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Radikale Maßnahme: Schulschließungen wegen Coronavirus: Vor diesen Folgen warnt Virologe Christian Drosten

Immer mehr Bundesländer machen Kitas und Schulen dicht. Eine effektive Maßnahme, die jedoch nicht ohne Folgen bleiben wird, meint Virologe Christian Drosten. Vor allem für den ohnehin unter Druck stehenden medizinischen Bereich könnten Schulschließungen eine Belastung werden.

Wegen des Coronavirus bleiben viele Schulen und Kitas geschlossen

Das Saarland ist vorangegangen, Bayern, Berlin und Niedersachsen haben inzwischen nachgezogen: Wegen des sich ausbreitenden Coronavirus beschließen immer mehr Bundesländer, Schulen und Kitas zu schließen. Weitere Bundesländer werden wahrscheinlich nachziehen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte am Abend gefordert, Menschen sollten wenn möglich Sozialkontakte verzichten. Eine Option dafür sei die vorübergehende Schließung von Kindergärten und Schulen etwa durch das Vorziehen der Osterferien.

"Insellösungen verbieten sich"

Dass jedes Bundesland im Falle der Kita- und Schulschließungen eine eigene Lösung durchsetz, hält Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, jedoch für fatal. "Bei einer so wichtigen Frage verbieten sich Insellösungen", sagte er gegenüber dem Bayerischen Rundfunk. "Wenn es richtig ist, dass wir alle in einem Land und in einer Welt leben, dann kann es nicht sein, dass hier die Schulen geschlossen werden und einen Kilometer weiter nicht." Schulschließungen seien generell eine "Riesen-Herausforderung" für die Eltern und Schüler, führte er weiter aus.

Ähnlich sieht es auch Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin. Die Maßnahme sei wirkungsvoll, erklärt er in seinem aktuellen Podcast, vor allem wenn sie mit generellen Veranstaltungsstopps kombiniert werden. Durch Schulschließungen ergeben sich jedoch unterschiedliche Effekte, die gegeneinander spielen: "Wir wollen alle, dass sich die Infektionswelle abflacht und in die Länge zieht. Wir wollen andererseits aber die Arbeitskraft im Land nicht schädigen. Das ist hier der Kompromiss."

Kitaschließungen bergen großes Risiko

Durch eilig beschlossene Kita- und Schulschließungen ergeben sich auch neue Risiken: "Viele Eltern sind dann betroffen und können nicht zur Arbeit gehen. Gerade in den wichtigsten Bereichen der Medizin - auf der Intensivstation, der Kindermedizin, bei der Neonatologie, im Ambulanzbereich - haben wir einen erheblichen Frauenüberschuss. Und das sind vielfach junge Frauen. Die haben als Mütter häufig keine Wahl. Wenn die Kitabetreuung wegfällt, können die nicht zur Arbeit gehen. Da hätten wir also einen großen Folgeschaden angerichtet, wenn wir einfach so von heute auf morgen Kitas schließen würden - ohne weitere Bestimmungen oder ohne weitere Maßnahmen." Deshalb dürfe man nicht von heute auf morgen ohne weitere Maßnahmen Kitas schließen, ist Drosten überzeugt.

Drosten hält bei den Maßnahmen eine Unterscheidung zwischen Schulen und Kitas für angebracht. "Bei älteren Jahrgängen nach der Grundschule bekommen Eltern das möglicherweise besser organisiert, dass sie nicht zuhause bleiben müssen. Im Kindergarten- und Grundschulbereich ist das nicht so einfach, da schlägt eine Schließung eher zu Buche."

Mit einer kurzen Handwäsche erreicht man gar nicht alle wichtige Stellen.

"Bleibt besser zu Hause"

Drosten hat auch einen Lösungsvorschlag für dieses Dilemma parat: "Ich könnte mir vorstellen, dass man Kitas eben nicht schließt, aber denen gerade eine Personalverstärkung gibt. Wir reden ja über eine Zeit von jetzt bis Osterferien." Denn allen sei klar, dass man jetzt handeln müsse. Schließe man die Einrichtungen bis einschließlich der Osterferien, sei seiner Ansicht nach schon viel gewonnen. "In dieser Zeit könnte man überlegen, ob man versucht, in diesem Intensivbetreuungsbereich, wo wirklich die Betreuung sein muss, weil sonst viele Bereiche des Arbeitslebens gerade auch in der Medizin zusammenbrechen, ob man da Hilfe leistet und dann aber doch für die Verlangsamung der Ausbreitung sagt: Die Schulen ab einem bestimmten Jahrgang werden geschlossen."

In seinem Podcast "Das Coronavirus-Update" wiederholt auch er Merkels Forderung, soziale Kontakt so weit wie möglich einzuschränken. "In der aktuellen Situation sage ich eindeutig: Bleibt besser zu Hause. Trefft euch im kleinen Kreis und schaut euch eine Serie an. Geht nicht in Clubs, nicht auf Partys. Kein enger Kontakt mit vielen, vielen Leuten. Es ist natürlich auch eine Sache, wo jeder in seinem Privatleben drüber nachdenken muss.

cf

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