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Von wegen geschlossene Gesellschaft - in St. Gallen treffen Studenten die Top-Manager der Welt.

Wovon Träumen BWL-Studenten eigentlich? Vielleicht davon, mal ein paar Tage mit den wirklich Mächtigen dieser Welt zu verbringen. Nein, nicht mit Politikern, sondern mit Männern, die Konzerne lenken. Mit Josef Ackermann etwa, dem Chef der Deutschen Bank, Wolfgang Mayrhuber von der Lufthansa, Fiat-Boss Luca Cordero di Montezemolo oder Adidas-Chef Herbert Hainer. Diese vier und 600 weitere Top-Manager treffen sich tatsächlich einmal im Jahr mit ausgewählten Studenten an der Schweizer Elitehochschule St. Gallen. Sie hören Vorträge über die "Herausforderungen der Welt von morgen", diskutieren in so genannten Leadership-Sessions oder plaudern im Innenhof der Uni bei asiatischen Snacks.

Von überall her bewerben sich Studenten für dieses elitäre Symposium, das jedes Jahr im Mai stattfindet - nur die deutschen Studenten bekommen ihren Hintern nicht richtig hoch. Während sich die Schweizer Uni vor Bewerbern aus China oder Indien kaum retten kann, schaffen es aus Deutschland gerade mal 15 Leute zum Wirtschaftsgipfel. Dabei sind die Hürden nicht besonders hoch. Man bewirbt sich mit einem Aufsatz zu einem vom ISC gestellten Thema. 1.000 solcher Aufsätze trudeln jährlich bei den Organisatoren ein, die Autoren der 200 besten werden eingeladen. Sie bekommen sowohl das Ticket als auch den Aufenthalt bezahlt und ergattern oft noch wertvolle „Connections“ für Praktika oder Job.

"Ich geb Ihnen mal meine Karte"

Einer der wenigen deutschen Studenten, die es dieses Jahr schafften, war Klaus Brösamle, 23, in Bamberg eingeschrieben für European Economic Studies. Er trägt einen braunen Nadelstreifenanzug, ein orangefarbenes Hemd und Krawatte. Am Eingang zur Aula bekommt jeder Teilnehmer ein Headset, mit dem alle Vorträge und Wortmeldungen ins Englische übersetzt werden, falls doch ein Redner mal deutsch oder französisch spricht. Student Brösamle wartet auf Vortrag Nummer sieben, für den Mathias Döpfner, Chef des Springer-Konzerns, von 10.55 bis 11.15 Uhr angekündigt ist. Döpfner erklimmt lächelnd das Podium, spricht über die Beziehung von Medien und Politikern. Er erklärt den Managern und Studenten aus aller Welt, dass in Deutschland nicht die Medien, sondern die Politiker boulevardesker geworden seien. "Man wählt aber nicht Politiker, die so sind wie man selbst", doziert Döpfner, "Politik braucht ein letztes Geheimnis."

Nach Döpfners Vortrag schwärmen alle ins Freie. Von der Uni, die sich über St. Gallen erhebt, blickt man auf saftige Wiesen, im Tal liegt Nebel. Man plaudert bei einem Espresso ein wenig über die Probleme der Welt und genießt ansonsten den Luxus: Den Teilnehmern, außer den Studenten, steht Tag und Nacht gratis ein Limousinenservice zur Verfügung, allein Audi stellte den St. Gallenern dafür 30 A8-Karossen zur Verfügung. Die Vorträge am Nachmittag schenkt sich Student Brösamle. Er nimmt lieber an der Besichtigung der weltberühmten Stiftsbibliothek mit Empfang beim Bischof teil. Für dieselbe Tour hat sich auch Hans-Werner Cieslik entschieden, Direktor bei der Robert Bosch Stiftung. Er kommt mit Brösamle ins Gespräch, erkundigt sich, was dieser so vorhabe. Aha, China interessiere den jungen Mann? Da habe Bosch ja auch ein paar Projekte laufen. Wenn ihn das interessiere, könne er sich ja melden. "Hier, ich geb Ihnen mal meine Karte."

Markus Grill print

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