HOME

Stern Logo Familienbande

Serie: Rabenmütter, Rabenväter: Der mühselige Weg einer Vierjährigen zu Jesus

Ich bin ein Rabenvater: Ich habe mein Kind stundenlang eingepfercht, zu Hitzemärschen gedrängt, Warnungen ignoriert - nur, weil ich mal wieder etwas erleben wollte. Und ich würde es wieder tun.

Von Marc Drewello

Die Christus-Statue auf Rios höchstem Berg, dem Corcovado: "Die Menschen haben Jesus getötet, damit sie eine Starfigur aus ihm machen können", stellte meine Tochter nach dem Besuch des Wahrzeichens fest

Die Christus-Statue auf Rios höchstem Berg, dem Corcovado: "Die Menschen haben Jesus getötet, damit sie eine Starfigur aus ihm machen können", stellte meine Tochter nach dem Besuch des Wahrzeichens fest

Es war eigentlich nur Spielerei: Bei der Urlaubsplanung im Internet gab ich in eine Flug-Suchmaschine Orte ein, die ich gerne mal sehen oder wiedersehen würde: Bangkok, Sydney, Las Vegas, Kapstadt. Traumziele, die mir seit einigen Jahren unerreichbar erschienen. Nicht nur wegen der Kilometer und der Kosten, sondern vor allem wegen Fanny.

Fanny ist meine Tochter. Sie ist vier Jahre alt. Seit sie auf der Welt ist, war ich mit ihr und meiner Frau auf Mallorca, Fuerteventura, im Allgäu und am Gardasee. Pauschalurlaube in familienfreundlichen Unterkünften. Außer am Gardasee. Das war eine Wohnmobiltour. Bei schlechtem Wetter. Auf halber Strecke fragte Fanny: "Papa, wann gehen wir mal wieder in ein Hotel?"

Dabei hatten wir es nur gut gemeint. Mit ihr und uns. Statt austauschbarer, gesichtsloser Touristenorte, Poolanimation und Kinderdisco wollten wir mal wieder ein kleines bisschen Individualität und Abenteuer. Und Campingurlaub ist toll für Kinder, dachten wir: den ganzen Tag draußen, jede Menge Spielkameraden. War er aber nicht. Zumindest nicht für Fanny. Erst recht nicht bei schlechtem Wetter.

Der Traum wird plötzlich greifbar

Nun saß ich also vor meinem Laptop und dachte wehmütig an alte Zeiten zurück. Vor-Fanny-Zeiten. Urlaube, die mein Leben bereichert haben und die auch nach dreißig Jahren unvergessen sind: Ich war 19, als ich mit wenig Geld alleine durch den Westen der USA reiste. Ich zeltete in Nationalparks oder schlief am Strand, durchwanderte den Grand Canyon, badete unter Wasserfällen und spürte eine unglaubliche Freiheit.

Ich bin spät Vater geworden, und so erstreckte sich die Vor-Fanny Zeit über viele Jahre. Ich schwamm mit Delfinen, paddelte zwischen Alligatoren, tanzte Salsa in Havanna und fuhr Bodyboard in Rio. Rio de Janeiro, das seine Einwohner "Cidade Maravilhosa", "Wunderbare Stadt" tauften. Verträumt tippte ich den Namen in das Suchfeld und bekam leuchtende Augen, als die Maschine Flugpreise ausspuckte, die das unerreichbare Ziel plötzlich in greifbare Nähe rückten.

Schwere Turbulenzen und brütende Hitze

Drei Monate später landeten wir auf dem Flughafen Antônio Carlos Jobim. Ich hatte mich durchgesetzt. Gegen Kritik aus der Familie wegen der hohen Kriminalitätsrate und der langen Anreise: "Wollt ihr das Fanny wirklich zumuten?!" Gegen die Warnung eines befreundeten Arztes vor Dengue-Fieber: "Das solltet ihr euch noch mal überlegen. Ich würde das mit meinen Kindern nicht machen!" Und nicht zuletzt gegen meine eigenen Ängste.

Und die Mahner und Warner hatten Recht: Der Urlaub war eine Zumutung für Fanny. 24 Stunden dauerte die Anreise von Hamburg über Paris. Fast 26 Stunden die Rückreise. Eine gefühlte Ewigkeit musste unsere Tochter bei schweren Turbulenzen eingepfercht auf ihrem Flugzeugsitz ausharren. Bereits am ersten Tag in Rio klagte sie auf dem Weg zur Christusstatue, dem Wahrzeichen der Stadt: "Mir ist so warm. Ich will nach Hause!" Sie meinte nicht unsere Unterkunft im Künstlerviertel Santa Teresa, ohne Klimaanlage, wo wir nachts vor Hitze kaum schlafen konnten. Sie meinte Hamburg.

Nach vier Tagen zogen wir wie geplant weiter in den Strandort Búzios, 180 Kilometer nördlich von Rio. Doch die Zumutungen hörten nicht auf. Fanny bekam den ersten Sonnenbrand ihres Lebens, trotz Sunblocker und Sonnenhut. Jeden Tag machten wir uns auf zu neuen Stränden oder Sehenswürdigkeiten, obwohl sie viel lieber fernsehen oder im Pool spielen wollte. Und schließlich gefährdeten wir auch noch die Sicherheit unserer Tochter: Wir mieteten einen Buggy, der deutsche Tüv-Prüfer zum Weinen gebracht hätte, und erkundeten damit die Gegend. Mit Kind. Aber ohne Kindersitz, ohne Sicherheitsgurte und fast ohne Bremsen. In Búzios Alltag, in Deutschland undenkbar.

Fanny musste einiges aushalten in diesem Urlaub. Und es gab immer wieder Momente, in denen ich mich wie ein Rabenvater fühlte. Dennoch bedauere ich nichts. Denn Fanny tut es auch nicht. Dieser Urlaub hat auch sie glücklich gemacht. Ich habe ihr Glück schon am ersten Tag gesehen, als wir nach dem beschwerlichen Besuch bei Jesus einen Abstecher ans Meer machten und sie jauchzend vor Freude über den Sand lief. Oder am Strand von Ipanema, als ihr ein Getränkeverkäufer die wichtigste Geste nonverbaler Kommunikation in Brasilien beibrachte, die am Zuckerhut schon in war, lange bevor Zuckerberg damit Milliarden machte: Daumen hoch. Wie sie da strahlte und bei jeder Gelegenheit ihren kleinen Daumen in die Luft streckte.

Und später, wie stolz sie war, als sie das erste Mal nur mit Schwimmring, aber ohne Mamas oder Papas haltende Hand im warmen Atlantik schwamm. Oder ihre Begeisterung für Claudio, den umwerfend liebenswürdigen Besitzer unserer Pousada in Búzios, der ihr jeden morgen Brot zerrupfte und zu kleinen Kugeln rollte, damit sie beim Frühstück auf der Terrasse die Vögel füttern konnte. "Schade, dass Claudio nicht in Hamburg wohnt", klagte sie schon nach wenigen Tagen. "Dann könnten wir ihn immer besuchen." Dieser Urlaub hat uns als Familie bereichert und er wird auch in 30 Jahren unvergessen sein.

Als wir Fanny gestern ins Bett brachten, nahm sie ein kleines Lavendelkissen in die Hand, das seit unserer Rückkehr am Kopfende ihres Bettes liegt. Ignez, die Frau von Claudio, hatte es selbst genäht und ihr zum Abschied geschenkt. Sie schnupperte daran und hielt es mir hin. "Riech mal, Papa, das riecht nach Brasilien. Können wir da bald wieder hin?" Spätestens da wusste ich, dass ich alles richtig gemacht hatte.

Hier können Sie dem Autor auf Twitter folgen.

Wissenscommunity