Vogelgrippe "Schwarzer Peter"-Spiele auf Rügen


Horst Seehofer hat den Behörden auf Rügen erneut mangelndes Krisenmanagement vorgeworfen. "Wir auf der Insel haben das im Griff", sagen Feuerwehrleute vor Ort und schieben den Schwarzen Peter nach Schwerin.

Während sich die Zahl der an der Vogelgrippe auf der Ostseeinsel Rügen verendeten Vögel auf 41 erhöht hat, ist die Sache für die Feuerwehrleute vor Ort klar: "Wir auf der Insel haben das im Griff. Die Querschüsse kommen vom Festland", sagen die Männer mit dem bedächtigen norddeutschen Tonfall.

Mit dem Festland meinen sie die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern. Und sie haben auch eine Erklärung, warum Landwirtschaftsminister Till Backhaus von der SPD und PDS-Landrätin Kerstin Kassner darüber streiten, wer am viel kritisierten Krisenmanagement der ersten Tage nach Bestätigung der Tierseuche Schuld ist: "Der Kreis ist PDS, das Land ist SPD." Den Einwand, dass PDS-Minister in Schwerin mit Sozialdemokraten im Kabinett sitzen, wischen sie vom Tisch: "Die beharken sich doch auch."

Inmitten der Auseinandersetzung zwischen Land und Landkreis besucht an diesem nasskalten Samstagvormittag Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer die Wittower Fähre, in deren Umkreis vor allem Schwäne an dem auch für Menschen gefährlichen H5N1-Erreger verendet sind. Mehrere hundert tote Tiere hätten noch Tage nach Bestätigung des Vogelgrippeverdachts auf dem Eis gelegen, übt Backhaus Kritik an den örtlichen Kräften. Ähnlich hatte sich am Vortag Seehofer geäußert.

Landträtin: Haben die Lage jetzt im Griff

Die Tierseuche habe ihre Verwaltung unvorbereitet getroffen, räumt die in Beschuss geratene Landrätin ein. Es habe anfangs nicht genügend Schutzanzüge und Personal gegeben, die verendeten Vögel zu bergen. Mittlerweile sind laut Kassner aber 76 Personen im Einsatz, die rund um die Fähre mehrere hundert Tiere eingesammelt und bis zu 350 beim Friedrich-Loeffler-Institut in Riems abgeliefert hätten. "Jetzt haben wir die Lage im Griff", versichert die Landrätin. Backhaus hält sich mit seinem Ärger über das Krisenmanagement des Kreises weiter nicht zurück: "Wir haben kein Regelungsdefizit, wir haben ein Umsetzungsdefizit."

Seehofer will sich am Ostseestrand dagegen nicht zum Streit zwischen Backhaus und Kassner äußern. Er wolle sich informieren und werde dann seine Schlussfolgerungen ziehen, beschwichtigt er. Es seien jetzt konsequente Schritte notwendig, um ein Übergreifen der Vogelgrippe auf Haus- und Nutztiere zu verhindern. Dazu gehöre neben der Stallpflicht auch die Absperrung der Fundorte toter Vögel. "Konsequenz und Besonnenheit sind das Beste", mahnt der Gast aus Berlin.

Ausbreitung der Seuche befürchtet

So wie der Minister will auch der Virologe Thomas Mettenleiter den Politikerstreit in Mecklenburg-Vorpommern nicht kommentieren. "Schnellstmögliches Handeln" sei notwendig, fordert der Präsident des bundeseigenen Friedrich-Loeffler-Instituts. Seine Einrichtung leistet im Augenblick Schwerstarbeit. Vier Wissenschaftler und eben so viele technische Assistentinnen untersuchen unter Hochdruck die Proben verendeter Kadaver auf das tödliche H5N1-Virus. 250 bis 350 Vogelkadaver seien bei dem Institut abgeliefert worden. Am Vortag seien 90 Tiere untersucht worden, Ergebnisse teilten jedoch weder Mettenleiter noch seine Sprecherin mit.

Mettenleiter ist sich aber ziemlich sicher, dass es nicht bei den bisherigen Fällen bleiben wird. "Für den Virologen schwer vorstellbar" sei der Gedanke, dass nicht bald auch aus anderen Regionen Fälle von Vogelgrippe gemeldet würden.

Auch von der beliebten Ferieninsel Rügen könnten möglicher Weise weitere Fälle gemeldet werden. "An guten Tagen haben wir hier bis zu 100.000 Wasservögel", berichtet Backhaus seinem aus Berlin angereisten Kollegen Seehofer. Feuerwehrleute berichten, viele der Tiere seien nach dem langen und harten Winter entkräftet, weil sie nicht genügend Futter gefunden hätten. "Sie können nicht mehr fliegen und schaffen es auch nicht aufs Land." Auch während sich die von einem Pulk Kamerateams eingekreisten Lokal-, Landes- und Bundespolitiker ein Bild von der Lage machen, verendet auf dem Eis bereits erneut ein Schwan.

Reuters Reuters

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker