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Sarah Gilbert und Catherine Green "Wir arbeiteten wie eine familiengeführte Pizzeria" – die zwei Frauen hinter Astrazeneca, die kaum jemand kennt

Catherine Green und Sarah Gilbert entwickelten den Astrazeneca-Impfstoff
Catherine Green und Sarah Gilbert waren Ehrengäste beim Geburtstag der Queen
© Picture Alliance
"AstraZeneca" ist bislang der einzige Impfstoff, der weltweit die Pandemie besiegen kann. Vakzine wie das von Biontech sind zu teuer und zu kompliziert. Hinter dem Vakzin aus Oxford stehen zwei Frauen: Sarah Gilbert und Catherine Green.

Der Oxford-Impfstoff ist in Deutschland nicht unter dem Namen des Labors der Forscherinnen bekannt, sondern unter dem des industriellen Partners "Astrazeneca" – beim deutschen Impfstoff ist es genau anders herum, da bevorzugt man den Namen der deutschen Entwickler und nicht den des amerikanischen Partners. In Deutschland hat der Oxford-Impfstoff inzwischen wegen der befürchteten Nebenwirkungen einen schlechten Ruf, anders in Großbritannien und in dem Teil der Welt, der sich das Impfen mit den teuren und schwer zu handelnden mRNA-Impfstoffen nicht leisten kann. Wenn ein Impfstoff die Welt und nicht nur die reichen Ländern retten kann, dann ist es nach wie vor das Vakzin aus Oxford.

Das Gründerpaar von Biontech war weltweit in den Medien – als Chefs eines börsennotierten Start-ups sind sie das gewohnt. Die zwei Forscherinnen, Sarah Gilbert und Catherine Green, hinter dem Oxford-Impfstoff sind sehr viel scheuer, nun beschreiben sie in einem Buch ihren Weg. Die Motivation zu schreiben kam vor allem, weil sie den Verschwörungstheorien entgegentreten wollen. Über ihr Buch sprachen sie mit der "London Times".

Als das Virus Anfang 2020 seinen Eroberungszug von China aus antrat, waren die Forscherinnen auf dem Stand null. Und am 23. November 2020 standen sie vor dem Durchbruch, damals waren 100.000 Dosen verabreicht worden in vier Studien. Am Tag vor Weihnachten sprach Tom Whimple, der Autor der "Times", zum ersten Mal mit ihnen. Sie sahen abgekämpft aus, nicht einmal eine Feier gab es zur Zulassung. "Uns ist es genauso ergangen wie allen anderen. Wir haben die Ereignisse verpasst, die normalerweise mit Champagner und Kuchen begangen werden", sagt die Genetikerin Catherine Green. "Wir beschlossen, wenn wir einen Impfstoff brauchen, dann schnell. Lasst uns beweisen, dass wir es können und wie schnell wir es können."

Auf eines waren sie nicht vorbereitet

Das Jenner-Institut in Oxford war bereit, so einen Impfstoff zu entwickeln. Nur mit einem hatte man nicht gerechnet: dass die Krankheit im eigenen Land wüten würde. "Die Vorstellung, eine Pandemie überleben zu müssen, während wir einen Impfstoff entwickeln, der uns aus einer Pandemie herausholt?", sagt Sarah Gilbert. "Damit hatten wir wirklich nicht gerechnet." Sie habe immer davon geträumt, als "Impfstoffkavallerie" einen Ausbruch in einem weit entfernten Land zu besiegen. Im Frühjahr 2020 mussten sie unter Hochdruck wie im Krieg arbeiten, die Bürokratie ruhte, die Regale waren leer und die Kantine zu. Auf ein paar Teams wie dem in Oxford ruhte die Hoffnung der ganzen Welt, das bedeutete aber nicht, dass sich irgendjemand um sie gekümmert hätte. "Wir aßen zwei Wochen lang nichts anderes als Mini Cheddars und Bounty-Riegel", so Professor Catherine Green. Der erste Erfolg: Green konnte einer älteren Dame ein Glas mit Münzen abkaufen, um die Snack-Automaten weiter zu leeren. Die nächste Krise kam, als die Automaten der Uni leer gegessen waren. Von der Ernährung wurden sie alle "immer fleckiger". Dabei ist Essen wichtig für die Moral und das Durchhalten bei einer Sieben Tage Woche mit 18 Stunden. Rettung kam nicht aus London, sondern von einem Ehepaar aus der Nachbarschaft, das helfen wollte. Sie kochten nun gesundes Essen. "Das war ein Wendepunkt für das Team", so Green zur "Times". "Es fühlte sich an, als ob jemand uns bemerkt hätte. Ich glaube, es war eines der ersten Male, dass wir das Gefühl hatten, dass es eine Gemeinschaft gibt, die uns zum Erfolg verhelfen will."

Ihr Impfstoff folgte einem neuen innovativen Weg, sie verimpften nicht eine schwächere Version eines Erregers. Sie knüpften an einen Impfstoff gegen Ebola an, an ChAd3-EBOZ, einem Vektorimpfstoff. In dem Adenovirus, das die Schlüsselinnovation von ChAd3 bildet, befindet sich ein kleines Stück Ebola-DNA. Die Zellen von geimpften Menschen werden zu Impfstofffabriken, die Fragmente von Ebola-Proteinen produzieren, sodass der Körper sich darauf vorbereitet, das echte Virus zu erkennen und abzuwehren. Das Besondere an ChAd3 war, dass er nicht allein gegen Ebola helfen konnte. Der Vektorimpfstoff ist eine Plattform, die auf andere Krankheiten angepasst werden konnte.

Hoffnung der Londoner Regierung

"Wir mussten alles in Gang bringen", sagt Gilbert. "Mit der Herstellung beginnen, die Ausgangsmaterialien herstellen, die klinischen Studien auf den Weg bringen – Phase eins, Phase zwei, dann Phase drei – Studien in verschiedenen Ländern. Da war die Immunologie, die Blutkonserven, die von der Klinik zurück in unsere Labore kamen, die Zusammenstellung aller Daten, die Rekrutierung, die Probanden." Gilbert erinnerte diese Phase an die Zeit und die Monate, nachdem sie Drillinge bekommen hatte. "Es gab Zeiten, in denen es einfach so voll war, dass wir uns nur auf die nächste halbe Stunde konzentrieren konnten und dann auf die nächste halbe Stunde. Das war, ehrlich gesagt, ziemlich traumatisch."

Nachdem der erste Impfstoff aus Adenoviren und DNA konstruiert wurde, ging es darum, ihn in großen Mengen zu züchten. Gilbert spricht darüber wie ein Bauer über Tierhaltung. Inzwischen bekamen sie die volle Unterstützung des Staates, denn auch die Regierung war unter Druck. Wie Churchill 1940 die Piloten und ihre Spitfires brauchte, benötigte London nun die heroischen Wissenschaftlerinnen, schreibt die "Times".

Damit kamen die Auftritte in der Öffentlichkeit. "Ich habe gemischte Gefühle dabei", sagt Gilbert heute. "Es geht nur um Prominenz. Wir wollen keine Wissenschaftsprominenz sein." Die Fragen der Journalisten nach "Role-Models" irritierten sie. "In der Wissenschaft geht es nicht um Menschen", sagt sie. Sie glaubt, man entwickle keine Leidenschaft für Impfstoffe mit viralen Vektoren, weil man irgendwelchen Vorbildern nacheifern will. Dann sollten sie auch noch Prinz William treffen, im Labor musste Gilbert selbst die kaputten Jalousien vor dem TV-Termin reparieren, damit der Prinz nicht vor dem derangierten Fenster sitzen würde. "Wir arbeiteten im Wesentlichen wie eine familiengeführte Pizzeria, die alles selbst macht."

Die öffentliche Kritik und die Häme von kontinental europäischen Politikern setzen beiden zu. Vor allem, als es in seltenen Fällen zu Blutgerinnseln kam. "Natürlich wollen wir nicht, dass bei einem Impfstoff, an dem wir beteiligt waren, diese seltenen schweren Nebenwirkungen auftreten", sagt Gilbert. "Aber niemand konnte wissen, dass so etwas passieren würde." "Wir sind normale Menschen, die ihren Job nach bestem Wissen und Gewissen machen. All die Herausforderungen – keine Nudeln im Tesco, keine Klopapierrolle, nicht in der Lage zu sein, Mama und Papa zu sehen – wir haben sie auch erlebt." Mit der neugewonnenen Prominenz haben sie immer noch ein Problem: "Ich treffe Leute, die mir sagen, dass sie geimpft wurden, dass ihre Eltern geimpft wurden, und sie sind so dankbar. Sie brechen irgendwie in Tränen aus. Ich finde das ziemlich schwierig."

Quellen: The TimesVaxxers: The Inside Story of the Oxford Astrazeneca Vaccine and the Race Against the Virus von Sarah Gilbert und Catherine Green


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