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Berlin: Eine junge Anwältin feiert im Berghain – Stunden später ist sie tot

Eine junge Amerikanerin geht ins Berghain und stirbt noch am selben Tag in der Notaufnahme. Wie konnte das geschehen? Der Witwer hat "Frontal 21" das erste Fernsehinterview überhaupt gegeben – und berichtet von dramatischen Szenen.

Carlo mit seiner Frau Jenifer

Ein Bild aus glücklichen Tagen: Carlo mit seiner Frau Jenifer

ZDF

Einmal im Berghain feiern – das war der Traum von Jenifer und Carlo aus Culver City, Los Angeles. Für das Ehepaar sollte die Partynacht der Höhepunkt ihrer mehrtägigen Berlin-Reise werden. Doch der Abend im Sommer 2017 endet in einer Tragödie. Die 30-jährige Anwältin nimmt zwei Ecstasy-Pillen und stirbt Stunden später an einer Überdosis. In ihrem Blut wird die 11-fache Dosis einer "normal" dosierten Pille gefunden.

Carlo wird in dieser Nacht zum Witwer – mit gerade einmal 38 Jahren. "Frontal 21" hat er ein Fernsehinterview gegeben, in dem er die verhängnisvolle Partynacht rekonstruiert. In dem Beitrag kommt auch ein Mediziner der Charité zu Wort, der über die Gefahren spricht, die von hochdosierten Ecstasy-Pillen ausgehen. 

Noch schnell ein Foto in der Schlange vor dem Berghain

Jenifer und Carlo führten ein normales, gutbürgerliches Leben. Sie feierten gerne, auch gelegentlicher Drogenkonsum gehörte dazu. Ein deutscher Freund hatte dem Paar vom Berghain erzählt. Jenifer und Carlo waren wie elektrisiert. Der Freund riet den beiden, sich schwarz anzuziehen und möglichst gelangweilt zu wirken – so sollten die beiden am Türsteher vorbeikommen. Das Paar knipste noch ein Foto in der Schlange vor dem Club. "Our best bored faces in line" schrieben sie darunter und schickten es dem Freund per WhatsApp. Es sollte das letzte gemeinsame Foto der beiden werden.

Im Club besorgte ein Kumpel von Carlo Ecstasy-Pillen. Jenifer nahm eine – später noch eine. Carlo wusste zunächst nichts von der zweiten Pille. Die drei tanzten, doch plötzlich war Jenifer verschwunden. Nach einer Weile machten sie sich Sorgen. Carlo schickte Jenifer eine WhatsApp, wo sie sei. Dann begannen sie, nach ihr zu suchen. 

Das letzte gemeinsame Foto des Paares - es entstand in der Schlange vor dem Berliner Club

Das letzte gemeinsame Foto des Paares - es entstand in der Schlange vor dem Berliner Club

ZDF

Schließlich erreichte Carlo eine Nachricht von Jenifers Handy: "Deine Freundin hat eine Überdosis genommen, sie braucht Hilfe, komm‘ die Treppe runter…" Carlo fand seine Frau. Sie krampfte, hatte Schaum vor dem Mund und Probleme zu atmen.

"Ich saß nur da und weinte"

"Mein erster Gedanke war nur, sie zu beruhigen, denn es sah für mich so aus, als würde sie jeden Moment aufhören zu atmen", erinnert er sich im Gespräch mit "Frontal 21". "Ich dachte sofort daran, dass sie direkt vor mir sterben könnte." Der Witwer wirkt sichtlich angeschlagen, während er über das Erzählte spricht. Mehrfach ringt er mit den Tränen.

Jenifer kam in die Notaufnahme und starb noch am selben Tag. "Ich habe es an dem Gesicht des Arztes gesehen, dass sie tot ist. Sie lag in einem Bett am Fenster, ich setzte mich neben sie", erzählt Carlo. "Sie war ganz kalt. Ich erinnere mich noch an das Blut, ein bisschen Blut… Ich weiß nicht mehr, ob es aus ihrer Nase oder aus dem Mund rann…Ich saß nur da und weinte."

Laut Obduktionsbericht starb Jenifer an einem Kreislaufzusammenbruch und Organversagen durch MDMA – auch bekannt unter dem Namen Ecstasy. In ihrem Blut wurde die 11-fache Dosis einer normal dosierten Pille gefunden.

Jenifers Tod ist kein Einzelfall, wie der Blick in die Statistik zeigt. Allein 2017 gab es in Deutschland 20 Todesfälle im Zusammenhang mit Amphetaminderivaten wie MDMA. Die Pillen sind in Deutschland zwar offiziell verboten, doch unter anderem über Dealer zu beziehen. Kennern der Szene bereitet es Sorgen, dass die Pillen in immer höheren Dosierungen angeboten werden. "Heutzutage haben wir so hochdosierte Ecstasy-Pillen, dass jemand, der die Substanz nicht gewohnt ist, in jedem Fall in einer Überdosierung landet", erklärt Felix Betzler, Psychiater an der Berliner Charité, gegenüber "Frontal 21".

Betzler leitet an der Charité eine Spezialsprechstunde für Party-Drogen. In der Vergangenheit enthielten die Pillen um die 100 Milligramm MDMA. Heute ist es oft die doppelte bis dreifache Dosis.

Berlin hat gepantschten Drogen nun den Kampf angesagt

Warum die Pillen in so hohen Dosierungen angeboten werden, ist unklar. Vermutlich lassen sich die Drogen so besser oder für mehr Geld verkaufen. Möglicherweise haben sich die Produktionsbedingungen in den letzten Jahren auch immer weiter verbessert. Manche Experten, etwa die des Schildower Kreises, setzen sich seit Jahren für eine liberale Drogenpolitik ein.

Carlo im Gespräch mit "Frontal 21"

Carlo im Gespräch mit "Frontal 21": "Weil es illegal ist, will niemand darüber reden"

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Sie glauben, durch das grundsätzliche Verbot von Drogen gebe der Staat die Kontrolle über Verfügbarkeit und Reinheit von Drogen auf. Sie fordern den Deutschen Bundestag auf, legale Bezugswege zu schaffen – bislang ohne Erfolg. Das Gesundheitsministerium hält an den Verboten fest. Auf Anfrage von "Frontal 21" schreibt das Ministerium: "Für die generalpräventive Wirkung der Strafandrohungen (…) spricht der hohe Anteil von Personen, die niemals illegale Drogen konsumieren."

Die Partystadt Berlin hat gepanschten und hochdosierten Drogen nun den Kampf angesagt, zumindest ein Stück weit. Schon bald soll in der Hauptstadt sogenanntes Drug-Checking eingeführt werden – als bundesweit einzigartiges Projekt. Es sieht Drogenschnelltests vor, mit denen Konsumenten verbotene Rauschmittel auf Inhalt und Qualität testen lassen können. Hochdosierte Pillen ließen sich so schnell ausfindig machen. Der Psychiater Felix Betzler befürwortet das Projekt: "Wir gehen davon aus, dass ohnehin konsumiert wird und deswegen ist es aus ärztlicher Sicht zu befürworten, dass der Konsum mit größtmöglicher Information vonseiten des Konsumenten stattfindet." 

Englische Studie: So kommen auch Nichtkonsumenten täglich mit harten Drogen in Kontakt

Für Jenifer und viele andere kommt diese Änderung zu spät. Carlo appelliert für einen offeneren Umgang mit dem Thema - auch um das Tabu ein Stück weit zu lockern: "Menschen glauben gerne, dass ihre Töchter und Söhne keine Drogen nehmen. Das haben auch Jenifers Eltern gedacht, aber Jenifer hat Drogen genommen – gelegentlich. Menschen machen das eben. Aber weil es illegal ist, will niemand darüber reden."

Der vollständige Beitrag läuft am Dienstagabend um 21 Uhr im ZDF.

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