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Covid-19: Wie Hongkong es trotz Coronavirus geschafft hat, das Leben aufrechtzuerhalten

Hongkong hat nur 130 Corona-Infektionen. Das öffentliche Leben in der Metropole geht größtenteils weiter – anders als in Festland-China. Was hat die Stadt beim Coronavirus richtig gemacht?

Ein Pärchen mit Mundschutz steht vor der Skyline Hongkongs

Ein Pärchen mit Mundschutz steht vor der Skyline Hongkongs

AFP

Das Lin Heung Tea House in Hongkong ist eines der ältesten Teehäuser der Stadt. In einer mit Krankenhauslicht ausgeleuchteten Halle klirren Hunderte Essstäbchen auf Porzellan. Der Lärmpegel ist gewaltig. Ältere Frauen schieben auf Wagen dampfende Dim Sum durch den Raum. Es heißt, es sei nicht so lange her, da standen hier noch Spucknäpfe herum. Kurzum, das Lin Heung Tea House war nie der hygienischste Ort Hongkongs. Heute aber tragen alle Kellner eine Atemschutzmaske. Auch die Gäste betreten das Restaurant mit Maske und setzen sie erst zum Essen ab. Am Eingang steht Handdesinfektionsmittel.

Die schlechte Nachricht zuerst: Hongkong trifft der Coronavirus schwer. Die Stadt lebt vom Tourismus und Einzelhandel und der lag schon vor dem Virus am Boden. Die Studenten-Proteste hatten die meisten zahlungskräftigen Touristen vom Festland vertrieben. Die gute Nachricht: Neben Singapur, Südkorea und Taiwan ist es bisher keinem so gut gelungen, die Krise einzudämmen. Am Mittwoch waren in Hongkong 129 Menschen infiziert. Drei sind an dem Virus gestorben. 

Hongkong hat frühzeitig auf das Coronavirus reagiert

Dazu sollte man wissen, dass der Stadtstaat an der Südspitze Chinas bereits im Januar betroffen war – zu einem Zeitpunkt, an dem man sich in Europa noch in Sicherheit wiegte, das Virus würde ein regional begrenztes Problem bleiben. Zudem sind nur wenige Gebiete der Welt so dicht besiedelt wie Teile Hongkongs. Sieben Millionen leben hier auf wenigen Quadratkilometern. Die Wohnungen sind zum Teil winzig, die U-Bahn befördert jeden Tag rund 500.000 Menschen. Hinzu kommt Hongkongs Funktion als internationales Drehkreuz sowohl für Waren als auch Personen.

Wie also konnte es Hongkong gelingen, die Infektionen so gering zu halten? Vor allem weil man frühzeitig reagierte. Von Beginn an ging man jedem Verdachtsfall nach, machte die infizierte Person und deren Kontakte ausfindig und schickte sie in Quarantäne. Im Februar waren das rund 12.000 Menschen. Manche davon wurden in öffentlichen Gebäuden untergebracht, andere wurden elektronisch daheim überwacht. Täglich wurden die Leute informiert, die zu Infizierten Kontakt hatten. Das geschah allerdings zu einem Zeitpunkt, als die Infektions-Zahlen noch so niedrig waren, dass dies noch praktikabel war.

Hongkong ist sensibilisiert

Die Schulen sind seit dem 17. Februar geschlossen. Viele Unternehmen haben ebenfalls nach dem chinesischen Neujahrsfest auf Homeoffice umgestellt. Auch Fiebermessen ist in sämtlichen Hotels obligatorisch. So gut wie alle Menschen auf der Straße tragen eine Atemschutzmaske. Niemand schüttelt mehr die Hände, in jedem der omnipräsenten 7-Eleven-Supermärkte stehen Handdesinfektionsmittel an der Kasse.

Hongkong schloss zudem frühzeitig die Grenzen zum angrenzenden Guangdong. Die südchinesische Provinz ist nach Hubei am härtesten von Covid-19 betroffen. "Hinzu kommt, dass die Bevölkerung aufgrund früherer Erfahrungen mit Seuchen sensibilisiert ist", sagt Dirk Pfeiffer, Professor für Epidemiologie an der Hongkong Universität. "Die Einzelpersonen setzen Schutzmaßnahmen wie Händewaschen schnell um. In Europa tendiert man dagegen eher dazu, erst mal abzuwarten."

Hongkong stand sowohl im Zentrum des Sars-Ausbruchs 2003 wie der Schweinegrippe 2009. "Wir sind so etwas gewöhnt und vielleicht deswegen auch etwas disziplinierter als ihr Europäer", sagt Kevin, der Inhaber eines Bekleidungsgeschäfts in Hongkong Central. Einen Teil seiner Ware bezieht er aus Spanien und Deutschland. "Dort hat man das meiner Meinung nach nicht richtig ernst genommen."

Leben in Hongkong geht weiter - anders als auf dem Festland

Am Dienstag verhängte die Regierung von Hongkong zudem Reisebeschränkungen für bestimmte Regionen Spaniens, Frankreichs, Japans und Deutschland. Wer nach Freitag Mitternacht aus diesen Regionen in Hongkong ankommt, muss sich 14 Tage in Quarantäne begeben.

"Welche Einzelmaßnahme davon am meisten bringt, wissen wir nicht", sagt Dirk Pfeiffer von der Hongkong-Universität. "Aber in der Gesamtheit haben sie einen Effekt – das merkt man auch an den geringeren Influenza-Zahlen. Man darf allerdings auch nicht vergessen, dass all diese Maßnahmen zu einem hohen ökonomischen und psychologischen Preis kommen."

Trotz all dieser Maßnahmen aber geht das alltägliche Leben in Hongkong relativ ungehindert weiter. Darin unterscheidet sich die Stadt von Festland-China, wo in der Provinz Hubei 40 Millionen Menschen unter Zwangsquarantäne gestellt wurden. Auch in Metropolen wie Shanghai oder Peking ist das öffentliche Leben zum Teil vollständig zum Erliegen gekommen. Die Einschränkung individueller Freiheiten auf dem Festland ist massiv.

Das Beispiel Hongkong zeigt eben auch, dass eine freiheitliche Gesellschaft mit solchen Krisen umgehen kann – sogar besser als vermeintlich effiziente autoritäre Systeme wie Festlandchina.

rw

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