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Erinnerungen Ich stehe vor dem Moped meines toten Vaters – und plötzlich bin ich wieder ein Kind

Blaue Schwalbe steht im Regal
Diese Schwalbe weckte bei unserer Autorin lang vergessene Erinnerungen
© Karina Geburzky / stern
Vor einigen Jahren starb der Vater unserer Autorin an Krebs. Zufällig stieß sie jetzt auf sein altes Moped – und plötzlich waren da Erinnerungen, die sie längst vergessen hatte.

Ich stehe in einem etwa 20 Quadratmeter großen Raum. An den Wänden sind Regale, auf denen Oldtimer-Motorräder und -Mopeds ausgestellt sind. Vor mir befindet sich die frühere Schwalbe meines Vaters. In meinem Kopf bin ich auf einmal wieder ein Kind und wir fahren zusammen durch sommerliche Wiesen. Die Kaninchen, die wir in unserem Garten haben, fressen Klee und mein Vater nimmt mich auf dem Moped mit, um das Futter zu besorgen. Wir besuchen meine Großmutter auf ihrem Bauernhof oder fahren zu Freunden der Familie. Dann sehe ich ihn in der Garage an der blauen Schwalbe herumbasteln. Er schimpft, weil das Gefährt nicht richtig läuft – irgendwas ist kaputt. Als ich ihn frage, was nicht stimmt, sagt er nur: "Das wird schon wieder!". Ich bin froh, das Moped wiederzusehen, aber gleichzeitig auch traurig, denn ich weiß in dem Moment, dass ich solche Situation mit meinem Vater nicht mehr erleben werde. Er ist vor ein paar Jahren an Krebs gestorben.

Vor einer Weile war ich in meinem Heimatort zu Besuch. Ein kleiner Ort namens Worbis in einer sehr ländlichen Region Nordthüringens, das Stadtbild ist von Fachwerk geprägt. Es war nichts los an diesem Abend. Freunde, die noch in der Region wohnen, waren bei ihren Familien oder schon verabredet. Dennoch plagte meinen Freund und mich die Langweile. Wir wollten noch etwas unternehmen und gingen durch die Straßen des Ortes. Es war dunkel, die Straßenlampen warfen Lichtkegel auf die feuchten Bürgersteige. Kaum ein Mensch war unterwegs. In den Fenstern der Häuser brannten Lichter und man sah das Flackern der Fernseher. Autos fuhren nur noch selten an uns vorbei. Wir gingen durch die Straßen und schauten, was sich uns seit unserem letzten Besuch in den Straßen Neues bot. Leere Geschäfte, ein paar neue Schilder mit Reklame und ein neuer Telefonladen an der Ecke. Viel hatte sich nicht verändert.

Auf dem Rückweg kamen wir an der Bierstube Hartmann vorbei. Eine Kneipe, die es schon Jahrzehnte in Worbis gibt. Hier kehren Stammgäste ein, trinken ihr Bier und spielen Karten. Durch das Fenster sah ich zwei Freunde. Wir gingen in den Gastraum, um sie zu begrüßen. Nach ein paar Getränken kam auch der Inhaber des Gasthauses zu uns an den Tisch. Jürgen Hartmann ist in Worbis bekannt wie ein bunter Hund. Er ist Mitte 60, ein herzlicher Typ – wie ein Gastwirt eben sein sollte. Und Jürgen lässt sich in seiner Bierstube immer wieder neue Aktionen einfallen, um seinen Gästen etwas zu bieten. Sonntags gibt es Kuchenbuffet. Bei schönem Wetter veranstaltet er Feste oder Bikertreffen.

An diesem Tag gab es keines dieser Feste, es war schon später am Abend und die Tische leerten sich langsam. Nur im hinteren Bereich des Gastraums saßen noch ein paar Gäste. Jürgen hatte mich schon länger nicht gesehen. Schließlich wohne ich schon seit Jahren nicht mehr in dem Ort. Er setzte sich zu uns und wir kamen ins Plaudern. Ich erinnerte mich, wie ich schon als Kind in seinem Getränkemarkt einkaufte – damals gab es noch keinen Gastraum.

Der Gefallen, der eigentlich für mich war

Nach ungefähr zwei Stunden wollten wir uns eigentlich verabschieden. Ein Gast verlangte nach Jürgen. Er bat mich noch kurz zu warten, denn er wollte mir unbedingt noch sein Museum zeigen. Jürgen sammelt schon seit Jahren kuriose Fahrzeuge – als Worbiserin weiß man das. Er hat ein Steinzeitmobil, einen Schulbus und zahlreiche Motorräder. Ich haderte etwas, denn ich war eigentlich müde und wollte nach Hause. Dennoch tat ich ihm den Gefallen – zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass in Wirklichkeit er es war, der gerade etwas für mich tat.

Wenig später stehen wir in seinem Museum. Jürgen führt mich zu einer blauen Schwalbe. Und so schnell, wie es mir auffällt, platzen die Worte aus mir heraus: "Mein Vater hatte auch mal ein solches Moped!" Jürgen steht hinter mir im Raum und sagt: "Die Schwalbe ist von deinem Vater." Ich bin baff. Ich glaube nicht an Zufälle, Schicksal oder an Übersinnliches. Starre auf das Moped, erfasse seine Formen und Einzelheiten und bin in meinem Kopf wieder das Kind, dass mit seinem Vater auf dem Moped fährt.

Leicht überfordert von der Situation, weil so viele Bilder durch meinen Kopf rauschen, schaue ich immer wieder auf die Schwalbe. Ich kann nicht fassen, dass ich gerade vor dem Moped stehe und all diese Momente vergessen hatte, die ich zusammen mit meinem Vater erlebt habe. Ich bin dankbar, weil Jürgen mich mit der kleinen Geste so überrascht hat. Als ich mich langsam wieder fasse und umdrehe, sehe ich auch in seinen Augen ein paar kleine Tränen. Noch tagelang werde ich Freunden und Kollegen von diesem Erlebnis erzählen, weil es mich so mitgenommen hat.

Für manche Menschen mag die Schwalbe nur ein Gegenstand sein. In mir bringt das Betrachten des Mopeds Erinnerungen hoch. So sehr, dass ich das Gefühl bekomme, dass mein Vater noch nicht ganz von dieser Welt verschwunden ist. Und ich bin froh, dass ich aus purem Zufall die Erinnerungen zurückbekommen habe.


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