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Neujahrsfest: So feiern die Chinesen das Jahr des Rindes

Für ein Fünftel der Menschheit beginnt erst jetzt das neue Jahr. Doch während das große Familienfest in China jedes Mal für Chaos sorgt, feiern die 80.000 in Deutschland lebenden Chinesen ein ruhiges Fest voller Kompromisse. stern.de besuchte eine Familie.

Von Lilith Volkert

Was für ein Glück: Der Jahreswechsel findet diesmal an einem Sonntagnachmittag statt. Frau Gao hat sich dafür hübsch gemacht. Zum schwarzen Rock trägt die Chinesin eine goldfarbene Bluse mit verschlungenem Muster. So möchte sie gemeinsam mit ihrem Mann, den beiden Töchtern und einem Dutzend Freunden um Mitternacht das neue Jahr begrüßen. Und weil man sich der alten Heimat verbunden fühlt, beginnt das neue Jahr auch in Deutschland in dem Moment, in dem es in China Mitternacht ist: um fünf Uhr Nachmittag.

Silvester und Neujahr sind für Chinesen das, was für uns Weihnachten ist: das wichtigste Fest des Jahres. Die ganze Familie trifft sich, feiert zusammen, isst gut und viel zu viel. In China kommt es jedes Jahr kurz vor dem Fest zu einer regelrechten Völkerwanderung. Wenn ein Fünftel der Menschheit gleichzeitig in seine Heimatorte fährt, ist es nicht einfach, noch einen Platz im Zug oder Bus zu bekommen. "Das ist jedes Mal das absolute Chaos", erzählt Kang Wei, der Mann von Gao Fangfang, und lacht. Trotzdem findet er es schade, dass sie nicht mit der Großfamilie feiern können, die in der Nähe von Shanghai lebt.

Denn für die 80.000 in Deutschland lebenden Chinesen ist es schwierig, den Jahreswechsel angemessen zu begehen. Viele traditionelle Speisen sind hier nicht zu bekommen, private Feuerwerke sind nur am 31. Dezember und am 1. Januar erlaubt. Dabei gehören Raketen und Böller auch für Chinesen zum Jahreswechsel - schließlich sollen ihre Vorfahren das Feuerwerk erfunden haben. Kindern erzählt man, dass mit Lärm und Funken das böse "Jahresmonster" vertrieben werden soll.

Fällt Silvester auf einen Wochentag, bleibt Gao Fangfang und Kang Wei nichts anderes übrig, als ihre Feier auf das nächste Wochenende zu verschieben. Denn während in China zu Neujahr für ein paar Tage das Leben stillzustehen scheint, geht der Alltag in Deutschland natürlich einfach weiter - nur die wenigsten wissen hier von dem Fest und seiner Bedeutung.

Feiern mit den "Langnasen"

Das mag auch daran liegen, dass das chinesische Neujahrsfest nach dem traditionellen Mondkalender berechnet wird und kein festes Datum hat: Es findet immer am zweiten Neumond nach der Wintersonnwende statt, an einem Tag zwischen dem 20. Januar und dem 21. Februar. Für die Zeitrechnung hat das aber keine Bedeutung: Seit fast hundert Jahren benutzt man in China denselben Kalender wie bei uns.

Seit Gao Fangfang und Kang Wei vor 19 Jahren nach Deutschland kamen, feiern sie meistens mit chinesischen Bekannten; heute sind auch ein paar deutsche "Langnasen" dabei. Schon mittags trifft man sich zum Essen. Doch nach der Vorspeise wird die Tischdecke zur Seite geschoben und die Blumenvase weggestellt. Kang Wei krempelt die Ärmel seines Hemdes hoch und beginnt auf einem großen Brett, eine Teigwurst in kleine Stücke zu schneiden. Jetzt werden Jiaozi gemacht, die Teigtaschen, die man in Nordchina gerne isst - und der Besuch muss mithelfen.

Teigtaschen für das zukünftige Glück

Die Ärztin Yao Lin hat sich eine Schürze umgebunden und rollt die Teigstückchen mit einem Holzstab zu dünnen Fladen, ihre Freundinnen Zhang Jingyu und Gao Fangfang füllen sie mit einer Mischung aus Hackfleisch, Bärlauch und Sojasauce und drücken den Teig am Rand mit den Fingerspitzen zusammen, Zhou Xiaorong gart sie vorsichtig im heißen Wasser. Später werden die Teigtaschen mit Essig, Sojasauce und Chili gegessen. Dazu gibt es grünen Tee, bayerisches Bier und "gelben Wein", ein sherryartiges Getränk.

"Jiaozi gibt es bei uns nur an Silvester", erklärt Gao Fangfang - nur zusammen mit ihren Freunden macht ihr die aufwändige Zubereitung Spaß. Dass man nicht alle Teigtaschen aufessen darf, weil das Unglück für das nächste Jahr bedeuten würde, ist nicht schlimm: Sie haben viel zu viele gemacht.

Das chinesische "Dinner for one"

Zum Jahreswechsel versammelt man sich vor dem Fernseher. Seit Anfang der 80er Jahre gehört die Fernsehshow "Chunjie Wanhui" zum chinesischen Silvester wie bei uns der Sketch "Dinner for one". Musiker und Komiker treten in der vierstündigen Show auf, es gibt moderne Tanzeinlagen und Darbietungen in traditionellen Löwen- und Drachenkostümen. Am Schluss werden die Sekunden runtergezählt - und dann sehen die Exil-Chinesen zumindest im Fernsehen ein beeindruckendes Feuerwerk. Man umarmt sich und wünscht "xinnian kuaile" - ein glückliches neues Jahr. Lea und Lilian, die acht- und elfjährigen Töchter der Gastgeber, bekommen kleine rote Papiertüten mit Geld geschenkt.

Das neue Jahr steht unter dem Tierkreiszeichen Rind - wobei die Chinesen nicht zwischen Rind, Ochsen und Büffel unterscheiden, deswegen variiert die Bezeichnung in Übersetzungen. Kinder, die in den nächsten zwölf Monaten geboren werden, sollen besonders fleißig, geradlinig und selbstsicher sein. Da könnte was dran sein: Auch der neue amerikanische Präsident Barack Obama wurde in einem Büffel-Jahr geboren.

Die Familie Kang muss jetzt schnell weiter: Sie will den Abend beim Neujahrskonzert eines chinesischen Orchesters ausklingen lassen. Wären sie in China, ginge die Party jetzt erst richtig los: Dort dauert das Neujahrsfest zwei Wochen.