Gammel-Lebensmittel Neue Ekel-Funde


Nach dem bayrischen Ekelfleischskandal sind Lebensmittelkontrolleure auf weitere dreiste Fälle gestoßen, in denen vergammeltes Fleisch in Umlauf gelangt ist. Sogar Papst-Pilger könnten betroffen sein.

In Hessen wurde erneut verdorbenes Fleisch gefunden. 320 Kilogramm Rindfleisch aus einem seit Montag vom Veterinäramt untersuchten Kühlhaus in Frankfurt/Main sind ungenießbar, wie die Stadt berichtete. Am Vortag hatte das Umweltministerium in Wiesbaden mitgeteilt, dass sich die im Rhein-Main-Gebiet - außerhalb Frankfurts - sichergestellten 370 Kilogramm Rindfleisch als vergammelt erwiesen hätten. Dieses Fleisch stammte nach Angaben des Ministeriums aus dem Münchner Betrieb, der im Zentrum des derzeitigen Gammelfleischskandals in Bayern steht. Die in Frankfurt gefundene Menge kam aus Litauen.

Verdächtiges Unternehmen bewirtete Papst-Pilger

Indes wurde bekannt, dass ein Unternehmen aus Bayern, das im Zusammenhang mit dem Gammelfleischskandal in Verdacht geraten war, Tausende beim Papstbesuch bewirtet hat. Hinweise, ob auch verdorbenes Fleisch serviert wurde, gebe es bisher nicht, teilte die Staatsanwaltschaft Regensburg mit. Die Firma aus Bad Windsheim versorgte nach eigenen Angaben rund 7000 Menschen bei der Papstmesse auf dem Islinger Feld bei Regensburg.

Ein Tiefkühlservice-Unternehmen in Würzburg geriet wegen des Fundes verdorbener Ware ins Visier der Staatsanwaltschaft. In einem Fleischbetrieb in Rellingen in Schleswig-Holstein fanden Kontrolleure abgelaufenes Fleisch, das nach ersten Tests nicht verdorben gewesen sein soll. In Rheinland-Pfalz ermittelt die Staatsanwaltschaft nach dem Fund von mehr als einer Tonne Gammelfleisch wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Lebensmittelgesetz.

Döner-Verkäufer sehen sich als Opfer

In Baden-Württemberg wehrt sich ein Unternehmen in Kronau nach der Entsorgung von 20 Tonnen Dönerfleisch. Dort waren 3000 Kilogramm verdorbenes Kalbfleisch mit anderem Fleisch vermischt worden - laut Unternehmen aus Versehen. Döner-Betriebe sehen sich inzwischen als Opfer des Gammelfleischskandals. Die Verkäufe an türkischen Imbissbuden in Südhessen brachen nach Angaben des deutsch-türkischen Gewerbebundes Rheinhessen in den vergangenen Tagen um bis zu 50 Prozent ein.

Auch der Fall eines niedersächsischen Großhändlers weitete sich am Donnerstag aus. Seine Lieferungen sollen in zahlreiche Bundesländer gegangen sein. Die Verbraucherschutzbehörde in Hamburg will die Ermittler in Niedersachsen nach eigenen Angaben bereits vor mehreren Monaten von dem Verkauf der sichergestellten Ware informiert haben. Ein Sprecher des niedersächsischen Agrarministeriums bestätigte, dass erste Hinweise im April an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet wurden.

Beliebter Absatzort: Großküchen

Der Großhändler soll nach Angaben der Staatsanwaltschaft Oldenburg acht Tonnen beschlagnahmtes Fleisch aus einem Lager in Hamburg abgeholt, in Brandenburg gelagert und an Großküchen verkauft haben. Das Fleisch sei an Betriebe in Bayern, Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen gegangen, schrieb das "Westfalen-Blatt". Die Berliner Senatsverwaltung teilte mit, der Großhändler habe zwischen Dezember 2005 und Januar 2006 Fleisch nach Berlin geliefert, das aber nicht beanstandet worden sei.

In Würzburg entdeckten Ermittler rund 17 Tonnen verdorbene Lebensmittel verschiedenster Art mit teilweise erheblich überschrittenem Haltbarkeitsdatum. Der hessische Verbraucherschutzminister Wilhelm Dietzel (CDU) forderte härtere Strafen für Gammelfleischhändler. "Es ist ein Skandal, was einige wenige tun", sagte Dietzel vor dem Landtag in Wiesbaden. Er kritisierte, jeder Metzger müsse seine Sachkunde nachweisen können, "aber ein Fleischhändler muss es nicht". In Zukunft müssten dabei strengere Maßstäbe angelegt werden.

"Überblick verloren, was da liegt"

Die Frankfurter Gesundheitsdezernentin Manuela Rottmann äußerte sich ähnlich. "Die Betreiber haben den Überblick verloren, was da noch liegt", sagte die Grünen-Politikerin über das Frankfurter Kühlhaus, in dem seit Montag tonnenweise offenbar verdorbene Lebensmittel sichergestellt wurden. Es gebe keine einheitliche Dokumentationspflicht für Betreiber von Kühlhäusern und keine gesetzliche Regelung darüber, wie häufig die Hallen kontrolliert werden müssten, kritisierte Rottmann.

Zudem könnten die Namen schwarzer Schafe bislang erst genannt werden, wenn kriminelles Verhalten gerichtlich nachgewiesen wurde. Um effektiv kontrollieren zu können, sei außerdem deutlich mehr Personal notwendig: Derzeit sei jeder der insgesamt neun Lebensmittelkontrolleure in Frankfurt für rund 840 Betriebe zuständig. Die in Würzburg sichergestellten Gemüse-, Fleisch-, Fisch- und Geflügelprodukte hätten zum Teil deutliche Anzeichen von Gefrierbrand und Verderbnis aufgewiesen, erklärte ein Sprecher des dortigen Landratsamtes. Die Ware wurde bereits am Freitag gefunden, der Betrieb wurde dann am Montag geschlossen, gegen die Inhaberin erstattete man Anzeige.

Schnappauf auch bei Kabinettskollegen in der Kritik

Nach Angaben der Behörden habt das Tiefkühlunternehmen vor allem Unternehmen in Würzburg und aus dem Landkreis beliefert. Das Veterinäramt der Stadt Würzburg prüft, ob die Firmen auch verdorbene Produkte erhalten hätten. Unterdessen berichtete die "Süddeutsche Zeitung", dass der bayerische Verbraucherminister Werner Schnappauf auch innerhalb der CSU geführten Landesregierung in die Kritik geraten sei. Mehrere Minister, darunter Innenminister Günther Beckstein und Wirtschaftsminister Erwin Huber, hätten bei einer Kabinettssitzung am Mittwoch Schnappauf vorgeworfen, dass er "von den wahren Problemen ablenkt", wie die Zeitung einen ungenannten Sitzungsteilnehmer zitierte.

Zudem hätten die Minister kritisiert, dass der von Schnappauf vorgelegte Sofortmaßnahmenkatalog für bessere Kontrollen nicht ausreiche. "Wir hatten schon den Eindruck, dass da viele Schaufensteraktionen dabei sind", zitierte die Zeitung ein Kabinettsmitglied. Schnappauf hatte im Kabinett zwei Eilverordnungen durchgesetzt, mit der unter anderem eine landesweite "Spezialeinheit Lebensmittelsicherheit" mit teils staatsanwaltschaftlichen Kompetenzen auf größere Betriebe im Fleischhandel angesetzt werden soll.

AP/DPA AP DPA

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