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Hippe Brunch-Kultur in Berlin: Frühstück ist fertig!

In den Tag hinein schlemmen ist in, zeigt die Trendsetterstadt Berlin: Beim ganztägigen Frühstück treffen Durchmacher auf Frühsportler, Frühstücksjunkies auf Genießer. Kann ein Tag schöner beginnen?

Von Silke Müller

Auf der Berliner Frühstücks-Hitliste stehen üppige Pancakes ganz weit oben

Auf der Berliner Frühstücks-Hitliste stehen üppige Pancakes ganz weit oben

Treffen sich drei Berliner zum Frühstück. Um 8 Uhr. Scherz! Fangen wir realistischer an: um 10. Die Bedienung im Neuköllner Ca.B.Slam schließt die Tür auf, fährt die Anlage hoch und hantiert hinter dem Tresen. Wir sind die einzigen Gäste. Wäre es Sonntag, wir müssten draußen Schlange stehen. Aber es ist Dienstag. Ein guter Tag, um der Arbeitswoche nochmal den Stöpsel zu ziehen.

23 Minuten haben wir Zeit, den zerfledderten DIN A 4 Zettel mit dem Speiseangebot zu studieren. Dann fragt sie nach unseren Wünschen. Breakfast Burrito, Chorizo and Eggs, Huevos Rancheros? Der Fotograf nimmt Pancakes und die Reporterin einen Guacbacon Burger. Die Musik klingt wie der Soundtrack von True Detective, die schmutzigen Scheiben filtern die grelle Frühlingssonne, ein zarter Schmelz aus warmem Käse, geröstetem Speck, Guacamole und geschmolzener Butter schmiegt sich an die Magenwände. Käme Woody Harrelson jetzt durch die Tür – man würde ihm einen Platz anbieten und ein Flying Turtle IPA Craft Beer für ihn bestellen.

Berlin ist Breakfast Paradise

Berlin ist Streetfood-City, Hauptstadt der Veganer, Burger-Metropole und nun: Breakfast Paradise. Man muss das auf Englisch sagen, denn die besten Küchen sind so international wie die ärmeren Viertel der Stadt. Und die amerikanischen Betreiber des "California Breakfast Slam" rebellieren gegen das "Aufschnitt-System" und kämpfen für eine "Welt, in der nicht jedes verdammte Morgenessen auf der Speisekarte mit dem Wort "Frühstück" endet".

Sie haben noch viel zu tun. Tief im Westen der Stadt, wo Herren mit roten Hosen, dunkelblauen Jacketts mit Goldknöpfen und Begleiterinnen mit Kleinwagen-teuren Sonnenbrillen im Haar flanieren, ist das Frühstück oft noch in Geiselhaft winziger Aluminiumnäpfchen mit Industriemarmelade, Butter-Goldbarren und abgezählter übertoasteter Scheiben, so traurig wie Bernd das Brot. Doch es gibt Oasen der Gastfreundschaft. Im Wintergarten des Literaturhauses an der Fasanenstraße zupft der Ober das gestärkte Tischtuch in Form, serviert mit Aplomb das, was Ca.B.Slam ausrotten will und beglückt damit seine Gäste: Brotkörbe mit bunter Auswahl, Frühstücksvarianten mit Käse, Schinken oder Lachs, etliche Kombinationen aus Ei.

Amaranth und Quinoa - der letzte Schrei

Wir treffen dort Luisa Weiss, Kochbuch-Autorin mit Geburts- und Wohnort Berlin, vielen Jahren Boston, New York und Paris dazwischen, Food-Bloggerin, alltagsweise Superköchin, Mutter von Hugo, zweieinhalb. Sie schätzt die gediegene Atmosphäre, den schönen Garten, in dem es sich befindet, und bestellt die einzige Speise, auf die sich Frühstücks-Revoluzzer wie Ca.B.Slam und Traditionalisten wie das Wintergartencafé kampflos einigen können: Müsli mit Amaranth, Quinoa, frischer Mango und Himbeeren.

"In den USA ist die deutsche Frühstückskultur sehr angesehen", sagt Luisa Weiss. "Aber die Einwanderer, die hierher kommen, genießen das eine Weile, dann wird es langweilig und sie fangen an, mit den Esskulturen zu experimentieren." In Luisa Weiss' Charlottenburger Küche fusionieren die Einflüsse des amerikanischen Vaters, der italienischen Mutter und der Berliner Heimat, wunderbar nachzulesen in ihrem Buch "My Berlin Kitchen – Eine Liebesgeschichte" und auf ihrem Blog "The Wednesday Chef". Zum gerade erschienenen Band "So frühstückt die Welt", der die Rezepte der neuen internationalen Breakfast-Kultur versammelt, steuert sie eine Anleitung für Blaubeeren-Buchweizen-Pancakes bei.

"Pännkängs" sind der Hit

Zuhause gibt es die nur am Wochenende – sehr zum Bedauern von Hugo, der "Pännkängs" eigentlich jeden Tag verputzen könnte. Luisa bevorzugt im Alltag Toast mit gesalzener Butter und selbst gemachter Orangenmarmelade. "Ich warte bis Februar, kaufe mir zwei Kilo bittere Orangen und muss mich 24 Stunden damit befassen. Dann habe ich genug Lieblingsmarmelade für ein Jahr." Das Rezept dazu steht auf ihrem Blog. Am Wochenende schließt sich mit dem Breakfast-Trend nun die Lücke zwischen Samstag feiern und Sonntag Tatort gucken – endlich muss niemand mehr mit seinem Kater und dem Heißhunger auf Kohlenhydrate allein bleiben. In der Markthalle Neun, dem Trendlabor für alles Neue auf dem Teller, gibt es jeden dritten Sonntag im Monat ab zehn Uhr einen "Breakfast-Market", auf dem RAW-Gelände in Friedrichshain und in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg geht es nahtlos wieder vom Brunch zurück zum Bier.

Wer die Schnittchen beim besten Willen nicht durch Pies, Pulled Pork, Süßkartoffel-Pommes oder Pelmeni ersetzen möchte, findet bei Madame Tartinette am Ostkreuz eine fantastische Auswahl des französischen Pendants zur Stulle. Belag: Zum Beispiel Poulet fumé, Ziegenkäse, Apfel, Basilikum, Rucola, Walnuss-Sesam-Butter. Ein Tresen mit Dutzenden selbst gemachter Cremes und frischer Zutaten stiftet das stern-Team zum Überbestellen an. Das Café schließt um 18 Uhr – höchste Zeit, über die Spree hinweg zurück zum Ca.B.Slam zu wechseln. Die Lunch-Karte (ab 11.30 Uhr) ergänzt die Breakfast-Karte um wertvolle Burger-, Meatball- und Steak-Varianten und täglich wechselnde Specials. Außerdem ist dienstags Movie-Night und die künstlerisch vorgebildeten Eigentümer zeigen cineastische Perlen in Originalversion. Und das Beste ist: Der Laden bleibt offen, "until the barflies go home".

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