutlich jedoch noch nicht zu sehen sein.

Lesen Sie auch:

Interview mit App-Entwickler: Darum wird Augmented Reality das nächste große Ding für Apple

- Test: Darum ist das neue iPad Pro (2020) ein Vorgeschmack auf das iPhone 12 

Apples Software-Chef Craig Federighi über Privatsphäre: "Wir haben keinerlei Interesse daran, alles über Sie herauszufinden"