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"Anne Will" Was bringt diese Talkshow eigentlich noch?

Die Talkrunde von Anne Will 
Die Talkrunde von Anne Will endete mal wieder ohne Erkenntnisgewinn 
© NDR/Wolfgang Borrs
Ist die Große Koalition überhaupt noch arbeitsfähig? Und wie lange macht sie es noch? Um diese Fragen sollte es bei Anne Will gehen. Doch Antworten hörte man keine. Stattdessen sah man Gäste, die genauso visionslos sind wie die Groko. 
Von Sylvie-Sophie Schindler

Wird die Große Koalition noch zwei Jahre halten? So die letzte Frage. Und man ist froh, so unendlich froh, dass die letzte Frage endlich gestellt und ein Polit-Talk vorbei ist, der leider - und mal wieder - keinerlei Erkenntnisgewinn brachte.

Man würde sich von Anne Will & Co mal ein selbstkritisches Thema wünschen wie "Was bringt meine eigene Talkshow eigentlich noch?". Schon allein angesichts der parallel im Internet laufenden Diskussionen mit Kommentaren wie "Man kann sich für so eine Sendung nur noch schämen." Oder hat man vielleicht irgendwas nicht kapiert, wenn man sich von einem Talk bei "Anne Will" überhaupt noch was erhofft?  Das wenig ergiebige Thema hieß "Die Führungsfrage – wissen CDU und SPD noch, wo sie hinwollen?" Die Gäste in alphabetischer Reihenfolge:

Kristina Dunz, Stellvertretende Leiterin des Parlamentsbüros der "Rheinischen Post"

Kevin Kühnert (SPD), Bundesvorsitzender der Jusos

Gabor Steingart, Journalist und Autor

Marina Weisband, Autorin und politische Aktivistin

Paul Ziemiak (CDU), Generalsekretär

Innerparteiliche Debatten und Richtungskämpfe

Also:Wie arbeitsfähig ist die Große Koalition eigentlich? Das fragt man sich nach den Wahlergebnissen in Thüringen mehr denn je. Sowohl SPD als auch CDU, letztere nun verstärkt, führten und führen innerparteiliche Debatten und Richtungskämpfe. Kein Wunder, dass die Regierungsarbeit darunter leidet. Eben erst wurde das für den heutigen Montag angesetzte GroKo-Spitzentreffen zur Grundrente, über die seit Monaten schon verhandelt wird, abgesagt. Wegen, wie die Union mitteilte, noch offener Punkte.

Nächster Termin soll der 10. November sein. Um mit Herbert Grönemeyer zu fragen: Was soll das? Oder an Talkgast Kristina Dunz orientiert: Geht das nicht schneller? Zudem unkte die Journalistin: "Wenn sich diese Große Koalition allen Ernstes an der Frage der Grundrente zerlegt, hat sie es nicht besser verdient." Ohnehin seien die Startbedingungen durch die damalige Ankündigung der Kanzlerin schon alles andere als optimal gewesen: "Niemand ihrer Vorgänger hat zu Beginn der Wahlperiode gesagt, ich höre zum Ende der Wahlperiode auf."

Was kommt denn schon groß von der SPD?

Und was sagten denn nun Kevin Kühnert und Paul Ziemiak? Kühnert möchte mehr von der Kanzlerin hören – "Warum sagt die nichts?" – und kritisierte: "Wir können uns diese Führungs - und Orientierungslosigkeit nicht leisten, gerade in Zeiten wo Rechtspopulisten so stark werden." Seine Partei würde der CDU immer Bälle zuspielen, aber kein einziger Ball würde zurückspringen. Es sei "nichts zu machen mit der Union". Dabei wolle man endlich Sachen wie den "HartzIV-Blödsinn" hinter sich lassen. Paul Ziemiak wunderte sich hingegen über derlei Aussagen. Was komme denn schon groß von der SPD, wenn dann höchstens Ideen aus der Mottenkiste wie Vermögens- und  Erbschaftssteuer. Zudem habe die SPD nun wahrlich genug eigene Probleme.

Innenpolitischer Streit wandert bis nach Ankara

Wie es um den Zustand der Koalition bestellt ist, konnte man bereits vor wenigen Tagen sehen: CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer preschte mit einem unabgestimmten Plan einer sogenannten Schutzzone in Syrien vor. Sie informierte Außenminister Heiko Maas lediglich via SMS über ihr Vorhaben - ohne ins Detail zu gehen. Das habe, wie Maas später erklärte das Ansehen der Außenpolitik Deutschlands beschädigt. Er selbst wiederum trug den innenpolitischen Streit bis nach Ankara. Letztlich geht es auch um eine Vertrauensbasis. Und die fehle, wie Gabor Steingart feststellte. Ja, es sei weit gekommen, so Kühnert, "wenn man sich nicht traut, im Eins zu Eins Gespräch die Karten auf den Tisch zu legen".

Ohne Visionen in die Zukunft 

Und was ist mit der Zukunft, denkt da überhaupt jemand dran? Über die Kanzlerin sagte Steingart: "Sie hat keine Idee von der Zukunft." Dabei müsse, wer Politik macht, eine Vorstellung davon haben, wo das Land in zehn Jahren sein soll. Stattdessen kommen man "über die Runden". Hört man Ziemiak zu, der selbst das parteiinterne Motzen beklagt, so ist da auch nichts zu holen. Auch seine Groko-Prognose ist düster. Er habe "wenig Hoffnung, dass ein Zukunftsplan für die nächsten Dekaden entwickelt wird". Marina Weisband hingegen entwarf einen Fahrplan, wohin es gehen könnte. Und verwies auf das, was jetzt in den Blick genommen werden müsste.

Denn: Das Führungsproblem sei nicht das dringendste in der CDU. Stattdessen gehe es darum, endlich Antworten zu finden auf die Fragen der Menschen. "Viele Dinge laufen schief, das spüren die Leute", so Weisband. "Wenn wir nicht über Themen sprechen, über die wir dringend sprechen müssen, dann fallen die Menschen auf Rechtpopulisten rein." Nur zu beklagen, die AfD sei schuld, helfe nicht weiter. "Wir müssen Antworten entwickeln, die die Antworten der AfD obsolet machen." Wesentlich sei außerdem, ein gemeinsames Menschenbild zu entwerfen. Fragen wie "Was ist Familie", "Was ist Würde?" müssten geklärt werden. Und "wir brauchen Menschen die in anderen Bahnen denken."

Siehe da: jemand mit Visionen. Als Weisband sprach, da war er wenigstens, der einzige Lichtblick, den diese Sendung zu bieten hatte. Und etwas, das nach der ersehnten Zukunft klang.


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