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Trend "Food Swap": Wenn das Abendbrot zur Tauschbörse wird

"Food Swap" nennt sich der neue Trend, den Yelda Yilmaz und Swantje Havermann in Deutschland zu etablieren versuchen. Dabei treffen sich Hobbyköche und tauschen selbst gemachte Leckereien aus.

Yelda Yilmaz, 28, (r.) und Swantje Havermann, 26, (l.) veranstalten alle paar Monate ein gemeinschaftliches Abendbrot und tauschen dabei Essen.

Yelda Yilmaz, 28, (r.) und Swantje Havermann, 26, (l.) veranstalten alle paar Monate ein gemeinschaftliches Abendbrot und tauschen dabei Essen.

Der kleine David wollte eigentlich Katzenzungen backen. Das sind seine Lieblingskekse aus Vanille und Schokolade. Doch leider musste er noch zum Kieferorthopäden und hatte daher keine Zeit mehr. Gut, dass seine Schwester Johanna weiche Müsliriegel und die Mama die herzhafte Variante mitgebracht haben. Daniela stand eben noch in der Küche, um den Toffifee-Aufstrich mitzubringen, der nun warm auf dem Gabentisch steht. Stefan hat mit seinem Sohn eine französische Pflaumen-Tarte mit Himbeerschicht gemacht. Thilo ging noch Brombeeren sammeln, um seine Lieblings-Marmelade einzukochen. Katrin ist schon das zweite Mal dabei und stellt ein scharfes Kürbis-Aprikosen-Chutney auf den Tisch. Und die beiden "Food Swap"-Veranstalterinnen, Yelda Yilmaz, 28, und Swantje Havermann, 26, haben Brot gebacken und Rote Bete eingelegt. Es ist also alles da für ein perfektes Abendbrot unter Freunden.

Doch halt. All diese Leute kennen sich gar nicht. Sie tragen Namensschilder mit ihrem Vornamen, haben sich vor gerade einmal 15 Minuten kennengelernt und sitzen nun hier im "Salon Wechsel Dich" in Hamburg an einem langen Tisch zusammen und unterhalten sich angeregt. Genauso hatten sich Yilmaz und Havermann ihren "Tauschabend" vorgestellt.

Es wird voll im "Salon Wechsel dich". An diesem Tag treffen sich Food-Interessierte, Hobbyköche und Foodblogger zu einem Tauschabend.

Es wird voll im "Salon Wechsel dich". An diesem Tag treffen sich Food-Interessierte, Hobbyköche und Foodblogger zu einem Tauschabend.

Tischlein, deck dich

Unter der Woche ist Havermann Ergotherapeutin, am Wochenende mutiert sie zur Marmeladen- und Chutney-Liebhaberin und hilft ihrem Mann im Café "Salon Wechsel dich" aus. Yilmaz ist hauptberuflich Fotografin mit einer ziemlich ausgeprägten Backleidenschaft. Sie hatte vor ein paar Jahren schon die Idee, Essen zu tauschen. "So wie früher. Da hatten die Bewohner eines Dorfes auch unterschiedliche Lebensmittel und haben sie einfach getauscht", erzählt sie, bricht ein Stück Sauerteigbrot mit Körnern ab und tunkt es in ein Pesto.

Die beiden Frauen lernten sich 2013 im Café kennen. Sie arbeiteten zusammen, freundeten sich an und unterhielten sich irgendwann auch über ihre Träume. Havermann wollte im Café bei einem Abendbrot fremde Menschen zusammenbringen. Das ließe sich gut mit der Idee vom Essenstausch kombinieren, meinten sie und fingen Anfang des Jahres an, ihren "Food Swap" zu planen. "Wir haben erst einmal recherchiert, ob es in Deutschland überhaupt schon so etwas gibt", sagt Havermann.

Die eingelegte Rote Bete hat Veranstalterin Swantje gemacht. Die Nusstorte ist aus reiner Rohkost und vegan.

Die eingelegte Rote Bete hat Veranstalterin Swantje gemacht. Die Nusstorte ist aus reiner Rohkost und vegan.

Ein Trend aus den USA

Yilmaz hatte davon gehört, dass Food Swap in den USA ein weitverbreitetes Event ist. Von Honolulu bis Boston treffen sich fremde Menschen in Gärten, Cafés oder Wohnzimmern und tauschen lokale Produkte aus. Vor etwa einem Jahr schwappte Food Swap nach Großbritannien über und wurde dort zum Trend. Über eine Plattform finden interessierte Hobbyköche andere Kochliebhaber in ihrer Umgebung, Geld spielt hierbei keine Rolle. Die Veranstaltungen und das Essen sind kostenlos, die einzige Währung sind die mitgebrachten Speisen.

In Deutschland sind Swantje Havermann und Yelda Yilmaz die Ersten mit einem solchen Konzept. Vor allem das gemeinschaftliche Abendessen gibt dem Ganzen einen Mehrwert. Der Tisch ist reich gedeckt, es riecht nach Pflaumen, Curry-Koriander-Cashewkernen und einem Spinat-Humus. Die Teller füllen sich und es wird angeregt gesprochen. Viele Foodblogger haben den Weg in das kleine, verwinkelte Café gefunden. Trotzdem ist das Publikum bunt gemischt. Ob Männer, Kinder, Muttis oder Studenten: Hier interessieren sich alle für ausgewogene, gesunde Ernährung - und zeigen das auch durch die liebevoll gestalteten Mitbringsel, die sie mitgebracht haben.

Der Gabentisch wird immer voller. Am Ende des Abends darf sich jeder zwei bis drei Produkte mit nach Hause nehmen.

Der Gabentisch wird immer voller. Am Ende des Abends darf sich jeder zwei bis drei Produkte mit nach Hause nehmen.

Zwei Ideen, ein Konzept

Doch wie und wann tauscht man nun seine mitgebrachten Produkte? Das Prozedere ist recht unkompliziert: 15 bis 20 Mann melden sich über die Food-Swap-Seite an, kochen oder backen etwas und bringen die Produkte in fünffacher Ausfertigung mit. Eines stellen sie zum Probieren auf den Tisch, die übrigen vier verteilen sie auf dem Gabentisch, damit sich am Ende jeder etwas mitnehmen kann.

Während des Events tauschen sich die Anwesenden über Rezepte aus. Daniela erzählt, wie sie den Toffifee-Aufstrich einkocht und Stefan erklärt was das Beste an seiner Himbeersauce ist. Hier redet jeder mit jedem und viele hält es nicht auf ihren Stühlen, sondern sie wandern von Platz zu Platz. So ergibt sich ein Abend, voller neuer Ideen, Inspirationen, Begegnungen und Leckereien. "Das ist wie Klamotten tauschen, nur besser", lächelt Yilmaz und schaut durch den Raum - in glückliche Gesichter.

Von Linda Gondorf
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