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Weinhandelsabkommen: Jetzt darf Kunstwein ins Glas

Die EU-Agrarminister billigten ein Weinhandelsabkommen mit den USA. Ab Januar werden Europas Weintrinker bald günstige US-"Kunstweine" in den Geschäften finden. Winzer befürchten nun die "Limonadisierung" des Weins.

Gegen den Willen Deutschlands haben die EU-Staaten ein Weinabkommen mit den USA gebilligt, nach dem künftig qualitativ minderwertige Produkte nach Europa eingeführt werden können. Die EU-Agrarminister stimmten am Dienstag in Brüssel dem Abkommen zu. Bis zuletzt hatte Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) versucht, das Weinabkommen zu kippen und Nachbesserungen, wie ein "Reinheitsgebot für Wein" gefordert. Seehofer betonte: "Es kann nicht sein, dass amerikanische Kunstweine auf den deutschen Markt gelangen, ohne dass der Verbraucher dies auf dem Etikett erkennen kann." Bei den Beratungen mit seinen EU-Kollegen in Brüssel fand Seehofer jedoch nicht genügend Unterstützung. Neben Deutschland stimmten den Angaben zufolge auch Österreich und Portugal gegen das Abkommen, Griechenland enthielt sich. In Kraft treten wird die Regelung am 1. Januar 2006.

Einige US-Herstellungsverfahren bei uns verboten

Ziel des von der Europäischen Kommission ausgehandelten Abkommens mit Washington ist die Liberalisierung des Weinhandels. Am Abschluss war besonders Frankreich gelegen, dessen Weinbauern verstärkt auf den US-Markt drängen. Die USA sind der größte Importeur von EU-Wein mit einem Volumen von rund zwei Milliarden Euro im Jahr 2004. Teil des Abkommens ist, dass EU und USA die Weinnamen der anderen Seite jeweils ausdrücklich als Ursprungsbezeichnung anerkennen. Im Gegenzug will die EU die derzeit in den USA zulässigen Weinherstellungsverfahren anerkennen. Darin aber sehen die Bundesregierung und die deutschen Winzer Nachteile für europäische Erzeuger. Damit würden US-Herstellungsverfahren - wie etwa das Strecken mit Wasser - akzeptiert, die in Europa unzulässig seien, kritisierte der Deutsche Weinbauverband (DWV).

Ist Ihnen egal, was im Weinlgas ist - solange es gut schmeckt?

In den USA darf Wein bis zu sieben Prozent Wasser oder 35 Prozent Zuckerwasser zugesetzt werden. In einem weiteren Verfahren wird der Wein in seine Bestandteile zerlegt und wieder neu zusammengesetzt. Dadurch sollen Qualitätsschwankungen unterschiedlicher Jahrgänge ausgeglichen werden. Zudem können US-Winzer in Zukunft bei Barrique-Weinen den Geschmack mit Holzstücken künstlich herstellen - statt den Wein, wie in den EU-Ländern üblich, über Jahre in einem Holzfass zu lagern. Außerdem sind in den USA künstliche Aromen zur "Gestaltung des Weingeschmacks" nichts Ungewöhnliches.

Angst vor "Limonadisierung" des Weins

Der deutsche Verband der Prädikatsweingüter (VDP) bezeichnete das Abkommen als einen "Super-GAU für den Wein". VDP-Präsident Michael Prinz zu Salm sage in Mainz: "Der Verbraucher wird künftig nicht mehr wissen, ob Wein drin ist, wo Wein draufsteht." Dies werde Verbraucher verunsichern und zu Absatzproblemen für viele europäische Winzer führen. Der Präsident des Deutschen Weinbauverbands, Norbert Weber, forderte einen internationalen Weinkodex, der regele, was bei der Weinbereitung zulässig sei. Weber kritisierte, dass in den USA Kellertechniken zulässig seien, die zu einer "Limonadisierung des Weines" führten. Je nach Marktbedürfnissen und Verbraucherwünschen könne dort Wein industriell hergestellt werden. Dies müsse auf den Flaschen klar gekennzeichnet werden.

Seehofer äußerte die Hoffnung, dass in Nachverhandlungen mit den USA vor allem eine Pflicht zur Etikettierung durchgesetzt werde. Der mündige Verbraucher müsse wissen, woraus der Wein besteht und wie er hergestellt worden sei. Er befürchte, dass mit dem Beschluss "die ganze Kultur und die Qualität des deutschen Weins ins Rutschen" komme und dass auch gentechnisch veränderte Organismen zugelassen werden könnten, ohne dass dies auf den Etiketten ersichtlich wäre.

Einigung mit Frankreich angestrebt

Seehofer wies darauf hin, dass im Unterschied zu anderen EU-Staaten aus Deutschland nur sehr wenig Wein exportiert werde. In Deutschland gingen nur zwei Prozent von etwa zehn Millionen Hektolitern in die USA. Für Frankreich, Italien, Spanien und Portugal seien die USA indes ein großer Absatzmarkt, den diese Länder nicht gefährden wollten. Deshalb hätten diese Länder das Abkommen unterstützt, wenngleich sie ihr Unbehagen über die Qualitätsstandards zum Ausdruck gebracht hätten. Der Minister äußerte die Hoffnung, dass jetzt eine breite Diskussion einsetzen werde. In diesem Zusammenhang verwies der Minister auf die geplante neue EU-Weinmarktordnung. Er hoffe, dass Deutschland zusammen mit Frankreich darauf hinwirken könne, in Europa ein Reinheitsgebot für Wein zu etablieren. Stehe Europa in dieser Frage zusammen, könne sich der Kontinent damit auch international durchsetzen.

AP, DDP / AP

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