Referendum in Hamburg
Olympia in Hamburg: Was spricht dafür, was dagegen

Auf Werbetour: Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) vor dem Spiel des HSV gegen den SC Freiburg. Foto: Marcus
Auf Werbetour: Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) vor dem Spiel des HSV gegen den SC Freiburg. Foto
© Marcus Brandt/dpa

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2015 scheitert die Olympia-Bewerbung Hamburgs am Bürgerwillen. Jetzt stellt sich der Senat am 31. Mai erneut einer Olympia-Abstimmung. In der Endphase des Wahlkampfs ist der Ausgang noch ungewiss.

Hamburgs Olympia-Konkurrenten München und "KölnRheinRuhr" haben schon einmal vorgelegt. Bei Referenden sprachen sich etwa zwei Drittel der Menschen dort für die Ausrichtung des Ringe-Spektakels 2036, 2040 oder 2044 aus. Auch die Bevölkerung von Kiel - möglicher Partner Hamburgs - hat sich für Spiele ausgesprochen. Berlin verzichtet auf eine Bürgerbefragung.

Am 31. Mai sind die Bewohnerinnen und Bewohner Hamburgs gefordert, ihre Stimme für oder gegen eine Kandidatur der Stadt abzugeben. Unterlagen für die Briefwahl wurden schon Ende April verschickt. 

Seit Wochen werben die Hamburger Polit-Prominenz, bekannte Sportlerinnen und Sportler, der organisierte Sport, die Industrie und der Handel für eine Bewerbung für Olympische und Paralympische Spiele an Alster und Elbe. Doch auch die Olympia-Gegner mobilisieren. Was spricht für eine Hamburger Kandidatur, was dagegen?

Pro

Nachhaltigkeit:

76 Prozent der 33 Sportstätten seien bereits vorhanden, die anderen 24 Prozent würden temporär errichtet werden, heißt es in dem Konzept. Eine neue Multifunktionsarena soll auch ohne Olympia im Volkspark gebaut und vor allem vom Fußball-Bundesligisten Hamburger SV genutzt werden. Etwa 100 Sportanlagen sollen als Trainingsstätten für Schulen und Vereine modernisiert und saniert werden.

Das olympische Dorf in der schon geplanten Science City im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld ist für 15.000 Sportlerinnen und Sportler geplant und soll nach den Spielen in 9.000 bezahlbare Wohnungen umgewandelt werden. 

Ökologie: 

Olympia in Hamburg soll nicht nur klimaneutral, sondern sogar "klimapositiv" werden, heißt es in dem Hamburger Konzept. Darin wird geworben, dass 85 Prozent der Wettkampfstätten in einem Radius von nur sieben Kilometern liegen sollen. Die Mobilität soll zu 100 Prozent CO2-frei werden, die Energie käme zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen. Das U- und S-Bahn-Netz soll ausgebaut werden. Dazu kämen 120 Kilometer neue Radrouten. 

Gesellschaft: 

Die Olympia-Macher in Hamburg argumentieren damit, dass Olympia der Stadt einen Schub geben könne. Es sei ein "großes, positives Zukunftsobjekt". Die Spiele würden den gesellschaftlichen Zusammenhalt in der norddeutschen Metropole stärke. Impulse durch Olympia wären auch weit danach noch spürbar, in der Infrastruktur, der Sportinfrastruktur, für die Wirtschaft, als Wissenschafts-Standort oder auch als attraktives touristisches Ziel. 

Finanzen: 

Der Hamburger Senat hat das Budget, das unter anderem für die Kosten der Wettkampfstätten, Personal, Technologie und Marketing vorgesehen ist, mit 4,8 Milliarden Euro beziffert. Sogar ein Gewinn von 100 Millionen Euro wird laut externen Finanzgutachtern erwartet. Dieser Überschuss soll vor allem in den Breitensport fließen.4,8 Milliarden Euro sind als Kosten für die reine Durchführung der Olympischen und Paralympischen Spiele veranschlagt. Das Durchführungsbudget ist abzugrenzen vom Investitionsbudget. Dieses umfasst laut Senat Maßnahmen, die "einen langfristigen Nutzen für die Stadt und die Hamburgerinnen und Hamburger entfalten". Diese Summe wurde mit 1,3 Milliarden Euro taxiert. 

Hamburg verweist darauf, dass die Bundesregierung eine deutsche Bewerbung für Olympische Spiele finanziell unterstützt. Die Stadt hofft, dass bei einem Zuschlag durch das Internationale Olympische Komitee (IOC) für ohnehin geplante Infrastrukturmaßnahmen wie die Erweiterung des Hauptbahnhofs "gezielt" Bundesmittel fließen.

IOC:  

Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) betont immer wieder, dass sich die Vorgaben des IOC für Olympische Spiele geändert haben. Olympische Spiele müssten sich der Stadt anpassen und nicht die Stadt den Olympischen Spielen, sagt er. Dies sei eine andere Situation als beim Referendum vor elf Jahren. Zumindest auf dem Papier hat sich das IOC verändert. Basis ist die im März 2021 verabschiedete Olympische Agenda 2020+5, die zu den Themen Solidarität, Digitalisierung, nachhaltige Entwicklung, Glaubwürdigkeit sowie wirtschaftliche und finanzielle Widerstandsfähigkeit insgesamt 15 Empfehlungen formuliert hat.

Diese fordern das IOC unter anderem auf, nachhaltige Spiele zu fördern, den Weg zu den Olympischen Spielen zu verbessern und die Rolle des Sports als Wegbereiter für die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung zu stärken.   

Kontra      

Ökologie: 

"NOlympia" zweifelt daran, dass Olympische Spiele klimapositiv stattfinden könnten. Die Olympia-Gegner argumentieren, allein der Bau, der Verkehr oder die Anreise per Flugzeug führe zu erheblichen Emissionen. "Die Frage ist, ob Ziel und Maßnahmen zusammenpassen. Eine CO2-Schätzbilanz gibt es ja noch gar nicht", sagte "NOlympia"-Sprecher Eckart Maudrich der "Hamburger Morgenpost". In Paris 2024 entstanden allein durch die Olympia-Fluggäste 1,1 Millionen Tonnen CO2.

Gesellschaftlich: 

Schon im Vorfeld von Olympischen Spielen fürchten Skeptiker einen Anstieg der ohnehin hohen Mieten in der Metropole. 300.000 Hamburger würden aktuell unter der Armutsgrenze leben, 38.000 Menschen sind laut "NOlympia" wohnungslos. Viele Menschen blieben bei durchschnittlichen Ticketpreisen von 110 Euro vom Olympia-Erlebnis ausgeschlossen. 

Zudem ist bei den Baumaßnahmen im Vorfeld der Olympischen Spiele mit massiven Beeinträchtigungen für die Bevölkerungen zu rechnen. Schon jetzt ist die Stadt durch den Verkehr enorm belastet. 

Finanzen:  

Die Finanzplanungen der Hamburger Olympia-Bewerber halten die Kritiker für nicht seriös. Unter anderem fehlen ihnen die Kosten für die Sicherheit. Auch hier verweist "NOlympia" auf Paris: 2024 benötigte die Stadt etwa 75.000 Kräfte, um die Spiele abzusichern. Die Kosten von 1,7 Milliarden Euro wurden durch Steuern finanziert. 

In welchem Umfang sich der Bund an den Investitionen und den Kosten für die Durchführung von Olympia in Deutschland beteiligt, steht bislang nicht fest. "NOlympia"-Sprecher Maudrich kritisiert zudem, dass dem Hamburger Konzept zufolge nur 167 Millionen Euro in Breitensportanlagen fließen.

Wirtschaftswissenschaftler Alexander Budzier von der University of Oxford hält eine Bewerbung für eine "riskante Wette", wie er der Wochenzeitung "Die Zeit" sagte. Budzier forscht zu Kosten und Risiken unter anderem von Olympischen Spielen. 

Die Organisationskosten der Spiele von 4,8 Milliarden Euro sind für ihn plausibel, auch wenn ihm ein Inflationszuschlag fehlt. Die vom Senat veranschlagten Kosten für Sportstätten und Verkehrsmaßnahmen von etwa 1,3 Milliarden Euro hält er indes für unrealistisch. Er geht eher von zehn Milliarden Euro und mehr aus. 

Wirtschaftlich:

Die Olympia-Gegner der Initiative "NOlympia" sehen in Spielen ein Milliardenrisiko für Hamburg und keinen nennenswerten wirtschaftlichen Nutzen. Sie verweisen auf die Olympischen Spiele 2024 in Paris, die Frankreich gerade einmal ein Wachstum von 0,07 Prozent gebracht haben sollen.

Wirtschaftsexperte Budzier findet ebenfalls, dass wirtschaftliche Effekte durch die Spiele, vor allem im Tourismus, überschätzt würden. Langfristig könne es aber positive Wirkungen geben, räumte er ein. 

IOC: 

Die Olympia-Gegner bezweifeln, dass sich das IOC in den vergangenen Jahren verändert hat. "Es bleibt ein Schweizer Verein, dessen Führungskräfte sich selbst ernennen, als Freiwillige definieren und dafür bis zu 1,6 Millionen Euro im Jahr kassieren", heißt es auf der Webseite von "NOlympia". Es predige Völkerverständigung und diktiere gleichzeitig Unterordnung von Ländern, Städten und Athleten unter seine Gesetze. "Es schließt Verantwortung für sein Profisportevent aus und bestimmt allein, wie es auszusehen hat."

dpa