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"Team Wallraff" in der Sicherheitsbranche: "Was auf die Fresse"

Sicherheitsrisiko Security? Das "Team Wallraff" deckte zig Skandale in der Sicherheitsbranche auf: Körperverletzung, Fremdenfeindlichkeit, schlechte Bezahlung. Ein Einblick, der wütend macht.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Knie im Rücken, Knie im Gesicht. So erging es einem Mann, der auf dem Münchner Oktoberfest mit seinem Handy eine Szene filmen wollte, in der zu sehen ist, wie Sicherheitsleute einen Besucher attackieren. Doch schon in der nächsten Sekunde wurde er selbst zu Boden gedrückt, fast eine halbe Stunde lang, die Hände auf dem Rücken, in Handschellen. Brutalität, wie sie, und das werden weitere Recherchen der RTL-Reihe "Reporter Undercover" zeigen, keine Seltenheit ist. Wieder sind es also Günter Wallraff und sein Team, die Missstände wie diese aufdecken. Nach den skandalösen Hygienemängeln bei Burger King und den katastrophalen Zuständen in Altenheimen wurde am Montagabend in der dritten und vorerst letzten Folge gezeigt, dass auch in der Sicherheitsbranche verdammt viel im Argen liegt. Man könnte es, folgt man den Erkenntnissen des TV-Beitrags, auch so sagen: Diejenigen, die Sicherheit geben sollen, können unter Umständen eine – sogar tödliche - Gefahr für andere sein.

250.000 arbeiten in der Sicherheitsbranche

Bestes Beispiel: Auch absolute Laien bekommen nach einem dreitägigen Crashkurs die Erlaubnis, als Geldboten Waffen zu tragen. Zu bestehen ist lediglich ein Test, die Antworten auf die Fragen lassen sich laut des Undercover-Reporters leicht auswendig lernen. Nach der Mini-Schulung gesteht der Reporter, dass er sich auf keinen Fall so vorbereitet fühle, dass er mit Waffen umgehen könne. Ein anderer Kursteilnehmer ballert so unbedarft auf die Schießwand, dass man Sorge haben muss, ein Umstehender könnte mal eben, "aus Versehen", eine Kugel abkriegen. "Der ist eine Gefahr für sich und andere", kommentiert der Reporter.

Sicherheitsrisiko Security? Rund 250.000 Menschen in Deutschland arbeiten in der Sicherheitsbranche. Hinweise auf Missstände bekam Wallraff durch mehrfache Zuschriften von Angestellten aus der Branche selbst. "Acht Monate haben wir dann in der Sicherheitsbranche recherchiert", berichtet Wallraff. Unter anderem sei dabei aufgefallen, dass "Mitarbeiter ihren Frust an anderen ausgelassen haben". Grund für Frust gibt es reichlich, das bestätigt auch Branchenkenner Reza: "Die Bezahlung wird immer schlechter und schlechter, sieben bis acht Euro. Ich würde mir für das Geld keine auf die Nase geben lassen." Denn dass Security-Mitarbeiter beispielsweise von – meist alkoholisierten – Oktoberfestgästen angepöbelt würden, sei keine Ausnahme.

Fehlende professionelle Schulungen

Auch RTL-Reporter Daniel, der sich verdeckt eingeschleust hat, berichtet nach seinen ersten Tagen als Security-Mitarbeiter: "Ich wurde von Gästen wie ein Fußabtreter und das letzte Arschloch behandelt." Kaum verwunderlich sein nächstes Bekenntnis: "Mein eigener Ton wird härter, man wird ein anderer dadurch." Das weiß auch Security-Mitarbeiter Reza: "Irgendwann kann man die Spuckereien und Schubsereien nicht mehr hinnehmen. Und dann reagierst du über." Und auch hier, so zeigt es das Wallraff-Team, von professioneller Schulung vorab keine Spur. Nach fünf Tagen Seminar wurden die Anwärter, die meist keinerlei Vorerfahrung haben, vor Ort eingesetzt. "Überfordert sind die", bestätigt auch Deeskalationsexperte Dirk Heinrichs. Auf Nachfrage des Teams Wallraff widerspricht der Sprecher der Wiesn-Sicherheitsleute. Es würden auf keinen Fall unqualifizierte Leute eingestellt. Jedoch räumt er ein, dass manche Sicherheitskräfte manchmal überreagieren würden. Das zeigen auch weitere mit einer versteckten Kamera gefilmte Aufnahmen, in denen ein Security-Mitarbeiter den Kopf eines Wiesn-Besuchers mehrfach gegen eine Bierzeltwand drückt.

Opfer kommen mit Opfern zusammen

Nächster Schauplatz: Ein Flüchtlingsheim am Rande von Hamburg. Auch hier hat sich bei einigen Wachmännern so viel Frust aufgestaut, dass der unbedingt raus muss. Manche arbeiten 270 Stunden im Monat, um auf ihr Geld zu kommen. Das sind 13 bis 15 Stunden täglich ohne Pause. Drohungen der Chefs sollen hier, so hat das Wallraff-Team ermittelt, an der Tagesordnung sein, die Angst vor Arbeitsplatzverlust sei groß. Die Leidtragenden sind auch die Flüchtlinge, auf die sich der Druck entlädt. Ein Wachmann sagt beispielsweise, er wolle nicht mal "deren Klamotten anfassen". Ein anderer tönt: "Wenn mich einer von denen anfasst, gibt es im Rahmen der Notwehr was auf die Fresse." Und ein dritter macht keinen Hehl aus seiner Gesinnung: "Wenn du linksgerichtet bist, ein halbes Jahr später bist Du rechts, wenn du hier arbeitest." Wallraff zeigt sich schockiert: "Mit dieser massiven Fremdenfeindlichkeit hatte ich nicht gerechnet. Hier sind Opfer mit Opfern zusammen. Was das mit Menschen macht."

Wallraff will als Mediator auftreten

Ist Sicherheit überhaupt etwas wert? Diese Frage stellt sich zwangsläufig, denn auch das nächste Beispiel der Undercover-Recherche zeigt, dass die Bezahlung in der Sicherheitsbranche miserabel ist: Die Bewacher eines Jobcenters in Frankfurt müssen ihren eigenen Lohn sogar mit Hartz IV aufstocken. "Die Bewacher des Jobcenters sind gleichzeitig die Kunden des Jobcenters", fasst es Wallraff zusammen und befindet, dieser Zustand sei absurd und müsse abgestellt werden. Dass er was bewegen kann, hat der 71-jährige Enthüllungsjournalist längst bewiesen. Und so wird er auch dieses Mal alle Hebel ansetzen. Er wolle als Mediator auftreten, Behörden einbeziehen und den Firmen Gesprächsangebote machen. "Damit sich in der Branche was bewegt im Sinne der Mitarbeiter, aber auch unser aller Sicherheit", so Wallraff. Von einem Generalangriff aber kann nicht die Rede sein. Wallraff wolle, wie er wissen ließ, nicht pauschal alle Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten durch den Dreck ziehen.

  • Sylvie-Sophie Schindler