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Ausbreitung des Coronavirus: Warum die Verdopplungszeit so wichtig ist – und noch für Diskussionen sorgen dürfte

Wann werden die Beschränkungen wegen der Ausbreitung des Coronavirus gelockert? Der Zeitpunkt hängt auch von der sogenannten Verdopplungszeit ab. Sie könnte noch für Diskussionen sorgen.

Coronavirus

Bis mindestens zum 19. April bleiben die Biergärten (wie hier in Dresden) noch geschlossen. Wie lange es danach noch so bleibt, hängt auch von der Verdopplungszeit der Coronavirus-Infektionen ab.

DPA

Wann hört das alles auf? Nicht vor dem 20. April, so viel ist mal sicher. Und dann? Kann es vielleicht Lockerungen geben. Vielleicht dürfen Friseure dann wieder Haare schneiden. Vielleicht dürfen Kinder dann wieder auf Spielplätzen toben. Vielleicht dürfen Wirte wieder ihre Biergärten öffnen. Vielleicht, vielleicht, vielleicht – vielleicht aber eben auch nicht.

Wie lange gelten die Coronavirus-Regeln?

Denn vielleicht ist es dann doch noch zu früh, um Beschränkungen aufzuheben. Auch dieses Signal wollten die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten der Länder nach ihrer Schaltkonferenz am Mittwoch aussenden. "Wir können keine Aussage darüber machen, wie es nach dem 19. April weitergeht", stellte Angela Merkel fest. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder pflichtete ihr bei: "Es gibt überhaupt keinen Anlass zur Entwarnung. Wir brauchen die notwendige Geduld. Wir brauchen Zeit."

Die Zeit soll zum einen dazu genutzt werden, das deutsche Gesundheitssystem so aufzurüsten, dass es auch mit einer Vielzahl an Covid-19-Erkrankungen fertig wird. Zum anderen soll verhindert werden, dass die Zahl der ernsthaft Erkrankten die Belastungsgrenzen der Kliniken dennoch sprengt. Dazu dienen all die Maßnahmen, denen sich die Menschen nun schon seit zweieinhalb Wochen fügen. Die Ausbreitung des Coronavirus soll durch die Kontaktbeschränkungen verlangsamt werden. "Flatten the curve" ist das Motto der Stunde, die Kurve abflachen – das hat vermutlich inzwischen auch der Letzte verstanden. (Falls noch nicht: hier zum Nachlesen.)

Es sei viel zu früh, um über einen – auch schrittweisen – Ausstieg aus den neuen Regeln des Miteinanders zu diskutieren. Auch dies gaben die Regierungschefs von Bund und Ländern den Bürgerinnen und Bürgern nach ihrer Schaltkonferenz mit auf den Weg. Und doch wird die Debatte natürlich geführt – und sie muss auch geführt werden. Schließlich erlebt die Bundesrepublik zurzeit die drastischsten Grundrechtseinschränkungen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die demokratische und freie Gesellschaft fragt sich vollkommen zu Recht. Wann hört das alles auf? Auch wenn die Menschen wissen, dass es für einen Exit noch zu früh ist.

Den Zahlen und Statistiken kommt in dieser Debatte eine besondere Rolle zu. Sie können Hoffnung geben, wenn die Kurve nicht mehr ganz so steil ansteigt. Sie können aber auch zu Ernüchterung, gar zur Verzweiflung, führen, wenn die Zahlen explodieren.

Warum die Verdopplungszeit so wichtig ist

Die Zahl der Coronavirus-Infektionen steigt. So ist es immer wieder zu lesen und zu hören. In Deutschland wurden laut Robert-Koch-Institut (RKI) bis zu diesem Donnerstag 73.522 Covid-19-Fälle registriert, nach 67.366 am Vortag und 61.913 am Dienstag. Experten gehen davon aus, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt, die tatsächlichen Fallzahlen also noch deutlich höher liegen. Dennoch muss sich die Politik an den Zahlen des RKI und anderer Institutionen halten. Es gibt schlicht keine anderen mit einer ähnlichen Verlässlichkeit.

Dass die Covid-19-Fallzahlen steigen, liegt in der Natur der Sache. Das RKI veröffentlicht täglich die kumulierte Zahl der bestätigten Fälle, addiert also alle Infektionen unabhängig von der Zahl der genesenen oder verstorbenen Patienten. Solange das Coronavirus also in Deutschland grassiert, muss die Zahl der Infektionen steigen. Für sich genommen lässt die kumulierte Zahl der Covid-19-Fälle also zunächst einmal kaum eine Aussage über die Ausbreitung des Virus zu.

Stattdessen kommt es der Bundesregierung in erster Linie auf einen anderen Wert an, der über eine Lockerung oder eine Verschärfung der geltenden Regeln entscheiden kann: Die Zahl der Tage, in denen sich die Infektionen verdoppeln, die sogenannte Verdopplungszeit. Nach Angaben von Bundeskanzlerin Angela Merkel muss diese in Deutschland bei etwa 14 Tagen liegen, was vor allem mit der intensivmedizinischen Behandlungsdauer von schwer verlaufenden Erkrankungen zusammenhänge. 

Warum die Verdopplungszeit ein so wichtiges Kriterium ist, zeigt ein fiktives Beispiel:

Unser Beispielland hat ein Krankenhaus mit einer Kapazität von 1000 Intensivbetten. Um die Rechnung zu vereinfachen nehmen wir an, dass die Behandlungsdauer schwer Erkrankter in dem Modell bei exakt 14 Tagen liegt, zudem werden neue Fälle erst zum Ablauf der Verdopplungszeit in die Klinik eingeliefert. Der Anteil der schwer Erkrankten an der Gesamtzahl der Infizierten ist dabei immer gleich.

Heute, an Tag 1, werden im Beispielland 100 schwere Covid-19-Fälle behandelt. An Tag 3, also bei einer Verdopplungszeit von zwei Tagen, kommen 100 Patienten hinzu, an Tag 5 bereits 200 usw. Bei einem solchen Verlauf ist schon am neunten Tag die Belastungsgrenze des Gesundheitssystems überschritten. Es kommen täglich immer neue Erkrankte in die Klinik hinzu, während die ersten Fälle 14 Tage lang weiterhin die Intensivbetten beanspruchen. Bereits an Tag 9 müssten bei einer Verdopplungszeit von zwei Tagen insgesamt 1600 Menschen intensivmedizinisch versorgt werden, an Tag 13 bereits 6400. Das Gesundheitssystem im Beispielland kollabiert in kürzester Zeit.

Verdopplung von Covid-19-Fällen bei zehn Tagen

Liegt die Verdopplungszeit dagegen bei 14 Tagen, werden die ersten 100 Patienten aus dem Krankenhaus entlassen, wenn die nächsten 100 eintreffen: an Tag 15. An Tag 29 werden diese wiederum entlassen und 200 Fälle kommen neu in die Klinik. Am 43. Tag befinden sich demnach 400 Patienten in intensivmedizinischer Behandlung. Die Kapazitätsgrenze des Krankenhauses im Beispielland ist bei einem solch modellhaften Verlauf nicht nach wenigen Tagen überschritten, sondern erst zu Beginn der zwölften Woche. Das sind rund drei Monate, in denen die Zahl der Beatmungsplätze erhöht oder medizinisches Personal geschult werden kann, und die auch der Forschung nach Medikamenten oder einem Impfstoff Luft verschaffen. Schafft man es im Beispielland durch Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen, die Verdopplungszeit der Infektionen über die Behandlungsdauer zu bringen, entspannt sich die Lage nochmals.

Zusammengefasst: Je höher die Verdopplungszeit der Infektionen, desto besser kann das Gesundheitssystem mit den Erkrankungen umgehen. Dieser Grundsatz gilt für unser Beispielland genauso wie für die reale Bundesrepublik, in der das Covid-19-Geschehen natürlich ungleich komplexer ist und sich in vollkommen anderen Maßstäben abspielt. Zum Beispiel spielt es für schwere Verläufe auch eine Rolle, ob besonders viele alte oder vorerkrankte Menschen infiziert werden. Auch die Anzahl der durchgeführten Coronavirus-Tests ist maßgeblich für Fallzahlen.

Doch wo steht Deutschland derzeit? Eine von mehreren Medien (u.a. "Der Spiegel", "Süddeutsche Zeitung") vorgenommene Auswertung von Zahlen der Johns-Hopkins-Universität, des RKI und von weiteren Behörden zeigt: Unter Berücksichtigung des Verlaufs der vergangenen fünf Tage liegt die Verdopplungszeit hierzulande zurzeit bei etwa zehn Tagen – also noch weit entfernt von den ins Auge gefassten 14 Tagen der Politik. Aber – und das ist ein kleiner Lichtblick – die Verdopplungszeit ist inzwischen deutlich höher als noch zu Beginn der Epidemie in Deutschland (damals etwa zwei Tage).

DJ Lukas veranstaltet auf seinem Balkon eine Party für die ganze Nachbarschaft

Greifen also die Kontaktbeschränkungen? Für eine endgültige Bewertung sei es noch zu früh, erklärte zuletzt unter anderem RKI-Präsident Lothar Wieler mit Blick auf die Zeit von bis zu 14 Tagen, die zwischen einer Infektion mit dem Coronavirus und möglichen ersten Covid-19-Symptomen liegt. Das sahen auch Merkel und ihre Länderkollegen so. Sie wollen erst nach Ostern eine erste Zwischenbilanz der aktuellen Maßnahmen ziehen – und auch erst dann entscheiden, ob sie verschärft oder gelockert werden können.

"Bleiben Sie weiter stark!"

Doch am Horizont zieht schon die nächste Debatte auf. Die Verdopplungszeit mag zwar auf das gesamte Land betrachtet zurzeit bei rund zehn Tagen liegen, regional ist der Wert jedoch höchst unterschiedlich: So liegt sie in Nordrhein-Westfalen inzwischen bei gut 13 Tagen, im Stadtstaat Bremen sogar bei 15, im Saarland dagegen bei sechs und in Bayern bei etwa 7,5 Tagen. Auf Landkreisebene sieht es bisweilen noch unterschiedlicher aus.

Bundesland

Verdopplungszeit*

Bremen

15,3 Tage

Nordrhein-Westfalen

13,3 Tage

Baden-Württemberg

12 Tage

Rheinland-Pfalz

11,8 Tage

Thüringen

10,9 Tage

Niedersachsen

10,9 Tage

Hamburg

10,6 Tage

Brandenburg 

10,5 Tage

Berlin

10,5 Tage

Hessen 

9,6 Tage

Mecklenburg-Vorpommern

9,6 Tage

Sachsen

9,5 Tage

Schleswig-Holstein

8 Tage

Sachsen-Anhalt

7,8 Tage

Bayern

7,5 Tage

Saarland

6,2 Tage

*Quelle: "Süddeutsche Zeitung" nach Daten der Landesbehörden und des Robert-Koch-Instituts; Stand: 2. April 2020, 16 Uhr

Dürfen die Bremer also früher ihre ersten Schritte in Richtung Normalität machen als die Saarländer? Theoretisch ist das denkbar, entscheiden muss die Politik. Und die muss neben den Folgen für das Gesundheitssystem auch weitere Konsequenzen mitdenken: Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Gesellschaft zum Beispiel. (Lesen Sie dazu beim stern: "Wann ist der Ausnahme-Wahnsinn wieder vorbei? Kommt darauf an, wen man fragt").

Dass die Diskussion über eine Lockerung der Regeln in bestimmten Regionen kommen wird, zeigte schon die telefonische Pressekonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Hamburgs Erstem Bürgermeister Peter Tschentscher nach der Schaltkonferenz der Regierungschefs am Mittwoch.

Wie die Politik mit dieser Frage umgehen wird, wurde ebenfalls deutlich: Man sei sich einig, keinen regionalen Flickenteppich entstehen zu lassen, so Kanzlerin Merkel auf eine entsprechende Frage zum möglichen regionalen Lockerungen: "Wir haben ganz klar gesagt, wir wollen als Bundesrepublik Deutschland gemeinsam herausgehen und das richtet sich danach, dass die Situation überall so sein muss, dass das pandemische Geschehen vom Gesundheitssystem bewältigt werden kann."

Tschentscher stimmte der Kanzlerin zu: "Es ist wichtig, das einheitliche Vorgehen weiter als Strategie zu verfolgen", so der gelernte Labormediziner. Es herrsche eine hohe Dynamik. "Man kann nicht davon ausgehen, dass ein Land, das heute noch wenig betroffen ist, das auch in drei oder vier Wochen sein wird." Das Coronavirus kenne keine Ländergrenzen. "Wir müssen daher für ganz Deutschland sicherstellen, dass wir die Epidemie insgesamt ausreichend verlangsamt haben. Insellösungen helfen uns dabei nicht weiter", stellte der Hamburger Bürgermeister fest.

Ohnehin sei eine zu frühe Lockerung der Beschränkungen riskant, darauf wies neben vielen Wissenschaftlern zuletzt auch Merkel hin. "Wir müssen aufpassen, dass wir dann nicht vom Regen in die Traufe kommen." Sprich: Wenn sich Menschen wieder wie vor den neuen Regeln des Zusammen- oder besser Getrenntlebens begegnen, kann die Covid-19-Fallzahl wieder stark ansteigen – und die Verdopplungszeit sinken, mit entsprechenden Auswirkungen auf das Gesundheitssystem.

Neue Infektionsketten müssten dann schnell erkannt und isoliert werden. Gelänge das nicht, könnte alles wieder von vorne beginnen. Wohl auch deshalb richtete Merkel einen Appell an alle Bürger: "Bleiben Sie weiter stark!"


Quellen: Audio-Pressekonferenz bei Phoenix, "Der Spiegel", "Süddeutsche Zeitung", Fallzahlen Robert-Koch-Institut, Johns-Hopkins-Universität


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