Kolumne: Daddy Issues
Kinder kosten – nicht nur Geld. Das klingt hart, ist aber wahr

  • von Sebastian Tigges
Kolumnist Sebastian Tigges
Wer Kinder bekommen will, fängt an zu rechnen, meint stern-Kolumnist Sebastian Tigges
© stern-Montage: Fotos: Patrick Slesiona / stern, Adobe Stock

Debattieren Sie mit!

  • Mit stern-Account aktiv an allen Debatten teilnehmen und kommentieren.
Jetzt registrieren
Es werden immer weniger Kinder geboren. Oft nicht, weil die Erwachsenen es nicht wollen, sondern weil man es sich leisten können muss. Dahinter steckt aber ein größeres Problem.

2025 wurden in Deutschland so wenige Kinder geboren wie seit Kriegsende nicht mehr. In der EU hat sich die Geburtenrate in den vergangenen 60 Jahren fast halbiert. Trotzdem klingt die Debatte darüber so, als wäre das ein großes Rätsel. Viele fragen sich, warum Menschen in diesem Land keine Kinder mehr bekommen wollen. Dabei liegt die Antwort nahe.

Sie ist nicht kompliziert. Sie ist unbequem. Sie liegt mitten in unserer Gesellschaft: in den Arbeitsmärkten, im Rentensystem und in unserer Haltung zu Sorgearbeit. Also zu der Frage, was sie wert ist – und wer sie leisten soll.

Kinder kosten. Nicht nur Geld. Sie kosten Karriere, Rente, Schlaf, Zeit, Nerven und Möglichkeiten. Das klingt hart, ist aber die Realität. Vor allem für Frauen. Sie übernehmen in Deutschland noch immer den größten Teil der Erziehungsarbeit. Im Alter zahlen viele dafür mit massiven Rentenlücken.

Ist Kinderkriegen noch leistbar? 

Wer heute über Kinder nachdenkt, rechnet eine lange Liste durch. Bewusst oder unbewusst: Kann ich mir Kinderbetreuung leisten? Was passiert mit meinem Job? Wer springt ein, wenn das Kind krank ist? Gibt es jemanden, der das mit mir trägt? Und will ich das wirklich allein stemmen?

Für viele lautet die Antwort: Nein. Nicht, weil sie keine Kinder wollen. Sondern weil die Bedingungen es kaum zulassen.

Was wäre die logische Antwort auf diese Entwicklung? Investitionen. In Kitas. In bezahlbares Wohnen für Familien. In ein Rentensystem, das Erziehungsarbeit nicht bestraft. In flexible Arbeitsmodelle, die beiden Eltern ermöglichen, präsent zu sein – ohne beruflich zurückzufallen.

Und was macht der Staat? Er schaut zu. Mehr noch, er verschärft das Problem. Das Elterngeld wird gekürzt. Kitaplätze fehlen bundesweit in sechsstelliger Zahl. Das Rentenrecht bestraft Sorgearbeit systematisch. Und wer politisch nach Lösungen ruft, hört oft nur: mehr Eigenverantwortung. Das ist eine politische Prioritätsentscheidung. Familien spüren sie.

Bevor ich Vater war, hatte ich ein anderes Bild von Deutschland: vielleicht etwas konservativ hinsichtlich der Familienpolitik, aber wohlhabend und das Konstrukt Familie fördernd. Heute blicke ich anders darauf: Familienpolitik steht gefühlt auf der Agenda als „Nice to have“. Priorität hat sie hierzulande offensichtlich nicht. Das Grundproblem ist kulturell. In Deutschland gelten Kinder noch immer vor allem als Privatangelegenheit. Als Projekt der Eltern. Als persönliche Entscheidung, deren Folgen sie dann auch persönlich tragen müssen. Das habe ich als Vater nach und nach erkannt. 

Kitaplätze sind Luxusgut, Schulen ächzen, finanziell wird Sorgearbeit bestraft, die Karriere nur noch ein Luftschloss. Aber Kinder sind keine Privatangelegenheit. Sie sind die Grundlage jeder funktionierenden Gesellschaft. Sie zahlen später Renten. Sie pflegen Ältere. Sie schließen Lücken am Arbeitsmarkt, treiben Innovation und erhalten Infrastruktur. Gesellschaftlich gesehen sind Kinder eine gemeinsame Investition. Wir aber behandeln sie wie ein individuelles Risiko.

Es geht nicht darum, Frauen zurück an den Herd zu drängen. Es geht nicht um Geburtenziele oder demografische Panik. Es geht um eine ehrliche Frage: Haben wir eine Gesellschaft geschaffen, in der Menschen sich für Kinder entscheiden können, wenn sie es wollen – ohne dafür massiv zu verlieren? Im Moment lautet die Antwort: Nein.

Echte Veränderung hieße: flächendeckende, gute und bezahlbare Kinderbetreuung. Ein Rentensystem, das Erziehungsjahre fair anrechnet. Elternzeit, die beide Geschlechter nutzen können, ohne beruflich bestraft zu werden. Steuern, die nicht das Alleinverdienermodell bevorzugen, sondern Partnerschaftlichkeit belohnen. Und eine politische Kultur, die Sorgearbeit ernst nimmt – als unverzichtbare gesellschaftliche Arbeit.

Solange Kinder vor allem das Problem der Eltern sind – und nicht das der Gesellschaft –, wird die Geburtenrate nicht steigen. So schlicht ist die Antwort auf die Frage, die alle stellen. Und weil sie so naheliegt, liegt auch eine Vermutung nahe: Die Politik will die Gründe nicht benennen. Denn dann müsste sie handeln.

PRODUKTE & TIPPS

Kaufkosmos