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DR. v. HIRSCHHAUSENS STERN GESUND LEBEN: Urlaub wie aus 1001 Nacht - meine Reise mit dem E-Bike durch Marokko

Unsere Autorin erklomm in Marokko über 2000 Meter hohe Pässe und schwitzte auf staubigen Pisten in der Wüste. Abends wurden die Akkus aufgeladen – das E-Bike bekam Strom, die Fahrerin köstliches Essen.

Von Nataly Bleuel

Ein zerfallenes marokkanisches Dorf, erbaut aus roten Lehmziegeln

Zwischenstopp: ein zerfallenes marokkanisches Dorf, erbaut aus roten Lehmziegeln

Wir rollen südlich der Lehmfestung AÏt Ben-Haddou die Straße entlang, Top-Asphalt, kaum Gefälle und bis zum Horizont .
Es ist noch Vormittag, trocken, milchig, mild. Es ist wunderschön. Spektakulär wird es jedoch erst am Abend – wenn die Sonne sich neigt und die bis zu 4000 Meter hohen Berge leuchten lässt. So lehmrot das Gestein, so hellgrün die Birken am Bach, so goldgelb die Walnussbaumblätter, und in den Tälern das Lachen von Kindern wie das Zwitschern der Vögel in den Orangenbäumen.

So spektakulär ist es gerade nicht. Ein Laster brettert vorbei, und ich sehe nur Sand und Steine. Trotzdem durchzuckt mich genau jetzt der Gedanke: Ewig könnte ich so weiterradeln mit diesem Schub, durch , Mauretanien, Mali, Afrika, die Welt! Nie hätte ich gedacht, dass ich mal zu diesen Spinnern gehören würde: weiße Wohlstandskinder, die auf hochgerüsteten Rädern, in meinem Fall eines mit Elektroantrieb, durch entlegene Weltgegenden gleiten wie Außerirdische.

Eben winkt mir am Straßenrand ein Mann mit weißem Turban zu, weil ich wie im Rausch den Imazighen, Berbern also, alten, jungen und jetzt kichernden Bewohnern Begrüßungen zurufe, auch in ihrer Sprache Tamazight: Azul, Salam, Bonjour! Es kommt immer etwas zurück. Die Kinder rennen auf die Straße, wenn ich durch ihre aus Lehm erbauten Dörfer rausche, und halten mir die Hände hin, damit ich sie abklatsche. Touch!

Diese geführte -Tour durch Marokko ist großartig. Das finden alle in der Gruppe: Birgit aus Leutkirch und Johanna aus München, beide Mitte 50; Arnulf, 60 und sportlich; der Schweizer Martin, ebenfalls kein junger Hupfer, aber leidenschaftlicher Bike-Techie. Mit einem Dutzend Leuten mittleren Alters radeln wir entspannt ausgewählte Strecken zwischen Bergen, Wüste und Meer ab. Dabei kommen wir dem Land und den Leuten nah. Und fühlen uns fit.

Und das mit dreifacher Unterstützung. Die eine heißt Mohammed. Er führt uns auf Deutsch über Land. Die zweite ist der Kleinbus, der uns, das Gepäck und die schweren Räder mit dem Akku- Ladegerät auf teils mehrstündigen Fahrten zu den ausgewählten Strecken der Rundtour bringt und abholt – zu köstlichem Essen, marokkanischen Eintöpfen oder Lammspießchen in prächtigen Riads, traditionelle marokkanische Häuser mit Innenhof, oder italienischer Pasta aus internationalen Küchen von palastartigen Hotels wie aus 1001 Nacht. Sie holen uns, wenn wir nicht mehr können – oder nicht mehr dürfen, weil es, viel zu früh, dunkel wird. Die dritte Unterstützung ist der Elektroantrieb. Bislang hatte ich E-Bikes naserümpfend als etwas für Alte angesehen, so wie Wanderstöcke. Doch es eröffnet mir Strecken, Steigungen und Gegenden, die ich mit einem Rad ohne Schub nicht im Traum angehen würde.

Schweiß, Sand und Serpentinen - Eindrücke einer unvergesslichen Reise
Oasen-Feeling: Viele Hotels bieten Erholung in einem Hamam, einem orientalischen Dampfbad.

Oasen-Feeling: Viele Hotels bieten Erholung in einem Hamam, einem orientalischen Dampfbad.


Martin, Fototäschchen am Funktionshosengürtel, erklärt das Ding eben mal. Wir fahren Pedelecs, ihr Impulsmotor unterstützt nur, wenn man in die Pedale tritt. Vier Antriebsstufen gibt es, für Gemütliche wie für Ehrgeizige: Eco, Tour, Sport, Turbo. Bei mehr als 25 Kilometern pro Stunde setzt der Motor aus. Schnittigere Modelle wie das S-Pedal-Electric-Cycle, deren Motor bis zu 45 km/h mithält, gelten als Kleinkraftrad, das in eine Zulassung braucht. Mehr als drei Millionen Elektroräder fahren mittlerweile auf deutschen Straßen. Hier in Marokko kennt sie kaum einer – außer der Outdoor-Verleih von Mohammed in Marrakesch. Alles in allem hat er gutes Zeug, sagt Martin mit Kennerblick auf Bosch-Motor, Shimano-Schaltung, Kalkhoff- oder Cannondale-Hersteller, ab 2500 Euro das Rad.

Zeit zum Luftholen. Wir stehen auf der Straße in Telouet neben einer Kasbah, also Festung, außen brüchig, innen prächtige Ornamente aus Gips, Zeder und Marmor. Das sanft abfallende Ounila-Tal ist Allah sei Dank nicht so befahren wie der einstige Karawanen- Tizi n’ Tichka, den wir bis auf 2260 Meter hochkurvten, Serpentinen mit Lastern voller Kühe, Schilf oder Schutt. Der König von Marokko lässt Straßen bauen – für die Touristen vor allem, sagt Mohammed, er selbst ist Berber aus einem Bergdorf.

Ich trete in die Pedale und spüre den Schub, der die Beinkraft verstärkt. Sanft und leicht, wie auf einem Rollband am Flughafen. Wir rollen bergab durch das Tal, über eine einwandfreie leere Straße, nur alle paar Minuten mal ein Auto oder ein Maultier.
Wir seien so schnell wie trainierte Rennradfahrer, behaupten die Experten unserer Gruppe und tippen auf ihre Tachos: Für die 43,8 Kilometer bis zum Hotel brauchen wir dennoch etwas mehr als zweieinhalb Stunden – weil wir dauernd anhalten, um die spektakulären Ausblicke zu fotografieren. Im Innenhof des Hotels werden wir mit Minztee, Vogelgezwitscher und Oasen-Feeling empfangen. Im Hamam lassen wir uns Schweiß und Sand abwaschen. Und fallen dann nach einem Glas Rotwein in einen tiefen Schlaf.


Am Morgen in der 500 Jahre alten, teils bewohnten Festung AÏt Ben-Haddou, unterhalten wir uns mit dem Maler und Musiker Aziz. Der 23-Jährige – Rehaugen, geschmückter Turban – verkauft Aquarelle mit Kamelen an Touristen. Was war das Verrückteste, das er hier erlebt hat, frage ich. Der Dreh von "Gladiator" mit Russell Crowe neben der Kasbah? Die Wüstenmarathonläufer, die in knallbunten Fummeln die Treppchen hochjoggen? Oder Spinner auf Rädern so wie wir? Aziz lächelt. Sie haben hier schon allerhand zu sehen bekommen. Marokko lebt vom Tourismus und diese Region um Ouarzazate auch vom Film. Am tiefsten eingeprägt habe sich ihm eine Gruppe europäischer Mädchen, mit denen er oben auf der Kasbah mal eine halbe Nacht lang getanzt und musiziert habe, sagt Aziz versonnen. Und sich verguckt? Er lächelt. Schon eine marokkanische Frau zu bekommen sei schwer für einen armen Schlucker wie ihn.

Hinschauen, nicht wegschauen

Die Menschen im Atlas sind viel zugewandter, als viele in Deutschland meinen. Ob wir in Marokko nicht betatscht, beklaut und zum Kauf gedrängt würden, hatte man sich zu Hause gesorgt. Und im Flugzeug hatte eine Golferin gesagt, sie verlasse ihr Resort ungern, denn sie könne das Elend draußen nicht ertragen. Ist das nur zynisch? Oder bin ich naiv? Von marokkanischen Journalistenkollegen weiß ich, dass Kritik am superreichen und angeblich so modernen König, an Allah, der Korruption oder der Besetzung der Westsahara seit 1975 äußerst undemokratische Folgen wie Gefängnisstrafen haben kann. Ich als Touristin und Frau aus dem Westen hatte bislang bei keiner meiner Reisen in Marokko Probleme. Ich glaube, Reisen ist Kommunikation – und dass Menschen instinktiv spüren, mit welchen Vorurteilen und Ängsten ich auf sie zugehe.

Aziz holt seine Gitarre und beginnt, ein Berberlied zu singen. Mein Blick wandert über seine Bilder, die Kamele und die Palmen. Daheim, denke ich, streite ich dafür, Marokko nicht als sicheres Herkunftsland einzustufen. Und hier lasse ich mich blenden von der schönen Kulisse? Aber die Lösung kann nicht wegschauen sein – sondern so nah wie möglich herankommen. Und dafür erscheint mir ein E-Bike viel besser geeignet als ein Golf-Resort. Schließlich kaufe ich dem Mann gleich zwei seiner Bildchen ab. Und lege, statt zu handeln, noch was drauf.

"Ich trete los. Spüre die Verstärkung, schwebe, trete fester"

Am nächsten Nachmittag wollen wir einen Pass hinaufradeln. Von der Hauptstraße in AÏt Mannsour rüber nach Tighdouine, 560 Meter hoch, 700 Meter runter, 18,2 Kilometer. Als ich aufs Rad steige und zu unserem Etappenziel blicke, einen Kamm zwischen den Gipfeln, muss ich den Kopf in den Nacken legen, so steil geht es nach oben. Ohne Elektro-Anschub würde ich mich nach der ersten Kurve vor Anstrengung und Abneigung übergeben. Aber hier trete ich los. Spüre die Verstärkung, schwebe, trete fester. Der Ehrgeiz packt mich, und wieder rufe ich den verdutzten Bergbewohnern, die ich auf der Straße überhole, zu: Bonjour, Salam, Azul! Die Kinder klatschen: Bravo!

Ich bitte unseren Bergführer Mohammed, den Dorfältesten zu stecken, dass wir keine normalen Räder fahren. Die Leute sollen ja nicht denken, wir hätten übermenschliche Kräfte. Weiße Götter hoch zu Ross mit Feuer unterm Arsch. Mohammed nickt. Ich glaube ihm nicht. Dafür grinst er zu stolz.

Wie Birgit, als wir alle nacheinander auf dem Kamm eintrudeln. Mit dem Blick in ein Tal, das sich lehmrot, hellgrün, nussgolden erstreckt. Eine silbern schimmernde Asphaltstraße schlängelt sich hindurch – für uns und ein paar Hühner. "Irre, nach so einer Steigung kommsch mit einem Lächeln oben an!", sagt Birgit mit schwäbischem Schlag, und Johanna tätschelt ihr Rad und spricht von "Glücksgefühlen".

Ein paar Minuten stehen wir andächtig auf den Schultern des Atlas, dann rauscht Martin hinunter auf der silbernen Spur, 18 Prozent Gefälle, ins Abendlicht hinein. Ich ihm nach, Azul, Salam, Bonsoir! In den Tagen darauf habe ich nicht mal Muskelkater. Sind halt doch übermenschliche Kräfte.



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