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20 Jahre 'Geil': 1985: Deutschland ist geil

Das Wort des Anstoßes hätte sich auch ohne die Hilfe zweier Engländer durchgesetzt. Doch dank Bruce & Bongos Spaß-Liedchen war vor 20 Jahren plötzlich ein ganzes Land geil. Ein Wortporträt.

Von Niels Kruse

Heute ist nur noch Geiz geil. Vor 20 Jahren war das anders - da war alles geil. Und jeder. Wie etwa Michael Gorbatschow, der 1985 zum KPdSU-Chef gekürt wurde und den Kalten Krieg aufzutauen begann. Auch das Fernsehen wagte was: Sat1 etwa seinen Senderstart und die ARD die "Lindenstraße". Nicht zu vergessen, im Sommer, Boris Beckers erster Wimbledon-Sieg.

Zwei in Deutschland lebende Engländer namens Bruce & Bongo gossen am 13. Dezember 1985 die Stimmung des Landes in einen einfach modelliertes Melodiegefäß und nannten es schlicht und ergreifend: 'Geil'.

Der DJ war geil, Affen waren geil, er, sie, es waren es, und der Bobbele natürlich auch - "everybody's geil" eben. Die Single wurde ein halbes Jahr später zu einem Nummer-Eins-Hit in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Es gab sogar eine dänische Version, die lief aber nicht so gut. Insgesamt wechselten 500.000 Platten im schlichten Schwarz-weiß-Cover die Besitzer.

"Es war ein Freitag als wir auf die Idee zu dem Song gekommen sind", erinnert sich "Bongo" Douglas Wilgrove jetzt, 20 Jahre später gegenüber stern.de. "Freitag, der 13. und alle sagten: Uh, ein Unglückstag." Wilgrove, der nach seiner Militärzeit in Berlin hängen geblieben, und des Deutschen nicht ganz mächtig war, hatte keine Ahnung welchen Sinn das Wort hatte. "Das Auto ist geil, die Oma ist geil - es gab so viele unterschiedliche Bedeutungen und wir wussten nur, dass es jeder sagte", so Wilgrove.

Aber nicht jeder wollte es hören. Oder sollte es. Der Bayerische Rundfunk und einige Fernsehstationen boykottierten die Single, weil "Geil" zu obszön klang. "Selbst Thomas Gottschalk, der damals beim Radio arbeitete, hat uns wieder ausgeladen", sagt Wilgrove, "das sei nichts für sein Publikum, sagte er." Das Wörtchen 'geil' erregte die Moralhüter sogar derart, dass die Platte kurzzeitig auf dem Index landete.

Dabei traf der Bann das Wort eigentlich zu Unrecht. Schon Schiller ließ in "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua" den Mohr sagen: "Mein Genie geilte frühzeitig über jedes Gehege." Zu Schillers Zeiten sei geil ein bereits etwas veraltetes Wort für 'überwuchern' gewesen, sagt Christoph Gutknecht, Linguist aus Hamburg.

Ursprünglich stammt es aus dem Althochdeutschen und hieß soviel wie 'übermütig', änderte dann seine Bedeutung in 'lustig', 'fröhlich' und 'schön'. Zwischenzeitig wurde es zudem für 'überwuchern' verwendet und ab dem 15. Jahrhundert bekam es den Sinn, den es fast fünf Dekaden lang behalten sollte: 'lüstern', 'sexuell erregt'. "Erst Anfang der 80er Jahre haben die Jugendlichen das Wort in den aktuellen Kontext gerückt: geil für super, prima, toll", so Gutknecht.

Gutknechts Ansicht nach war es die allgemeine Lockerung im Umgang mit Sexthemen, die das Wort für Jugendliche interessant gemacht hat. "Die Generation, die in den 80er Jahren mittleren Alters war, reagierte sehr schreckhaft, wenn jemand geil gesagt hat", so Gutknecht. Für Kinder und Jugendliche natürlich ein gefundenes Fressen, die Alten zu provozieren.

Eigentlich sollte die Halbwertszeit solcher Tabubrüche begrenzt sein. Doch selbst Anfang der Neunziger, mehr als ein halbes Jahrzehnt nach Bruce & Bongos One-Hit-Wonder, war das Wort noch immer pfui, wie Werner Hansch, Fußballkommentatorenlegende erfahren musste.

Wie halten Sie es mit dem Wort 'geil'?

Sein Ausruf "Ein geeeeiles Tor" aus dem Spiel Schalke gegen Nürnberg ist jedem Fan noch heute in Erinnerung - und auch die Aufregung, die seine ungezügelte Begeisterung verursachte. "Mein Spiel kam in der "ran"-Sendung an vierter Stelle, sagt Hansch zu stern.de, "zwei Kollegen vor mir hatten schon 'welch ein Tor' gesagt. Das konnte ich also nicht mehr verwenden. In meiner Sprachnot ist es mir dann so rausgerutscht", so Hansch. "Ich bin sicher, dass niemand mit diesen drei Worten jemals eine Spielszene hätte besser beschreiben können." Dabei ist es aber auch geblieben, benutzt habe er geil seitdem nicht wieder.

Über die Aufregekraft des G-Worts herrscht mittlerweile Konsens: Es gibt keine. Linguist Gutknecht betrachtet das Wort mittlerweile "als unmodern, abgelöst von 'fett' und 'krass'". Und der Journalist Bodo Mrozek, Autor des "Lexikons der bedrohten Wörter" hat 'geil' sogar schon auf seine rote Liste gesetzt. Nach den Gründen gefragt, antwortet er in einem Interview mit der "Taz": "Heutzutage halten viele Leute 'geil' für einen Begriff aus der Werbersprache, ein Synonym für geiz". Offensichtlich ist geil nach rund 20 Dienstjahren ungeil geworden und kann getrost in den Ruhestand verabschiedet werden.