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Nach Gastro-Lockdown Tim Mälzer über seine mentale Krise: "Ich möchte endlich wieder Leben, ohne schlechtes Gewissen"

Tim Mälzer
"Momentan fühlt es sich an, wie schwimmen ohne nass zu werden. Ich möchte endlich wieder eintauchen, ohne Restriktionen. Ich möchte endlich wieder Leben, ohne schlechtes Gewissen"
© Christian Charisius/DPA
Monatelang musste das Gastroleben ruhen. Für diejenigen, die es gewohnt sind, Menschen zu empfangen und zu bewirten, war das keine einfache Zeit. Der stern hat mit Tim Mälzer darüber gesprochen, wie es ihm ergangen ist und worauf er sich jetzt freut.

Es hat fast sieben Monate gedauert, zum Pfingstwochenende darf in vielen Bundesländern zumindest wieder die Außengastronomie öffnen. Wie groß ist Ihre Freude, Herr Mälzer?

Grundsätzlich freue ich mich auf das Signal, dass sich Leben wieder andeutet. Aber ich habe diese Krise aus gastronomischer Sicht so intensiv begleitet, mich mit so vielen Thematiken auseinandergesetzt, dieser Schritt ist jetzt für mich nur ein Badeurlaub im Anfängerbecken. Wir gieren alle so sehr nach dieser Öffnung, aber die Probleme lösen sich dadurch ja nicht auf.

Welche meinen Sie konkret?

Wir Gastronomen stehen wieder genauso da wie vor einem Jahr. Es wird uns gesagt, wir dürfen wieder aufmachen, aber es gibt keine klaren Ansagen unter welchen Bedingungen, mit welchen Hygiene- und Kontaktverfolgungskonzepten, wann wir drinnen wieder aufmachen dürfen. Und viel gravierender: Es gibt kein wirtschaftliches Auffangsystem. Denn wir dürfen eins nicht vergessen: Auch wenn die Indoor-Öffnung kommt, wir werden weiterhin mit harten Restriktionen leben müssen. 

Also mit eingeschränkter Personenanzahl, Trennscheiben, Abstände ...

Ja, genau. Und das schlägt sich auch wirtschaftlich nieder. Ich freue mich natürlich, dass etwas vorangeht, aber andererseits wird das kein leichtes Jahr für uns Gastronominnen und Gastronomen. Allein die Tatsache, dass wir jetzt in Hamburg in wenigen Tagen öffnen dürfen, sorgt für ernsthafte Lieferschwierigkeiten bei unseren Lieferanten. Die hatten sich auf eine Woche später eingestellt.

Was ist denn gerade vergriffen?

Sahne war gerade unser Problem. Die mussten wir uns von diversen Standorten zusammenkaufen. Das waren Mengen, die haben mich in der Theorie vor gar keine Herausforderungen gestellt. Wer hätte gedacht, dass Sahne zu bekommen so ein Problem sein könnte? Letzten Endes haben wir sehr drüber gelacht.

Was war für Sie in den letzten Monaten die größte Herausforderung?

Zum einen nicht in wirtschaftliche Schieflage zu geraten, das war für mich als Unternehmer sehr schwierig. Auf der anderen Seite musste ich aber auch versuchen, meine Mitarbeiter bei der Stange zu halten. Die Frustration war und ist sehr groß, natürlich auch mental. Auch für mich, ich habe 30 Jahre alles der Gastronomie untergeordnet. Ich musste aufpassen, dass ich nicht den Glauben daran verliere. Ich fühlte mich an die Wand gedrängt und wähnte mich vorher in einer Sicherheit, die es plötzlich nicht mehr gab. Das ist eine Situation, an der ich immer noch zu knabbern habe.

Sie führen zwei Restaurants in Hamburg, die Bullerei und Die Gute Botschaft. Erst kürzlich haben Sie noch ein Café am Alsterlauf übernommen, mitten in der Krise. Ist das nicht waghalsig?

Gar nicht, weil das zeigt die Kreativität unserer Branche. Mein Restaurant "Die Gute Botschaft" hat keine Terrasse und eine Baustelle direkt davor. Zusätzlich hätte ich nur 18 Sitzplätze und davon könnte ich nicht mal zwei Leute bezahlen. Das Café aber hat eine große Terrasse, aber keine Küche. Also kombiniere ich einfach zwei Restaurants, die vier Kilometer voneinander entfernt liegen.

Die Krise hat also auch erfinderisch gemacht.

Die Gastronomie hat deutlich gezeigt, dass wir wohl eine der beweglichsten und kreativsten Branchen überhaupt sind. Wir haben uns neue Geschäftsfelder aufgebaut: Boxen, To-Go-Essen, Onlineshops. Ich habe sogar selber Essen ausgeliefert und habe fast meinen Führerschein verloren, weil ich natürlich mit einer gewissen Geschwindigkeit durch die Stadt gefahren bin. Generell ist die Gastro-Welt noch näher zusammengerückt, hat untereinander sehr stark kommuniziert und sich miteinander solidarisiert, und dadurch ist unfassbar viel Gutes entstanden. 

Diese Zwangspause, die viele Gastronom*innen und auch Menschen aus anderen Branchen gerade verkraften müssen, was macht das mit einem? Wie geht es Ihnen damit?

Ich habe wirklich darüber nachgedacht, ob ich diesen Job noch machen möchte. Ich fühlte mich oft machtlos, weil ich meiner Leidenschaft und meiner Berufung nicht mehr nachgehen konnte. Diese Zeit wird definitiv Narben bei mir hinterlassen und ich bin auch noch im Prozess, diese Krise zu verarbeiten. Und ich glaube, da bin ich nicht alleine.

Was vermissen Sie in dieser Krise am meisten?

Menschen. Menschen im Privaten, Menschen in meinem Berufsleben, Menschen im Urlaub. Ohne Selektion betreiben zu müssen. Ich habe teilweise Freunde seit über einem Jahr nicht gesehen, weil ich mich sehr streng an die Maßnahmen gehalten habe. Als Gastronom vermisse ich das pralle Leben. Momentan fühlt es sich an, wie schwimmen ohne nass zu werden. Ich möchte endlich wieder eintauchen, ohne Restriktionen. Ich möchte endlich wieder Leben, ohne schlechtes Gewissen.


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