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Krieg in der Ukraine Erbitterter Kampf um das Azovstal-Werk: Separatisten-Kommandeur verrät die russische Taktik

Das zerschossene Werk erinnert an die Kämpfe in Stalingrad.
Das zerschossene Werk erinnert an die Kämpfe in Stalingrad.
© Telegram / PR
Im Azovstal-Werk verschanzten sich die letzten Verteidiger von Mariupol, bis sie sich ergeben mussten. Ein Kommandeur der Separatisten erzählt, wie die russische Armee das Werk einnehmen konnten.

Das Vostock-Bataillon gehört zu den Truppen der Separatisten-Republik Donezk (DNR), die schon in den Kämpfen 2014 und 2015 verwickelt waren. Soldaten dieser Einheit kämpften auch in der Stadt Mariupol und waren auch an der Einnahme des Azovstal-Werks beteiligt.

Nun schildert der Gründer des Bataillons, Aleksander Chodakowski, in einem Video-Interview die Kämpfe. Wie zu erwarten, folgt er der Sicht der Aggressoren, doch das Video ist im Ton ruhig gehalten. Chodakowski spricht nicht etwa mit einem Panzer im Hintergrund, sondern sitzt in einem bescheidenen Raum, der an ein Büro der 1960er-Jahre erinnert.

In dem Video verrät er einiges über die Taktik der russischen Seite. Er behauptet, dass die Azow-Kämpfer nicht damit gerechnet hätten, aus den Wohngebieten der Stadt vertrieben zu werden. Doch sie hatten ihren Stützpunkt in dem Werk ausgebaut. "Sonst hätten wir sie in den Wohngebieten ausgelöscht und ins Meer geworfen", prahlt der Separatisten-Kommandeur.

Kritische Wasserzufuhr 

Aus dem Werk hätten die Ukrainer Tunnel zum Fluss gegraben. "Da hatten sie das Wasser her." Doch die russischen Truppen hätten mit Drohnen die Trampelpfade zu den Eingängen entdeckt. Dann hätten seine Männer begonnen, systematisch diese Routen zu blockieren und abzuschneiden.

"Große Tunnel führten unter das ganze Werk, wie Arterien". So hätten sich die ukrainischen Kämpfer gut bewegen können. In den großen Tunnel hätten sogar Waggons fahren können. 

Doch die Separatisten konnten die Stellen beobachten, an denen die Ukrainer in die Tunnel stiegen. "Wir haben die Eingänge vermint oder mit Präzisionswaffen beschossen." Damals flog die russische Luftwaffe regelmäßig Angriffe über dem Werk. Dabei wurden auch schwere thermobarische Bomben eingesetzt. Ihr Schockwelle drückt tiefe Tunnel und mitsamt den Zugängen zusammen.

Als alle Lebensadern blockiert wurden, wurde der Widerstand der Azow-Kämpfer noch stärker, so der Separatist. "Sie haben sogar versucht, Gegenangriffe zu starten." Tatsächlich war die Lage der Verteidiger verzweifelt. Die Frontlinie war weit von Mariupol entfernt, ein Ausbruch und der Versuch sich zu den eigenen Linien durchzuschlagen, daher aussichtslos. Die Gegenangriffe konnten nur dazu dienen, auf taktischer Ebene etwas Luft zu bekommen.

Dann beschreibt Chodakowski die Taktik seines Bataillons. "Wir zwangen sie, sich zu zeigen. Dann kannten wir ihre Feuerstellungen. Das menschliche Auge bemerkt nicht alles, doch man kann sich nicht vor Drohnen mit 28 Linsen verstecken." Seine Männer saßen vor großen Monitoren und wertete jeden Fleck und jedes Pixel aus.

Drohnen entscheidend

In den eigentlichen Werkshallen kam es zu den letzten Kämpfen. Doch der Platz, wo die Ukrainer lebten und campierten, habe sich nicht gut zur Verteidigung geeignet, so der Separatist. Und das lag am Boden. Die Bombenkrater hätten einen gewissen Schutz geboten, aber auf dem Betonboden des Werks konnte man keine Gräben oder Schützenlöcher ausheben oder Feuerstellungen aufbauen. "Schon, um einen Mörser abzufeuern, mussten die Ukrainer ins Freie, wo sie von den Drohnen entdeckt worden sind."

Am Ende hätten sich die Verteidiger ergeben müssen. Erschöpft und zerlumpt. "Aber besser das, als im Werk zu sterben und zu verrotten. Ohne Begräbnis, damit man von Hunden und Krähen gefressen wird." Dann behauptet Chodakowski, dass die Gefangenen gut behandelt worden seien. Und wiederholt das Kremlnarrativ, dass es sich um "Nazis" handle. Er erwähnt nicht, dass die ukrainischen Kämpfer betrogen worden sind. Sie sind zwar zum größten Teil in die Kriegsgefangenschaft gegangen, wie es ihnen zugesichert worden ist. Doch inzwischen wurde ihnen in der Separatisten-Republik der Status als Soldat und Kriegsgefangener aberkannt, in Schauprozessen sollen sie nun als angebliche Terroristen verurteilt werden.


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