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Stammbaum : Böse Überraschung für Ahnenforscherin - wenn der Papa nicht der Vater ist

Wissen, woher man stammt, welche Ahnen man hat. Ein Test des Erbguts hilft dabei, aber manchmal richten die Ergebnisse eine Familie zugrunde, weil sie gnadenlos alte Fehltritte ans Licht bringen.

"Dieses Schwert ist deine Geschichte" - lautet ein Werbespruch von AncestryDNA

"Dieses Schwert ist deine Geschichte" - lautet ein Werbespruch von AncestryDNA

Getty Images

Stammbäume erforschen, die Ahnen ausfindig machen – diesen Wunsch hegen viele Menschen. Vor allem heute, wo der aktuelle Wohnsitz nur noch ganz selten auch der Ort ist, an dem die Familie über Generationen ansässig war.

Früher war Stammbaumforschung eine teure und spleenige Angelegenheit, die sich nur wenige Menschen leisten können. Aber seitdem ganze Kirchenbücher und Geburtsregister eingescannt und in Datenbanken abgespeichert werden, wurde die Ahnenforschung popularisiert – jeder kann sich einen Stammbaum leisten.

Und schon immer gab es dabei Überraschungen. Während ein Kunde in den USA erfreut feststellen konnte, dass ein Ur-Tante als Freiheitskämpferin in der heutigen Türkei in Art von Karl-May-Tracht kämpfte, mussten andere auch weniger schöne Enthüllungen verkraften.

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Aber vor einigen Jahren ist zu den Computer Auswertungen von Papierdaten eine neue Informationsquelle hinzugekommen. Die Suchenden senden eine Probe ihres Erbguts ein. Diese Tests kosten etwa 100 Euro pro Person. "AncestryDNA" wurde 2012 gegründet und hat mehr als 10 Millionen Menschen in 30 Ländern getestet. Die Firma "23andMe" verweist auf mehr als 5 Millionen Kunden, "FamilyTreeDNA" auf 2 Millionen. Alle Tests finden die Abstammung aus mehr als 350 Ethnien auf der ganzen Welt heraus. Nicht allen Kunden ist bewusst, dass sie damit ihren Familienfrieden abfackeln können.

Sie dachte ihre Abstammung sei indianisch

Der "Guardian" berichtete über die Geschichte von Michèle und ihrem Mann. Die junge Frau interessierte sich für ihre Abstammung, hatte auch den Stammbaum ihres Vaters bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgt. Aber die Kosten für die DNA-Analyse schreckten das Paar ab. Zumindest solange bis sie Michèle studieren wollte. Sie machte den Eindruck, als steckte sie etwas indianisches Blut von der Seite ihres Vaters in ihr. Vielleicht war es genug, um ein Stipendium als indigene Amerikanerin zu bekommen, hoffte sie. Also bestellten die beiden die Tests.

Dazu mussten sie nur ein Gefäß spucken. Sechs Wochen später wurden die Ergebnisse von AncestryDNA geliefert. Micheles Mann war zufrieden, seine Herkunftsanalyse deckte sich mit den Familiengeschichten. Doch bei Michele sah es anders aus. Von Indianern keine Spur. "Das erste, was auftauchte, ist ein Kuchendiagramm, und eine ganze Hälfte war rot und sagte: "Italien". Michèle dachte natürlich an eine Verwechslung, ab die Ergebnisse waren korrekt. Die junge Frau war tief erschüttert, denn werder Mutter noch Vater stammen aus Italien.

Neugier kann schädlich sein

"Unser Geschäft, ist von Neugier getrieben ... wir wollen uns selbst verstehen und dieser Test gibt uns einen Einblick in das, was wir sind, und verbindet uns mit den Kulturen der Welt", sagte Brad Argent, Chefprogrammier bei Ancestry's International, zu dem Portal "News" aus Australien. "So etwas kann das Leben verändern. Ich habe gesehen, wie Leute, nachdem sie unsere E-Mail bekamen, jemand ganz anderes wurden."

Wichtig sei es, so Argent, zu verstehen, dass der Test nicht nur die eigene DNA untersucht, sondern Auswirkungen auf die ganze Familie hat, "Ich sage den Leuten, bevor sie den DNA-Test machen, sollen sie unbedingt ihrer Familie sagen, was sie vorhaben, und ein Gespräch führen. Wir haben alle eine Vergangenheit und denken, dass wir sie weit hinter uns gelassen haben, aber wenn jemand in der Familie einen DNA-Test macht, kann das alles wieder auftauchen."

Verwandte aufspüren

Je größer die Datenbasis ist, umso umfangreicher sind die Ergebnisse. Denn die DNA-Befunde aller Kunden werden mit einander abgeglichen. Neben der Herkunftsanalyse kann es Überschneidungen geben. Möglich wird das, weil es in dem Geschäft keinen Datenschutz gibt. Wer seine Probe einschickt, gibt damit die Erlaubnis, die DNA wissenschaftlich auszuwerten. Für deutsche Datenschützer wäre das ein Albtraum. Während Facebook nur die Interessen und Freunde seiner Kunden kennt, kennt AncestryDNA ihre komplette genetische Information.

Bei Michèle brauchte es keinen Treffer: Sie war Halb-Italienerin – also konnte der Mann, den sie zeit ihres Lebens Vater genannt hatte, nicht ihr Papa sein. Die Mutter wollte von einem italienischen Liebhaber nichts wissen, aber die Datenbank von AncestryDNA brachte Michèle auf die richtige Spur. Ein Mann italienischer Abstammung wurde als entfernter Verwandter aufgeführt.

Der lebte in dem Ort, wo ihre Mutter aufgewachsen war. Dann erinnerte sich eine Tante an den Jungen, mit dem Michèles Mutter zum Abschlussball gegangen war. Italiener, der gleiche Nachname wie der Mann aus der Datenbank. Volltreffer. Der Vaterschaftstest des Mannes, von dem Michèle dachte, dass er ihr Vater sei, bestätigte die Ergebnisse, sie waren nicht verwandt. "Das war für uns beide verheerend", sagt Michèle der Zeitung.

Glückliche Entdeckungen

Nicht alle Entdeckungen sind so traurig und dramatisch. Auf den Webseiten der Firmen berichten zufriedene Kunden über glückliche Fügungen. Bei 23andMe kann man auch eine Gesundheitsanalyse hinzubuchen, eine 31-Jährige ist überzeugt, dass die Risikoanalyse ihr das Leben gerettet hat. Judy Poole wuchs als Adoptivkind auf. Mit der Hilfe von AncestryDNA entdeckte sie eine Cousine, Kathy Piercy. So fand sie heraus, dass sie aus einer Affäre stammte. Ihr Vater war Kathys Onkel. Und so kam sie zu einem Halbbruder: "Er war überglücklich, eine große Schwester zu haben."

Die Büchse der Pandora

Ein Dilemma bleibt: Die meisten Kunden bestellen die Tests aus einer Laune heraus. Entgegen den nachdenklichen Worten von Brad Argent wirbt AncestryDNA mit einem Wikinger und dem Slogan "Dieses Schwert ist deine Geschichte". Doch die Ergebnisse sind häufig nicht so spaßig und können das Leben der Kunden massiv durcheinanderbringen. Die haben sich – ob nun überlegt oder spontan – für den Test entschieden. Mit den Ergebnissen ziehen sie dann los und brechen in das Leben anderer ein, in das Leben der neu entdeckten Verwandten. Und die haben sich überhaupt nicht dazu entschlossen, die Truhe mit den düsteren Familiengeheimnissen zu öffnen.