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Lebensmittelskandal: Gammelfleisch unter der Garage

50 Tonnen in München, 40 Tonnen in Passau, 37 Tonnen in Regensburg: Das ganze Ausmaß des neuen Gammelfleischskandals ist noch nicht abzusehen. Verbraucherschützer sind nicht sonderlich überrascht, für sie liegen die Fehler im System.

Und schon wieder erschüttert ein Gammelfleischskandal das Land: Bei Razzien in Bayern wurden innerhalb von zwei Tagen mehr als 100 Tonnen verdorbenes Fleisch gefunden. So etwa in dem Kühlhaus eines Münchener Großhändlers. Bereits am Donnerstag stellte die Polizei dort 10.000 Kilogramm Dönerfleisch sicher, bei dem die Haltbarkeitsdaten teilweise um vier Jahre überschritten waren. Das Gesundheitsamt habe die Ware nach ersten Untersuchungen als "ranzig, muffig, alt und fremdartig" bezeichnet.

Nur einen Tag später, am Freitag, wurden 30 bis 40 Tonnen verdächtiges Entenfleisch beschlagnahmt. Es wurde laut Polizei auch verkauft. Weil die Untersuchungen weiterlaufen, sei "das ganze Ausmaß noch nicht absehbar", sagte ein Sprecher des Kreisverwaltungsreferats. Zudem gebe es Anhaltspunkte, dass die vergammelte Ware nicht nur bundesweit, sondern auch in Länder der Europäischen Union verkauft worden sei, sagte der Sprecher.

Genussunfähiges Fleisch in den Handel gebracht

Zugleich flog im Landkreis Passau ein zweiter Fleischskandal auf: Bei einem Deggendorfer Händler stellte die Polizei 40 Tonnen teilweise verdorbenes Fleisch sicher. Erste Erkenntnisse bestätigten den Verdacht, "dass in der Firma Fleisch, das nicht mehr genussfähig war, in der Vergangenheit in den Handel gebracht wurde", so die Staatsanwaltschaft Deggendorf.

In einem Kühlhaus in Regensburg lagerten 37 Tonnen Fleisch verschiedenster Art, das via Holland nach Hongkong verschifft werden sollte. "Ein bereits beladener Transporter wurde von der Polizei gestoppt und wieder entladen." In einem für gewerbliche Zwecke nicht genehmigten Kühlraum unter einer Garage im Landkreis Deggendorf fanden die Ermittler eine weitere Tonne Fleisch. Gegen den 53-jährigen Inhaber der Fleischzentrale werde ermittelt.

Über die Abnehmer der halbverwesten Ware herrscht bislang Unklarheit. Zu den Kunden des Münchener Großhändlers zählen neben türkischen Imbissen auch Asia-Shops und bayerische Lokale. Ob das vergammelte Fleisch auch gesundheitsgefährlich ist, sollen mikrobiologische Analysen in den nächsten Tagen erweisen. Bei Befragungen von Mitarbeitern des Fleischhändlers habe sich der Verdacht auf Manipulationen erhärtet, sagte Reif.

Ein ehemaliger Aushilfsarbeiter bestätigte der "Süddeutschen Zeitung", dass Fleisch mehrfach umetikettiert worden sei. Der Betrieb im Vorort Johanneskirchen sei noch nie auffällig geworden, sagte Reif. Bei den ein bis zwei Kontrollen im Jahr könnten allerdings nur Stichproben gemacht werden.

Reflexartig mahnt die Politik nun erneut strengere Kontrollen an. Häufiger müsse kontrolliert werden und vor allem bundeseinheitlich. Dabei ist es noch kein Jahr her, dass der letzte große Gammelfleischskandal im Verbraucherinformationsgesetz gemündet ist. Wie der Zufall es will, wird der Bundesrat in wenigen Wochen darüber beraten. Die Verordnung hatte ursprünglich das Ziel, genau solche Fälle von Lebensmittelmissbrauch zu verhindern.

Dessen schnelle Verabschiedung fordert nun auch der bayerische Verbraucherschutzminister Werner Schnappauf, um Gammelfleischsünder öffentlich bloßstellen zu können. "Das Verbraucherinformationsgesetz, die Antwort von Horst Seehofer auf die großen Fleischskandale, ist allerdings völlig wirkungslos", sagt Barbara Hohl von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch. Weder den Verbrauchern noch den Abnehmern gebe es die Möglichkeit, die Qualität des Fleisches durch festgelegte Kriterien zu überprüfen, so Hohl. Letztlich aber "funktioniert das gesamte Kontroll- und Strafensystem, so wie es derzeit aufgestellt, überhaupt nicht - weder intern noch nach außen".

Beispiel Lebensmittelkontrolleure: Nach Ansicht von Foodwatch würden sie zwar genug Stichproben nehmen, doch ihre Ergebnisse würden in den Kommunal- und Landesämtern landen, ohne dass empfindliche Strafen folgten. Zudem hat jedes Bundesland seine eigenen Bestimmungen und die Zuständigkeiten der Kontrolleure hören an den Landesgrenzen auf. "Viele sind frustriert, wenn ihre Kontrollen nicht wirklich etwas bewirken, weil Ross und Reiter nicht laut genannt werden dürfen und die Strafen viel zu niedrig sind", sagt Barbara Hohl und fordert endlich bundesweite Regelungen für die Lebensmittelkontrolle.

So sieht es auch Carol Mohn vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. "Aus politischer Eitelkeit wird ein unsinniger föderaler Wettbewerb auf Kosten der Verbraucher betrieben." Hier habe die Föderalismuskommission gerade eine große Chance verpasst.

Fleisch mehr Wertschätzung entgegenbringen

Für die Imbiss-, Restaurant- und Supermarktkunden bedeutet der neue Fleischskandal nichts Gutes. Vor halb verwesten Dönern können sie sich kaum schützen. Auch wenn Carol Mohn grundsätzlich dazu rät, im Zweifel dem Produkt Fleisch "mehr Wertschätzung" entgegenzubringen, sprich: lieber zu teurerem Biofleisch zu greifen. Eine Garantie für einwandfreie Qualität sei dies aber nicht, zumal auch billige Lebensmittel einwandfrei zu sein haben, wie er sagt. "Die Verbraucher müssen begreifen, dass es sich um ein politisches Problem handelt und bei Politikern Druck ausüben müssen", so Hohl. Denn mit ihrem Einkaufsverhalten können sie leider nichts machen.

Niels Kruse

Wissenscommunity