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KI-Forscher zur Drohnendebatte "Für mich wäre es schrecklich, wenn meine Arbeit zum Tod von Menschen beiträgt"

Zwei US-Soldaten munitionieren eine Drohne mit Hellfireraketen.
Zwei US-Soldaten munitionieren eine Drohne mit Hellfireraketen.
© Senior Airman Larry E. Reid Jr. / Picture Alliance
Dr. Jakob Foerster forscht zur Künstlichen Schwarmintelligenz und kämpft gegen die Bewaffnung der Bundeswehr mit Kampfdrohnen. Der stern sprach mit dem streitbaren Experten.

Herr Foerster, Sie haben sich öffentlich gegen die Anschaffung von bewaffneten Kampfdrohnen positioniert. Ihr offener Brief an die SPD hat in Deutschland die Debatte um die Bewaffnung der Bundeswehr mit Kampfdrohnen neu entfacht. Wieso sind diese Drohnen so wichtig? Andere Länder haben diese Waffen schon lange im Einsatz.    

Kampfdrohnen werden weltweit in bewaffneten Konflikten, Kriegen ohne Kriegserklärung und sogenannten “gezielten Tötungen” eingesetzt. Diese Waffe hat zu einer Entgrenzung der Kriege und Aufweichung des Völkerrechts geführt. Ihr Einsatz bedeutet dauerhaften Terror für die Bevölkerung der betroffenen Regionen, ein Großteil der Opfer sind Zivilisten. Auch der Drohnenkrieg in Bergkarabach zeigt die Brutalität dieser Waffe.

Daher meine dringende öffentliche Aufforderung, auf die Anschaffung dieser Waffen unbedingt zu verzichten und gegen ihren Einsatz international vorzugehen.

Drohnenangriffe erleben wir etwa seit dem Jahr 2000. In dieser Zeit gab es eine stürmische Entwicklung.

Innerhalb der letzten 20 Jahre fand in der Künstlichen Intelligenz eine Revolution statt, die das Risiko der Vollautomatisierung dieser Waffen in greifbare Nähe gebracht hat. Techniken, die beim Entwickeln der ersten Kampfdrohnen noch ferne Zukunftsmusik waren, sind heute Realität und werden tagtäglich benutzt, von automatischer Bilderkennung und Spracherkennung bis hin zu Algorithmen, die lernen, Strategiespiele zu meistern. Gerade angesichts dieses neuen Informationsstands ist es unbedingt notwendig, auf eine internationale Ächtung von Kampfdrohnen hinzuarbeiten; Deutschland kann hier international eine Vorreiterrolle spielen. Das jetzige “Nein” zu Kampfdrohnen war ein erster, entscheidender Schritt in diese Richtung. Jetzt ist es absolut zentral, dass die Große Koalition die Entwicklung der geplanten, bewaffnungsfähigen Eurodrohne stoppt.

Auch bei den Kampfdrohnen entscheidet letztlich – noch - der Mensch, ob geschossen wird und nicht die Maschine.

Sie sagen es ja selbst: ”noch”. Tatsächlich hat jede ferngesteuerte Kampfdrohne per Definition zwei Fähigkeiten: Sie kann sowohl über Sensoren Informationen aufnehmen und an ein Kontrollzentrum schicken als auch die Kontrollbefehle über Funk empfangen und ausführen. Aus der Sicht der Drohne ist es dabei völlig irrelevant, ob der Befehl aus dem Kontrollzentrum von einem Menschen oder einem Computerprogramm generiert wurde. Die Hardware-Frage, ob eine Drohne bewaffnet ist oder nicht, ist sehr klar zu definieren und zu regulieren. Im Gegensatz dazu ist der Übergang zwischen Fernlenkung, Teil- und Vollautonomie komplett fließend.

Dr. Jakob Foerster ist designierter Assistant Professor der University of Toronto für Computer Science, maschinelles Lernen, Seine Arbeiten zu dem Thema wurden auf den international wegweisenden Fachkonferenzen veröffentlicht und mit mehreren Preisen ausgezeichnet.
Dr. Jakob Foerster ist designierter Assistant Professor der University of Toronto für Computer Science, maschinelles Lernen, Seine Arbeiten zu dem Thema wurden auf den international wegweisenden Fachkonferenzen veröffentlicht und mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

Es ist also kein großer Sprung von menschlicher Fernsteuerung und voll automatisiertem Töten?

Aus Sicht der KI-Forschung können große Teile der Kontrolle von Drohnen schon heute automatisiert agieren, gleichzeitig schreitet die Entwicklung in der KI weiter rasant voran. Langfristig kann jede moderne ferngesteuerte bewaffnete Drohne über Software-Updates in den Kontrollzentren in eine voll automatisierte Drohne umgewandelt werden und im Schwarm mit anderen Drohnen agieren. Auch wenn dies von einigen Befürwortern von Kampfdrohnen geleugnet wird: Die Entscheidung für oder gegen eine Bewaffnung von Drohnen hat also aus Sicht der KI-Forschung eine große Tragweite für die zukünftige Automatisierung der Kriegsführung. Angesichts der Tragweite der Frage empören mich als Forscher auf dem Gebiet solche irreführenden und fahrlässigen Verharmlosungen.

Wo ist der Unterschied zu einer Beobachtungsdrohne, die ein Ziel sucht, es erfasst und die Zieldaten vollautomatisch an einen weiteren Waffenträger weitergibt? Also wenn die Rakete nicht aus der Drohne abgeschossen wird, sondern von einem Lkw aus startet?

Dazu müsste erst mal ein Lkw in der Nähe positioniert sein. Was ich damit sagen möchte, ist, dass Kampfdrohnen die Hemmschwelle, Krieg auch auf der anderen Seite der Welt zu führen, radikal senken. Die generelle Senkung der Hemmschwelle hat der Krieg um Bergkarabach zudem eindrucksvoll belegt.

Natürlich bin ich auch generell für eine Ächtung der autonomen Kriegsführung. Weder Panzer, Lkws, noch Drohnen dürfen ohne die Entscheidung eines Menschen in der konkreten Situation schießen. Übrigens hat der Rüstungskonzern Rheinmetall gerade einen unbemannten Panzer entwickelt und beginnt mit dessen weltweiter Vermarktung. Das Problem automatisierter, unbemannter Waffensysteme stellt sich also nicht nur in der Luft. (Lesen Sie hierzu: "Wolfsrudel – Rheinmetall stellt bewaffneten Kampfroboter vor")

Kampfdrohnen sind der aktuelle Anlass. Dahinter steht der Einzug der KI in autonomeKampfsysteme, ob das nun Drohnen oder Minipanzer sind. Auch moderne Luftabwehr- oder Artilleriesysteme arbeiten so. Können Sie die Gefahren schildern, die Sie sehen?

Das Grundproblem, dass automatisierte Kriegsführung die Entscheidung über Leben und Tod und im Zweifelsfall über den Ausbruch eines Krieges durch Algorithmen ersetzt werden, betrifft alle Waffengattungen. Ebenso das Problem, dass es damit zu einer Beschleunigung des Kriegsablaufes und stetiger Gewalteskalation kommen kann.

Andererseits gibt es Unterschiede, wie akut die Gefahr der Automatisierung ist. So agieren zum Beispiel Drohnen in der Luft und sind daher relativ leicht zu modellieren und zu automatisieren, verglichen mit ferngelenkten Minipanzern - in der Luft gibt es beispielsweise weniger Hindernisse. Kampfdrohnen sind daher ein folgenschwerer Schritt Richtung automatisierter Kriegsführung.

Automatisierte Luftababwehrsystemen wären aufgrund der vorhin erwähnten Probleme ebenfalls heikel, wobei ich hier eine andere Dimension sehe, da es sich um eine in erster Linie defensive Technologie handelt.

Vereinfacht gesprochen, haben Technologien, die es Ländern erlauben, sich effizient zu verteidigen, aber nicht zum Angriff benutzt werden können, eher eine stabilisierende Wirkung, während Technologien, die neue Angriffsoptionen eröffnen, eine destabilisierende Wirkung haben. Bewaffnete Drohnen sind in dieser Hinsicht eine Katastrophe, da sie relativ billig produziert und betrieben werden können und, wie vorher erwähnt, die Hemmschwelle zu Angriffen deutlich senken.

Krieg und Töten ist immer schrecklich. Waffen verstümmeln, verbrennen und zerfetzen Menschen. Was macht KI-Waffensysteme so viel schrecklicher?

Nun, erstmal ist aufgrund der von Ihnen geschilderten unvorstellbaren Schrecken der Krieg als Mittel der Politik international geächtet. Aus der Erfahrung von zwei von Deutschland begonnen Weltkriegen steht schon die Vorbereitung des Angriffskriegs hierzulande laut dem Grundgesetz unter Strafe.

Kampfdrohnen sind Angriffswaffen und es geht entsprechend in der aktuellen deutschen Debatte um Kampfdrohnen für Auslandseinsätze.

Ein Angriffskrieg wäre mit und ohne Kampfdrohnen strafbar.

Das Völkerrecht setzt voraus, dass ein Mensch die Entscheidung über das Töten konkret trifft, der dann auch zur Rechenschaft gezogen werden kann. Dieser Schritt darf also auch in der Zukunft nicht auf Maschinen übertragen werden. Dieses Prinzip droht mit der Einführung von Kampfdrohnen geschwächt zu werden.

Zudem ist zu erwarten, dass durch die weitere Entfernung der menschlichen Hemmschwelle das Töten nur mehr, effizienter und brutaler wird. Menschen sind empathiefähig und können Mitgefühl mit den Schmerzen anderer empfinden. Im Gegensatz hierzu sind solche Konzepte für Algorithmen bedeutungslos.

Im Bereich der Rüstung gibt es zwei Megatrends. Das eine ist der Einzug der KI, wodurch die Kontrollmöglichkeiten der Menschen reduziert werden. Das andere ist die Entwicklung von Hypersonic-Waffen, die die Reaktionszeiten stark herabsetzen werden. Der Teufelskreis: Der Angriff kommt so schnell, dass nur noch KI in der Zeit reagieren kann. Steht uns ein Science-Fiction-Szenario bevor, bei dem auf beiden Seiten autonome Systeme Krieg gegeneinander führen?

Ja, auf dieses Szenario hat zum Beispiel Marcel Dickow von der Stiftung Wissenschaft und Politik in der Drohnen-Anhörung des Verteidigungsausschusses schon 2014 hingewiesen. Immer kürzere Reaktionszeiten gegnerischer Drohnen zwingen, in diesem unbemannten Automatisierungswettlauf mitzumachen. Ich sehe aber noch ein anderes, riesiges Problem: Automatisierte Waffen können direkt gegen wehrlose Menschen eingesetzt werden.

Das sehen wir bereits in den weltweiten Drohnenkriegen.

Genau. Das Szenario, das Sie beschreiben, birgt aber eine weitere große Gefahr: Der Ausbruch des Atomkriegs ist mehrfach verhindert worden, weil an entscheidenden Stellen Menschen nicht auf Fehlalarme eines angeblichen atomaren Erstschlags der gegnerischen Seite von technischen Systemen reagiert haben - wie wäre die Geschichte verlaufen, wenn die Reaktion komplett automatisiert abgelaufen wäre?

Menschen sind in der Lage, eine militärische Eskalation aus Gründen der Vernunft oder der Empathie zu beenden - der Verlauf eines autonomen Krieges wäre nur durch die Algorithmen bestimmt.

Der Krieg durch Algorithmen wird auch in Westeuropa denkbar.

Es gibt in erster Linie die Gefahr, dass die automatisierte Kriegsführung von den militärischen Großmächten samt Westeuropa in den Rest der Welt getragen wird. Frankreich, Deutschland und Spanien planen aktuell ein gemeinsames Rüstungsprojekt, das weitgehend automatisiert funktionieren soll und von Frankreich atomar bewaffnet werden wird, das sogenannten Future Combat Air System (FCAS). Im Kern geht es um ein Kampfflugzeug, das von bewaffneten Drohnenschwärmen begleitet wird. Diese könnten autonom agieren.

Der Rüstungswettlauf wirkt sich wiederum auf die ganze Welt destabilisierend aus und gefährdet damit auch Westeuropa. Es ist notwendig, den Notausstieg zu nehmen, bevor es zu spät ist, um das von Ihnen beschriebene Szenario zu verhindern. Rüstungsprojekte wie Kampfdrohnen und FCAS müssen unbedingt gestoppt werden. Damit gäbe es eine neue Situation auch in Europa - Deutschland wäre dann international beispielgebend, und es gäbe die Chance für eine friedliche europäische Außenpolitik.

Früher wurde der Ausspruch gern zitiert, der Krieg sei der Vater aller Dinge. In diesem Zusammenhang möchte ich formulieren: "Der Krieg ist der Verwerter vieler Dinge". Die zivile KI-Forschung muss befürchten, ungefragt militärisch genutzt zu werden. Würden Sie der These zustimmen? Und wenn ja, diesen Prozess der Umwidmung erläutern.

Das ist ein sehr guter Verweis. In der Tat werden viele technologische Entwicklungen sehr schnell militärisch verwertet, aber nur wenige werden vom Militär direkt angetrieben, das bestbekannte Beispiel ist hier wahrscheinlich die vorhin erwähnte Atombombe. Natürlich investiert das Militär seit vielen Jahrzehnten auch aktiv in die KI, allerdings haben diese Bemühungen meines Erachtens nach nicht zu den Durchbrüchen in den letzten zwei Jahrzehnten beigetragen.

Die Durchbrüche werden im zivilen Sektor erreicht. Die Verwertung der KI-Forschung durch das Militär funktioniert hier besonders schnell. Wieso eigentlich?

Richtig, die Erfolge gehen auf zivile Forschungseinrichtungen und Unternehmen zurück. Die KI-Forschung legt einen großen Wert auf Offenheit und Reproduzierbarkeit der Ergebnisse. Daher stehen die neuesten Algorithmen typischerweise als Open Source für die Allgemeinheit zur Verfügung und können daher auch vom Militärsektor benutzt werden. Da es sich hier um Software handelt, die frei geteilt und reproduziert werden kann, verbreiten sich die Erkenntnisse besonders schnell. Ohne die Revolution in der maschinellen Bildererkennung in den vergangenen zwanzig Jahren - fast ausschließlich basierend auf der Forschung von zivilen Universitäten und Unternehmen - wäre ein automatisiertes Erkennen von Objekten zu militärischen Zwecken zum Beispiel gar nicht möglich.

Um die Verwendung im Militär zu verhindern, brauchen wir rechtzeitig Sperrverträge, wie sie bei der Atombombe leider sehr spät kamen - und die jetzt für unbemannte Waffensysteme hoffentlich bald durchgesetzt werden. Auch meine eigene Forschung ist als Open-Source für jeden verfügbar. Für mich wäre es schrecklich, wenn meine Arbeit zum Tod von Menschen beiträgt. Ich hoffe, durch meinen offenen Brief und auch dieses Interview, einen Beitrag zu leisten, dass dieser Irrsinn noch rechtzeitig beendet wird.

Ich komme zu einem ganz pragmatischen Gesichtspunkt. Deutschland beziehungsweise die Bundeswehr ist in diesen Bereichen nicht führend. Die Drohnen, über die diskutiert wird, werden gekauft oder gemietet. Sie sind schon lange auf dem Markt. Welche Auswirkung sollte ein Verzicht Deutschlands haben?

Wir können entweder mit einer vermeintlichen Aufholjagd bezüglich Drohnen blind in den Abgrund eines globalen Wettrüstens rennen oder wir können uns auf unsere Vorreiterrolle für Abrüstung, globale Verständigung und Diplomatie besinnen. Und schon der vorläufige Stopp der Bewaffnung von Drohnen in Deutschland hat eine große Signalwirkung und weckt Hoffnung auf einen Politikwechsel hin zu einer Politik der Abrüstung und der Kooperation. Das ist in der öffentlichen Debatte spürbar und wird auch international durchaus wahrgenommen. Ein definitives Nein der Bundesregierung zu bewaffneten Drohnen und der Verzicht auf die Entwicklung einer Eurodrohne wären ein Signal für einen Ausstieg aus der Rüstungsspirale und für eine neue Entspannungspolitik.

Treibende Kräfte in dieser Technik sind die militärischen Großmächte USA, China, Russland – dazu auch kleinere Staaten wie Israel. Diese Staaten würden doch die Entwicklung nicht stoppen.

Auch diese Länder sind davon abhängig, dass globale Herausforderungen an die Menschheit, wie zum Beispiel der Klimawandel, global gelöst werden. Daher brauchen wir so oder so für das langfristige Fortbestehen der Menschheit auf diesem Planeten Mechanismen der globalen Kooperation und Koordinierung.

Die Bewahrung des Friedens und die Verhinderung von Rüstungswettkämpfen ist eine zwingende Voraussetzung, um diese Herausforderungen erfolgreich anzugehen. Das sehen immer mehr Menschen. Laut Polit-Barometer von 2014 – mir selbst ist leider keine aktuellere Umfrage bekannt – ist die weite Mehrheit der deutschen Bevölkerung übrigens gegen Kampfdrohnen.

Die Stimmung der Bevölkerung in Deutschland wird weder die USA noch China beeindrucken.

Auch aus sicherheitspolitischem Selbstinteresse hat kein Land ein Interesse an der Ausbreitung dieser Waffen, die zunehmend leicht zu produzieren sind und destabilisierend wirken. Die Anzahl der Länder, die diese Waffen besitzen, ist in den letzten Jahren rapide gestiegen. Es ist daher gerade im Interesse der industrialisierten Militärmächte, diese Entwicklung zu stoppen. Das kann nur über internationale Abkommen gelingen. Die Vorstellung, die westlichen Länder könnten andere vom Erwerb dieser Waffen ohne entsprechende Abkommen abhalten, ist vollkommen unrealistisch.

Im Konflikt um Bergkarabach konnte man sehen, dass ein Land wie Aserbaidschan moderner bewaffnet ist als viele Nato-Staaten. Die Drohnen der Aseri-Seite haben den Krieg gewonnen. Wer es sich zumuten will, kann sehen, wie sie Jagd auf einzelne Fahrzeuge machen und sie abschießen. Wenn so die Konflikte der Gegenwart aussehen, hätten unsere Soldaten gegen einen mit Kampf- und Kamikazedrohnen bewaffneten Gegner keine Chance. Was sagen Sie den Soldaten, die im Zweifel gegen einen so gerüsteten Gegner ins Feld ziehen müssten?

Das Entscheidende ist doch: Ohne Kampfdrohnen hätte es diesen mörderischen Krieg wahrscheinlich nicht gegeben! Und militärisch lehrt der von der Türkei mitgeführte Krieg doch, wenn überhaupt, in moderne Flugabwehr und gezielte Drohnenabwehr, wie zum Beispiel Störfunk, zu investieren, unbemannte Angriffswaffen bieten hier keinen Schutz.

Davon abgesehen lässt sich festhalten: Ein Angriff von außen ist für Deutschland aktuell ein nicht zutreffendes Schreckensbild und deutsche Soldaten kämpfen nicht gegen Kampfdrohnen. Allerdings ist die einzige Möglichkeit, dass dies langfristig so bleibt, wieder die internationale Diplomatie zu stärken und abzurüsten. Gerade aus dem Beispiel der USA lässt sich lernen, dass die Hochrüstung der Armee und gerade der Einsatz einer terroristischen Waffe wie Kampfdrohnen nur die Sicherheit der Soldaten gefährdet, da Gewalt Gegengewalt hervorruft.

Lassen Sie mich hier noch eine Anmerkung machen: Der eigentliche Gegner der Soldaten ist der Krieg selbst, sie werden aus geostrategischen und wirtschaftlichen Gründen in gefährliche Einsätze geschickt. Da liegt das Grundproblem. Das Töten ist unmenschlich, so sind die Todeszahlen durch Suizide unter den aktiven Soldaten in den USA in vielen Jahren höher als durch Gefechtshandlungen. Die Steuerung von Drohnenmorden ist extrem traumatisierend für die Soldaten. Auch die US-amerikanischen Whistleblower des Drohnenprogramms Lisa Ling und Cian Westmoreland haben Anfang Dezember 2020 gegenüber deutschen Politikern deutlich gemacht, dass der Einsatz von Kampfdrohnen für den Schutz der Soldaten weder notwendig noch ethisch ist, weil ganze Bevölkerungen hierdurch terrorisiert werden.

Primär für dieses Schreckenszenario der Landesverteidigung leisten wir uns eine Bundeswehr mit einem Etat von 45 Milliarden Euro. Ein singulärer Verzicht der Bundeswehr hätte vor allem eine politische Signalwirkung. Was müsste Ihrer Meinung nach geschehen, dass diese Waffen weltweit geächtet werden?

Mit Chemiewaffen, Atomwaffen, Landminen und Streumunition sind Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen ermordet worden, bevor ihr Einsatz geächtet wurde. Die grausamen Auswirkungen von Kampfdrohnen haben Sie selbst am Beispiel Bergkarabach angedeutet, sie sind jetzt schon offenkundig. Ich glaube, dass spätestens die Videos aus Bergkarabach ein Weckruf für die internationale Gemeinschaft sein müssen.

Bereits jetzt wäre es möglich, Staaten, die diese Waffen produzieren oder einsetzen, zu sanktionieren, statt sie dabei zu unterstützen. Die Türkei, welche Aserbaidschan die Drohnen geliefert hat, ist nach wie vor Empfänger deutscher Rüstungsexporte – soweit bekannt hat mit TDW übrigens ein deutscher Rüstungskonzern die Entwicklung türkischer Drohnenraketen mit ermöglicht. Die USA, die weltweit einen terroristischen Krieg mit Kampfdrohnen führen, nutzen zur Verarbeitung der Daten die Airbase in Ramstein. Auch dies könnte die Bundesregierung unter Verweis auf das Völkerrecht unterbinden.

Es gibt auch ermutigende Beispiele: In wenigen Wochen wird der Atomwaffenverbotsvertrag der Vereinten Nationen in Kraft treten. Die weltweite Bewegung gegen Atomwaffen, ICAN, hat 2016 für ihr Engagement den Friedensnobelpreis bekommen. Das setzt Maßstäbe, auch wenn sich die atomwaffenbesitzenden Länder dem Prozess bisher verweigern.

Wenn Waffensysteme autonom und vernetzt arbeiten besteht dann nicht die Gefahr, dass Hacker diese Systeme kapern und für Anschläge benutzen?

In der Tat, bei keiner Softwareanwendung lassen sich Sicherheitslücken kategorisch ausschließen. Dieses Problem wird sich durch vernetzt agierende Schwarm-Systeme in Zukunft möglicherweise verschärfen, da ganze Waffensysteme gekapert werden könnten und die Vernetzung immer auch Schwachstellen bringt. Weiterhin lassen sich auch KI-Systeme unter Umständen durch sogenannte “Adversarial Attacks” hijacken, in denen die Eingangsdaten so manipuliert werden, dass das KI-System fehlagiert.

Der Krieg der Roboter ist eine extreme Vision, doch KI zieht überall ins Leben ein. So wie Drohnenschwärme ein Feuerwerk simulieren oder eine Flagge bilden können. Auch in anderen Bereichen fragt man sich: Wie sieht der Platz des Menschen in der Zukunft aus? Beim Militär ist zu befürchten, dass der Mensch, wenn es hart auf hart kommt, einfach aus den Entscheidungen heraus genommen wird. Was ist das für eine Signalwirkung für andere Bereiche?

Wir stehen am Scheideweg und Zeiten der Krise sind immer auch Zeiten des Umbruchs. Wollen wir uns als globale Schicksalsgemeinschaft der Logik von KI Algorithmen unterwerfen? Oder verstehen wir uns als eine Gemeinschaft bestehend aus selbstbestimmten Subjekten? Wir dürfen uns die Antworten auf diese fundamentalen Fragen nicht vom Markt und noch viel weniger durch zerstörerisches Wettrüsten diktieren lassen.

Auf dem Gebiet der autonomen Kriegsführung kombinieren sich die für den IT-Sektor typische exponentielle Beschleunigung und die Eigendynamik, die sich aus der spieltheoretischen Interaktion von Bedrohung und Verteidigung ergibt. Das Resultat ist ein dynamisches System, das im schlimmsten Fall keine Umkehr erlaubt und in Kriegen von bisher unvorstellbarer Zerstörungskraft und Brutalität endet, wenn einmal Kipppunkte durchschritten werden. Noch haben wir jedoch die Möglichkeit, durch globales Handeln diese fatale Eigendynamik zu durchbrechen und das Schicksal der Menschheit in die Hand zu nehmen, anstatt zu dulden, dass aus vermeintlichen nationalen Eigeninteressen unser aller Untergang beschleunigt wird. Die Menschheit hat es in der Geschichte immer wieder geschafft, auch Krisen zu überwinden, selbstzerstörerische Dynamiken zu durchbrechen und eine neue Entwicklungsstufe der Zivilisation zu erreichen. Genau, weil wir keine Algorithmen sind, müssen wir uns jetzt auf unsere gemeinsame Menschlichkeit besinnen, uns unserer Vernunft bedienen, und das Wohl der gesamten Menschheit in den Mittelpunkt unserer gemeinsamen Bemühungen stellen.

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