Herr Rücker, der Ärzteverband Marburger Bund fordert, dass Schnaps künftig nicht mehr in Supermärkten und an Tankstellen verkauft werden darf. Stattdessen soll es lizenzierte Verkaufsstellen geben. Was halten Sie davon?
Das ist längst überfällig. Die kleine Flasche an der Tankstelle ist kein harmloser Spontankauf, sondern der schnellste Weg, den Alkoholpegel hochzufahren. Wer zur Tankstelle fährt und dort für zehn Euro tankt und dann noch schnell zwei kleine Flaschen Schnaps mitnimmt, hat ziemlich sicher ein Alkoholproblem. Häufig werden die Flaschen dann noch direkt auf dem Gelände geleert.
Was würde ein Verkaufsverbot bewirken?
Für trockene Alkoholiker sind Supermarktkassen und Tankstellen Dauer-Trigger. Dort können sie ihren Stoff schnell nebenbei mitnehmen, ohne dass sie groß auffallen. Das wäre schon anders, wenn sie dafür immer in einen speziellen Laden gehen müssten. Auf die Dauer würde das auch den Menschen in ihrer Umgebung auffallen. Beim Lachgas, mit dem sich häufig Jugendliche berauscht haben, hat das Verkaufsverbot von 2000-Gramm-Flaschen am Kiosk auch funktioniert. Heute gibt es nur noch kleine Flaschen zu kaufen, wie sie etwa zum Aufschäumen von Sahne üblich sind. Da wird der Aufwand, sich mit dem Gas zu berauschen, sehr groß.
Apropos Jugendliche: Der Marburger Bund will auch das sogenannte begleitete Trinken abschaffen.
Dass Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren unter Aufsicht eines Erwachsenen Bier, Wein oder Sekt trinken dürfen, ist kompletter Unsinn, zumal dann, wenn der Erwachsene selbst trinkt und die eigene Kontrolle verliert. Das ist noch ein Relikt aus einer anderen Zeit.
Studien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und auch aus dem Bundesgesundheitsministerium belegen eindeutig, dass ein Werbeverbot wirksam wäre, um den Alkoholkonsum zu beschränken. Alkohol ist trotzdem weiter gegenwärtig. Der Bierproduzent Krombacher ist nach wie vor Hauptsponsor der ARD‑„Sportschau“. Wie kann das sein?
Ein Werbeverbot allein reicht nicht; wirksame Alkoholpolitik läuft über Preis und Verfügbarkeit. Bei Zigaretten ist es meistens auch der hohe Preis für eine Schachtel, der dann den letzten Impuls zum Aufhören gibt.
Im Vergleich zum europäischen Ausland ist Alkohol in Deutschland immer noch sehr billig. Warum?
Aus Umfragen wissen wir, dass nur etwa 20 Prozent der deutschen Bevölkerung abstinent leben. Das heißt umgekehrt: 80 Prozent der Menschen trinken zumindest gelegentlich ein Glas Bier oder Wein. Politiker scheuen daher strengere Maßnahmen aus Angst, Wählerinnen und Wähler zu verprellen.
Also bleibt Alkohol Trinken Volkssport?
Ich will niemandem das Glas Bier oder Wein verbieten, aber der Schritt vom Feierabendbier zum Alkoholiker ist kurz und kostet erschreckend wenig Geld. Beim jetzigen Discountpreis reicht das Geld für einen ganzen Monat Rausch. Wenn eine Flasche Schnaps 30 Euro kostet, ist nach einer Woche Schluss. Neben dem persönlichen Schicksal hat der Alkoholmissbrauch auch eine enorme volkswirtschaftliche Dimension.
Wie groß sind die Schäden?
Alkohol ist kein Rauschmittel wie Cannabis, das an bestimmten Rezeptoren im Gehirn ansetzt und high macht. Alkohol ist ein Zellgift, er verursacht rund 200 Krankheiten und führt zu etwa 75.000 Todesfällen im Jahr. Die Kosten durch Arbeitsausfälle, Krankenhausaufenthalte, Therapien und so fort belaufen sich etwa auf 57 Milliarden Euro pro Jahr. Dem stehen Einnahmen durch die Alkoholsteuer in Höhe von 3,2 Milliarden Euro gegenüber.