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Interview

Ernst Ulrich von Weizsäcker: "Beim Klimawandel führt unsere Jetzt-Besoffenheit in die Katastrophe"

Er ist Physiker und Biologe. Seine Biografie ist ebenso beeindruckend wie seine Familie: Ernst Ulrich von Weizsäcker kämpft seit Jahrzehnten für den Schutz der Erde. In "DR. v. HIRSCHHAUSENS STERN GESUND LEBEN" spricht er über Klimaschutz, Globalisierung und Enkel.

Von Eckart von Hirschhausen

Eckart von Hirschhausen und Ernst Ulrich von Weizsäcker beim Gespräch im Garten

Eckart von Hirschhausen und Ernst Ulrich von Weizsäcker beim Gespräch im Garten

Herr von Weizsäcker, hier in Südbaden leben Sie in einem Mehrgenerationenhaus, eben kam Ihr Enkel herein. Ich fragte mich: Mit welchen Nöten, mit welchen Fragen kommen Ihre Enkel zu Ihnen?

Das kann vieles sein, denn Großeltern genießen einen Vorteil: Sie haben nicht mehr so stark die Pflicht zu erziehen wie die Eltern. Die müssen bei sämtlichen Schwierigkeiten des Alltags und bei den Hausaufgaben helfen. Wir Großeltern können in vielen Situationen toleranter sein und den Blick weiter fassen.

Ich habe den Eindruck, dass besonders Großeltern uns Werte vermitteln können, auch ein Empfinden für Spiritualität, jedenfalls war das bei mir so. Ihr großes Lebensthema ist die Bewahrung unserer Erde für kommende Generationen. Ein brennendes Thema, aber die Sorge darüber scheint weit zurückzureichen, über Generationen und über viele Religionen hinweg.

Diese Einsicht mag alt sein, und doch leben unsere Kinder und Enkel in einer ganz anderen Zeit als die Menschen während aller vorherigen Epochen der menschlichen Geschichte. Herman Daly, lange Jahre ein führender Ökonom der Weltbank, sagt: Alle Religionen sind entstanden in einer leeren Welt. Die Menschen lebten verstreut, die Ozeane und die Urwälder blieben stets intakt. Der Anspruch "macht euch die Erde untertan" war gar nicht anstößig, denn die Natur war unermesslich groß und die Menschheit sehr klein. Eine solch leere Welt existierte bis etwa 1950. Ab dann gingen die menschengemachten Veränderungen durch Nahrung, Konsum und Mobilität raketenartig nach oben, die Kurve des CO₂-Ausstoßes wächst stetig. Damals lebten erst etwas über zwei Milliarden Menschen auf der Erde. Heute sind es siebeneinhalb Milliarden. Wir bewohnen nun eine volle Erde. Der Mensch hat sie sich untertan gemacht und ist zum wichtigsten Einflussfaktor für die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse geworden. In einer solchen Welt aber muss man anders leben und denken als in einer leeren Welt.

Wie machen Sie Ihren Anfang dazu, hier in Ihrem Mehrgenerationenhaus?

Wir üben uns in Vernunft. Zu drei Vierteln schaffen wir es auch. Wir haben ein Auto für fünf Führerscheine, wir ernähren uns vorwiegend von ökologisch angebauten Lebensmitteln, zu einem Teil aus unserem eigenen Garten – das ist ganz das Verdienst meiner Frau Christine. Wir fahren viel Bahn, dennoch gibt es auch Sünden, Flüge nach Kalifornien etwa oder nach China. Und auch solch ein Haus, in dem wir umweltfreundlich leben können, hat natürlich auch Geld und Natur gekostet. Ohne die Teilnahme am Wirtschaftsleben, ohne das Kapital dafür hätten wir ein solches Haus nicht. Mit einer reinen Anti-Besitz-Haltung geht das nicht. So oder so spielen wir mit im System.

Apropos Kapital. Wenn ich Geld so anlegen will, dass es zur Gesundung unserer Erde beiträgt, sollte ich Wald anpflanzen?

Gute Idee, aber Sie müssten das weise tun, damit es nicht in Land-Grabbing ausartet. So nennt man einen zerstörerischen Trend, etwa in Afrika, wo man Bäume auf Land pflanzt, das seit Menschengedenken von nomadischen Stämmen genutzt wird. So aber wird ihnen ihr Lebensraum genommen. Auf der vollen Erde müssen wir das Zusammenleben mit anderen und Landnutzung neu lernen. Beispiel China: Dort werden Fischteiche so mit normaler Landwirtschaft kombiniert, dass überschüssige Nährstoffe über Algen, Kleinlebewesen und Fische recycelt werden. Wobei diese Praxis schon
1000 Jahre alt ist!

Pardon, ich war gerade abgelenkt. Was sehen Sie
da oben? Einen Kranich?

Das ist ein Fischreiher ...

Sorry, ich bin Stadtkind. Könnte das ein Grund sein, warum uns gelinde gesagt die Klimakatastrophe am Arsch vorbeigeht? Viele von uns haben keinen sinnlichen Bezug mehr zur Natur, kennen kaum Tiere. Entsprechend fällt es auch nicht auf, wenn Arten verloren gehen oder dass es weniger Insekten gibt und Schmetterlinge. Vor 30 Jahren wäre hier in Ihrem Garten auch noch mehr gefleucht und um uns rumgeflattert.

Das ist nicht die Schuld der Klimaveränderung, sprich der Braunkohle, sondern der Landwirtschaft. Die industrielle Monokultur ist heute der schlimmste Umweltfeind, sie schädigt die Böden, das Grundwasser und ganz massiv die Biodiversität. Die Agrarlobby hat in jedem Land der Erde einen weit überproportionalen Einfluss. Als Gegenbewegung gibt es Leute, die Naturschutzgebiete durch Zukauf vergrößern. Aus verzweifeltem Idealismus.

Zurück zu China: Man könnte auch radikaler sagen, eine volle Erde lässt sich am besten durch weniger Menschen kurieren. Die Chinesen haben als einzige Nation eine Bevölkerungsreduktion aktiv herbeigeführt. Und ganz in diesem Sinne gibt es Extreme in der Ökologie-Bewegung, die sagen: Verzichtet auf Kinder, das heilt den Planeten!

Das sagt sich leichthin. Ich würde es so sicher nicht ausdrücken. Ich würde sagen, ein Land sollte darauf achten, dass es eine stabile und tendenziell langsam abnehmende Bevölkerungsentwicklung hat. Bauen wir zum Beispiel unsere Entwicklungshilfe so um, dass sie auch Anreize dafür schafft, den Wohlstand so zu teilen, dass kleinere Familien attraktiv sind. Bei uns haben wir das erreicht, durch bessere Gesundheitsversorgung und bessere Bildung. Entscheidend ist auch das Altersversorgungssystem, das beispielsweise in Afrika fast allerorten fehlt – tatsächlich ist es für eine junge Familie dort noch immer rational, viele Kinder zu bekommen, als familiäre Altersvorsorge.

Wir erklären uns den Erfolg unserer Demokratie und unseres Wirtschaftssystems gern mit den Früchten der Aufklärung, mit unserer Vernunft – wir sind rational, deshalb geht es uns gut. Sie fordern nun eine neue Aufklärung. Warum?

Der Rationalismus, der Utilitarismus und der bis in den extremen Egoismus reichende Individualismus entstanden doch in der leeren Welt. Letztlich gehen sie davon aus, dass die eine richtige Idee sich durchsetzt und ihre Opponenten besiegt werden müssen. Wahrheitssuche besteht im Westen darin, dass der eine recht hat und den anderen bezwingt. In der Politik gibt es den Dauerstreit zwischen Gerechtigkeit und Leistungsanreiz – zwischen Links und Rechts. Kann nur einer von ihnen recht haben? Nein, beide haben recht. Wenn wir über den Klimawandel sprechen, dann führt unsere Rechthaberei und Jetzt-Besoffenheit in die Katastrophe.

Jetzt-Besoffenheit. Ein sehr treffender Begriff!

Den habe ich gerade erfunden. Er drückt aus, was uns heute fehlt: eine Balance zwischen Langfrist und Kurzfrist. Zwischen Staat und Markt. Ein Staat, der alles bestimmt, zerstört die Freiheit. Ein Markt, der dem Staat befiehlt, was er zu tun hat, ist furchtbar – und zerstört die Demokratie und die Bereitschaft, sich gesellschaftlich zu engagieren. Seit den 1990er Jahren ist diese Balance verloren gegangen. Zuvor lag es im Interesse des Kapitals, sich mit dem Staat freundschaftlich zu arrangieren – weil er das Bollwerk gegen den Kommunismus war. Das ist vorüber, heute erleben wir eine Erpressung des Staates zugunsten einer immer höheren Kapitalrendite. Unter diesen Bedingungen ist es schwierig, Entscheidungen in Ruhe zugunsten der Natur der Zukunft zu treffen, weil faktisch immer der Schnellste gewinnt.

Das Haus der Weizsäckers nahe Freiburg

Im Haus der Weizsäckers nahe Freiburg leben drei Generationen unter einem Dach, genauer gesagt unter einem Sonnenkollektor: Ernst Ulrich und Christine von Weizsäcker, ihre Tochter mit Mann und deren drei Söhne.

Diese Kurzsichtigkeit kennen wir in Gesundheitsfragen genauso! Viele Menschen bewegen sich so lange nicht, bis sie nach ihrem ersten Herzinfarkt einsehen: "Aha, es stimmt also doch, was die Medizin sagt, eigentlich wusste ich ja auch, dass ich weniger essen und mich mehr bewegen muss." Wenn das Schicksal der Welt auf dem Spiel steht, wäre es tragisch, wenn unsere Einsicht derart zu spät kommt.

Als 1972 der erste Bericht des Club of Rome erschien, herrschte große Aufbruchstimmung. Die Diagnose war ja gestellt, nun könnte die Einsicht siegen! Aber seither ist die Welt insgesamt ökonomisch immer reicher, aber ökologisch dramatisch ärmer geworden. Und dabei stand das Thema Klima damals noch nicht einmal auf der Agenda. Artenschwund und Bodenzerstörung beginnen jetzt erst, auch in den Köpfen eine Realität zu werden. Und in dieser Situation kommt unser Appell für eine neue Aufklärung. Wir können aber nicht warten, bis siebeneinhalb Milliarden Menschen den Weg der Einsicht gegangen sind, sondern müssen bereits jetzt handeln.

Manche sagen, die Chance, dass wir das Jahr 2100 noch als Menschheit auf einer Erde, die uns tragen und ertragen kann, erleben werden, sei kleiner als 50 Prozent. Sind Sie optimistischer?

Ja. Ich bin optimistischer, aber das wird kein Selbstläufer. Es kommt jetzt auf die Gewinnung von Mitstreitern an und auf die Popularisierung von Gedanken, die langfristige Wirkung entfalten werden. Ich will mich nicht mit Immanuel Kant vergleichen, aufgefallen ist mir aber: Er war ein relativ friedlicher, stiller Zeitgenosse. Und doch hat sein Aufruf "sapere aude", getraue dich, dich deines Kopfes zu bedienen, echte Wirkung gezeigt.

Wenn in allen Religionen vor der zerstörerischen Kraft des "ungerechten Mammons" gewarnt wird, geht es nicht nur um Verstand, sondern auch um Gefühl. Wo ist Ihre Wut auf eine Ökonomie, die die Grundlage für die nächsten Generationen zerstört, der nichts mehr heilig ist und die nichts heil lässt? Jesus hat keinen Gesprächskreis mit den Händlern im Tempel gegründet, sondern sie vertrieben: Raus hier!

Wenn ich Vorträge halte, kommt es durchaus vor, dass ich anfange zu schimpfen.

Jetzt gerade wirken Sie auf mich eher altersmilde …

Ich finde auch Frechheit altersgemäß in Ordnung. Meinen Enkeln rate ich auch immer zu ein bisschen Aufmüpfigkeit, aber ich weiß auch, dass eine moderierende, Ausgleich und Balance suchende Strategie eben schlicht erfolgreicher sein kann.

Wie finden sich Mehrheiten? Heute gehen die Leute nicht mehr auf die Straße, Massenproteste und Petitionen erledigen sie per Klick im Netz. Ich glaube, die so arg "moderne" Digitalisierung hat kurioserweise das Thema Nachhaltigkeit gar nicht auf dem Schirm. Wenn das Internet ein Staat wäre, wäre er unter den fünf größten Energieschluckern der Welt, und das wird durch diese Blockchain-Dauerrechnerei noch schlimmer.

Kritik an dieser Art von Fortschritt ist tabu. Digitalisierungskritiker als Ewiggestrige zu diffamieren, ist weit verbreitet, aber völlig falsch. Hoffnung macht mir eine neue junge Generation, die merkt, dass sie angeschwindelt worden ist. Und eine neue Art von Investoren, die wirklich lernt, in die Zukunft statt in die Vergangenheit zu investieren und die nicht bloße Digitalisierung mit Zukunft verwechselt.

Was hoffen Sie, wird von Ihnen bleiben auf dieser Welt? Welcher Gedanke?
Ich hoffe, das Prinzip Balance. Auch einer Balance zwischen Gehirn und Herz.

Was tun Sie für Ihren Kopf, was fürs Herz? Beten Sie?

Mit unserer Tochter Paula singen wir immer "Danket dem Herrn".
Als Kanon?
Manchmal als Kanon, manchmal auch einstimmig, vor jedem Essen.
Wo schöpfen Sie Kraft?
Bei meinen Enkeln. Die drei hier im Haus sind ganz reizende Jungs, einer ist gerade in England. Auch die anderen, die woanders wohnen. Ich liebe sie alle sehr.

Hält Sie das jung? Sie machen auf mich für einen fast 80-Jährigen einen sehr engagierten Eindruck!

Als ich im Bundestag saß, war ich auch schon immer auf der Seite der Jungen, die Alten waren nicht so überzeugend. Aber ich war einmal zu jung. Im Alter von 36 wurde ich Universitätspräsident. Ich war unnachgiebig, besserwisserisch, streitsüchtig. Später im Leben habe ich mit mehr Umsicht geführt.

Welchen Rat geben Sie Ihren Enkeln – oder auch mir?
Bei Ihnen kann ich sagen: Machen Sie so weiter. Und für uns alle gilt: Wir sind dran!

Eckart von Hirschhausen

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