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Gebrüder Grimm: Schönheitswahn vor 200 Jahren: Warum "Schneewittchen" immer noch aktuell ist

Schneewittchen ist schön - und das ist auch ihr großes Problem. In dem Märchen wird die Jagd nach Jugend und Schönheit thematisiert. Und ist damit immer noch sehr aktuell.

Schneewittchen

Illustrationen des Märchens "Schneewitchen" von aus Carl Offerdinger, in: Mein erstes Märchenbuch, Verlag Wilh. Effenberger, Stuttgart, Ende des 19. Jahrhunderts.

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Es beginnt mit dem Wunsch einer einsamen Frau, die sich beim Nähen in den Finger sticht. Das Blut tropft in den Schnee und sie sagt: "Hätt’ ich ein Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie das Holz an dem Rahmen!“ Und wie Märchen so sind, bekommt sie eben dieses Kind, wunderschön, "eine Synthese aller Gegensätze aus rot und weiß und schwarz", so der Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann zu "Radio Bremen". Doch die Frau wird zu Randfigur, sie stirbt. Die Figur, voller Liebe, verschwindet aus der Geschichte - und wird ersetzt von einer Stiefmutter. "Es war eine schöne Frau, aber sie war stolz und übermütig und konnte nicht leiden, daß sie an Schönheit von jemand sollte übertroffen werden", so heißt es in dem Märchen Schneewittchen. 

Die Gebürder Grimm veröffentlichten die Geschichte von Schneewittchen erstmals 1812, sieben Ausgaben sollten folgen. Die Geschichte ist geprägt vom Konflikt zwischen Tochter und Stiefmutter. Denn so sehr wie die leibliche Mutter die Tochter herbeigewünscht hat, ist sie der Stiefmutter nicht nur lästig - sie ist eifersüchtig auf das schöne Mädchen. Und das wird fortan nur noch auf das Äußere reduziert. Während die böse Stiefmutter munter den hauseigenen Zauberspiegel befragt: "Wer ist die Schönste im ganzen Land?" 

Schönheit um jeden Preis: Das Märchen Schneewittchen

Selbstinszenierung und der Kampf Jugend gegen Alter - so lässt sich die Beziehung zwischen den Frauenfiguren zusammenfassen. Schönheitswahn und gutes Aussehen als Leimotiv sind die Kernthemen des Märchens. "Das Altern ist tödlich in einer Welt, die das Fehlen der Liebe durch den Zwang zur Selbstdarstellung zu kompensieren nötigt; kein Kampf ist aussichtsloser, als das Diktat von Jugend und Schönheit als Grundlage zu nehmen", so Drewermann weiter. "Der Widerspruch - das ist das Schön-sein-Müssen ohne Eigenleben, der Zwang zum Außen ohne Innen, die Pflicht zu ständigen Performance ohne Inhalt. Wie Komm' ich an, wie komm' ich rüber, wer bin ich in den Augen anderer - es fällt schwer, sich ein Märchen auszudenken, das im Abstand von mehr als 200 Jahren so aktuell die Zeit, in der wir leben, karikieren und charakterisieren könnte wie die Geschichte von Schneewittchen."

Der Inhalt des Märchens ist wohl bekannt: Eines Tages wird Schneewittchen so schön, dass der Spiegel es auch der Stiefmutter mitteilt. Ihr Plan ist klar: Das Kind muss weg. Dieses Märchenmotiv ist nicht unbekannt. Auch Hänsel und Gretel werden allein im Wald zurückgelassen, ähnlich ist auch die Geschichte vom kleinen Däumling. 

Der miese Ruf der Stiefmutter

Schneewittchen wird vom Jäger in den Wald gebracht, denn die Königin hatte ihm einen klaren Auftrag gegeben: "Führ das Sneewittchen hinaus in den Wald an einen weiten abgelegenen Ort, da stichs todt, und zum Wahrzeichen bring mir seine Lunge und seine Leber mit, die will ich mit Salz kochen und essen." Hier offenbart sich das Motiv der Menschenfresserin - wohl kein Wunder, dass ausgerechnet die Gebrüder Grimm ihren Anteil am miesen Ruf von Stiefmüttern tragen. 

Der Jäger überlistet die Königin allerdings, Schneewittchen kann entkommen. Allerdings ist sie auf sich allein gestellt im Wald. "Nun könnte man meinen, die Stiefmutter könnte sich damit zufrieden geben, Schneewittchen kann ihr nicht mehr vor Augen führen, wie sehr das Alter an ihrer Schönheit nagt. Und doch: die Stiefmutter verfolgt sie, versucht sie zu töten, mehrmals", so Drewermann.

Durch das ganze Märchen zieht sich das Schönheitsthema. Der Konflikt mit der Stiefmutter fußt darauf, die Zwerge, bei denen Schneewittchen Unterschlupf findet, sind von ihrem Aussehen hingerissen. Und auch der Prinz ist von ihrer Schönheit hin und weg - obwohl sie in einem Glassarg liegt."Bei Schneewittchen haben wir ein ganz und gar weibliches Problem, wer ist die Schönste im Lande. Es geht aber auch um Eifersucht. Es geht um Jugend und Älterwerden, und es geht am Ende um die Liebe, die erlöst, eine Geliebte, die nur noch da ist wie eine lebendig Tote, die man als Schaustück auf dem Berge in einem gläsernen Sarg den Augen feil bietet in Traurigkeit", so Drewermann zu "Radio Bremen"

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kg