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Fettleibigkeit: Ein dickes Problem

Den Transport in die Klinik muss die Feuerwehr übernehmen, OP-Tische tragen ihre Last nicht, eine korrekte Dosierung von Medikamenten ist schwierig: Die steigende Zahl fettleibiger Patienten stellt Ärzte und Kliniken vor große Herausforderungen. Nun beginnen die Krankenhäuser aufzurüsten.

Der Patient, der an diesem Morgen auf dem OP-Tisch der Uniklinik Hamburg-Eppendorf (UKE) liegt, wiegt 146 Kilo. Er ist bereits unter Narkose, als Chirurg Oliver Mann den Operationssaal betritt. In wenigen Minuten wird Mann, Spezialist für die Behandlung von Fettleibigkeit, ihn mithilfe der Schlüssellochchirurgie an Magen und Dünndarm operieren. Dazu wird zunächst eine winzige Kamera durch einen kleinen Schnitt in den gewölbten Leib des Patienten geschoben, die das Operationsfeld auf einen Monitor überträgt. Auf dem Weg in die Tiefe der Bauchhöhle ist sekundenlang nur gelblich weißes Fettgewebe zu sehen, bevor die blassrot schimmernde Leber erscheint. Darunter taucht, ebenfalls von Fett umwölbt, der Magen auf. "Bei einem Schlanken würde man jetzt auch die Milz in voller Schönheit sehen", erklärt Mann. "Hier kann ich sie nur erahnen und muss höllisch aufpassen, dass ich das empfindliche Organ nicht verletze." Konzentriert verfolgt er auf dem Monitor, wie er sich im Bauch des Patienten seinen Weg bahnt.

Mit einer filigranen Fasszange räumt er die gelblichen, wie klumpiger Vanillepudding aussehenden Massen beiseite. "Bei dem ganzen Fett", sagt der Chirurg, "sieht man die Gefahren nicht." Die Operation zeigt, wie sehr die Physiognomie stark übergewichtiger Patienten den Chirurgen die Arbeit erschwert. Rund die Hälfte aller Deutschen zwischen 18 und 79 Jahren ist nach Angaben des Statistischen Bundesamtes übergewichtig. Etwa neun Millionen bringen es auf einen Body-Mass-Index (BMI) von über 30, den Wert, den die Weltgesundheitsorganisation für Fettleibigkeit (Adipositas) definiert. Ärzte und Schwestern bekommen diese Entwicklung längst mit voller Wucht zu spüren: Banale Blutabnahmen scheitern, weil die Venen unter der dicken Fettschicht unauffindbar sind. Wunden entzünden sich, da das schlecht durchblutete Fettgewebe ein idealer Nährboden für Bakterien ist. Auf den Stationen bringen fettleibige Patienten Pfleger und Schwestern ins Schwitzen - Wenden und Umbetten geraten zur Herkulesaufgabe.

Sie war zu schwer für den Linienbus

Besonders brisant ist die Situation auf den Intensivstationen: Jeder dritte stark übergewichtige Intensivpatient stirbt, berichtete Elke Muhl, Oberärztin an der Chirurgischen Klinik Lübeck, jüngst auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Das hängt neben den genannten Komplikationen auch mit zahlreichen Folgeerkrankungen der Fettsucht zusammen wie etwa Bluthochdruck, Diabetes oder Stoffwechselstörungen. Schwierigkeiten bereiten zudem die Dosierung von Medikamenten und die künstliche Beatmung, da der Zugang zu den Luftwegen erschwert ist. Beatmungsschläuche sind oftmals zu kurz oder an den falschen Stellen gekrümmt. Zum Vergleich: Bei Normalgewichtigen stirbt jeder achte Intensivpatient. Krankenhäuser haben nun begonnen, ihre Ausstattung an die XXL-Maße ihrer Patienten anzupassen. Die Uniklinik Hamburg- Eppendorf etwa zieht im nächsten Jahr in einen Neubau um - und rüstet bei der Gelegenheit ihre Operationssäle auf: Sind herkömmliche OP-Tische nur für 150 Kilo zugelassen, verfügt das UKE künftig über 16 Tische mit einer Traglast von 250 Kilo. Einer von ihnen verkraftet sogar biszu 500 Kilo. "Damit sind wir in Zukunft für alle Fälle gerüstet", sagt Jacob Izbicki, Direktor der Chirurgie.

Andere Krankenhäuser, wie beispielsweise die Unikliniken in Lübeck oder Bochum, leasen für viel Geld OP-Tische und anderes Spezialgerät. Die Kosten müssen die Kliniken selbst aufbringen; sie werden von den Krankenkassen nicht erstattet. Mitunter macht die Not daher erfinderisch. Das Berufsgenossenschaftliche Klinikum Bergmannsheil in Bochum beispielsweise kooperiert in besonders schweren Fällen mit einer Tierklinik. Die Ärzte nutzen bei Bedarf den großen Computertomografen der Veterinäre, in den sonst Pferde und Kühe geschoben werden. Dabei ist das Klinikum ansonsten schon gut gerüstet: Die Palette reicht vom Luftkissenbett gegen das Wundliegen über den besonders stabilen Toilettenstuhl bis zum Tieflader für den Transport. Denn oft beginnen die Probleme schon mit der Anfahrt der voluminösen Patienten. Bei Oliver Mann erschien eine Frau zweimal nicht zum Operationstermin. Der Grund: Sie wog 270 Kilo und bewegte sich außerhalb ihrer Wohnung nur noch mit einem Elektromobil fort. Damit war sie zu schwer für den Linienbus, der sie zur Operation bringen sollte. Ein Spezialtransport der Feuerwehr musste her. Wie kompliziert die Anforderungen an Mensch und Material im Krankenhaus sein können, zeigt auch der Fall eines 35-jährigen Mannes.

Die Adipositas hat sich zur Pest dieses Jahrhunderts entwickelt

Er wurde mit einem Schienbeinbruch ins Bochumer Bergmannsheil verlegt, nachdem er bereits drei Wochen vergebens in einem anderen Haus behandelt worden war. Unter dem Gewicht des eigenen Beines war die Fraktur nach unten durchgeknickt. Das Bein war dadurch bereits deutlich verkürzt. Der Patient wog 290 Kilo - zu viel, um den Bruch stabil zu halten. Damit das Bein sofort wieder belastet werden konnte, ließ Markus Graf, Chirurg im Bergmannsheil, in der klinikeigenen Werkstatt einen sogenannten Ringfixateur herstellen. Der umschließt das gebrochene Bein wie ein Zylinder und gibt ihm den nötigen Halt. Die Behandlung hatte Erfolg. Es dauerte acht Monate - dann war der Mann geheilt. Rund 30.000 Euro kostete die Spezialbehandlung. "Ein vergleichbarer Bruch hätte bei einem normal gewichtigen Patienten höchstens 5.000 Euro gekostet", sagt Graf. Er räumt ein, dass viele Menschen den Sinn eines solchen Aufwandes anzweifeln. "Aber wenn man diese Patienten nicht rasch mobilisiert, werden sie nach kurzer Zeit an Kreislaufversagen oder Lungenentzündung sterben. Die Adipositas hat sich zur Pest dieses Jahrhunderts entwickelt, weil keiner rechtzeitig eingegriffen hat." Dafür könne man nicht allein die Patienten verantwortlich machen. gerade mit adipösen Menschen müsse man sehr behutsam umgehen.

Sie litten in der Klinik schnell unter dem Gefühl der Zurschaustellung, weil sie die vielen Leute nicht mehr gewohnt seien. Extrem Adipöse führen oft eine Art Schattenleben. Sie gehen nicht mehr auf die Straße, igeln sich in ihren Wohnungen ein. "Sie bewegen sich gerade mal vom Sessel bis zum Kühlschrank und zur Toilette", berichtet Graf. Sein Patient mit dem Beinbruch schien auf dem besten Weg zu mehr Beweglichkeit zu sein. 35 Kilo hatte er in der Klinik abgenommen. Zu Hause begann jedoch der alte Teufelskreis. Seine Freundin fütterte ihn, bis er wieder sein altes Gewicht erreicht hatte. "Prinzip Bienenkönigin" heißt dieses Verhalten im Ärztejargon - ähnlich wie Bienenköniginnen von ihren Arbeiterinnen, werden die Betroffenen von ihren Partnern in einer Tour mit Nahrung versorgt. Bald setzte der Mann keinen Fuß mehr vor die Tür. Fünf Monate nach seiner Entlassung passierte es: Der Sechs-Zentner- Kerl erlitt einen Herz-Kreislauf-Kollaps. Der Notarzt war sofort zur Stelle. Aber er schaffte es nicht, den Patienten mit dem enormen Brustumfang durch eine Herzmassage zu reanimieren. Der Mann starb in seiner Wohnung.

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