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Romane und Sachbücher: Die besten neuen Bücher

Das Angebot an Neuerscheinungen auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse war wieder riesig. Was aber lohnt sich wirklich zu lesen? Das Kultur-Ressort des stern stellt seine Favoriten unter den neuen Romanen und Sachbüchern vor.

Romane, Sachbücher und die Bücher von stern-Autoren finden Sie in der FAQ-Liste nach Autoren und Titeln sortiert.

Romane Denis Johnson: Ein gerader Rauch

Schon in Johnsons letzter Kurzgeschichtensammlung "Jesus' Son" fand sich alles, was sein literarisches Genie ausmacht: der tiefe Blues der Außenseiter und die reine Poesie, die tröstlich aus all der Melancholie leuchtet. Lange blieb Johnson ein Geheimtipp. 2007 gewann er dann endlich den National Book Award für diesen großen Vietnam-Roman. Während US -Soldaten im Irak versandeten, schrieb er an seinem Epos über das amerikanische Urtrauma. CIA -Agent Skip Sands wird auf geheime Mission in den Dschungel geschickt. Seine militärischen Operationen entwickeln sich zu einer Initiationsreise durchs Herz der Apokalypse. Um ihn herum ein Platoon von Nebenfiguren, von denen die Illusionen abfallen wie Blätter nach einer Agent-Orange-Attacke. Ein Buch wie ein Dschungel, aus dem keiner so herauskommt, wie er hineingetreten ist. Anne Enright

Übersetzung: Bettina Abarbanell, Robin Detje, Rowohlt, 880 S., 24,90 Euro

Anne Enright: Das Familientreffen

Das Familientreffen, schon im wahren Leben ein heikles Ereignis, endet in der Literatur meist apokalyptisch. Hier auch: Die Hegartys, eine in erster Linie durch Liebe zum Alkohol verbundene irische Familie, kommen zusammen, um die Beerdigung ihres leicht aus der Art geschlagenen Angehörigen Liam vorzubereiten. Liam war bereits als Kind oft seltsam bockig und ängstlich, nun hat er sich im Meer ertränkt. Und während der Rest der Familie den Selbstmord als Verzweiflungstat eines Besoffenen wertet, will seine Schwester Veronica herausfinden, warum er es wirklich getan hat. Schicht für Schicht bohrt sie sich durch bis zu den Erinnerungsbildern ihrer Kindheit und enthüllt, was sie damals nicht verstanden hat. Keine ganz neue Geschichte, aber dank Enrights trocken-feinsinniger Sprache ein originelles und mitreißendes Buch.

Übersetzung: Hans-Christian Oeser, Deutsche Verlags-Anstalt, 350 S., 19,95 Euro

Rafael Chirbes: Krematorium

Der geschäftstüchtige und darum überaus reiche Unternehmer Rubén Bertomeu ist einer jener Baulöwen, die Spaniens Küsten flächendeckend mit Ferienanlagen zubetonieren. Die Ideale seiner Jugend hat er dem Profit geopfert, Freunde und Familie verachten ihn dafür - leben aber gleichzeitig von seinem Geld. Die andere Seite verkörpert sein jüngerer Bruder Matías, ein naturverbundener Ökobauer, mit dessen Tod der Roman eröffnet. Rafael Chirbes malt nicht schwarz-weiß, sondern entwirft vor dem Hintergrund der Familiengeschichte ein multiperspektivisches Bild der spanischen Gegenwart, in der sich wiederum das durchkapitalisierte Europa spiegelt. Das rigorose Streben nach Wohlstand und Wachstum basiert auf Rücksichtslosigkeit: Landschaften werden geplündert, Freunde geopfert, Utopien belächelt. Im Krematorium des wild wuchernden Konsums verbrennt der Humanismus - so der düstere Blick auf unsere wohl nicht mehr ganz so ferne Zukunft. Dass es Chirbes gelingt, diese Geschichte ohne Thesenhaftigkeit und moralischen Zeigefinger zu erzählen, macht den Roman zu einem großen literarischen Kunstwerk.

Übersetzung: Dagmar Ploetz, Kunstmann, 428 S., 22 Euro

Aravind Adiga: Der weiße Tiger

Balram Halwai war Diener und ist Philosoph und Mörder. Und er hat es geschafft: Der Sohn eines Rikschafahrers aus dem ländlichen, düsteren Indien hat sich zum Licht emporgearbeitet und ist erfolgreicher Businessman geworden. Halwai erzählt seine Lebensgeschichte in einem langen Brief an den chinesischen Ministerpräsidenten. Freie Unternehmer aller asiatischen Boom-Nationen, vereinigt euch! So entsteht ein satirisches Panorama der indischen Gesellschaft, in der die soziale Kluft trotz Wirtschaftswunders noch immer enorm ist. Immerhin ist die Gesellschaft flexibler geworden: Gab es früher unzählige Kasten, gibt es heute nur noch Arm und Reich. Aber wer nur skrupellos genug ist, schafft es nach ganz oben. Das literarische Debüt des ehemaligen "Time"-Korrespondenten Adiga ist ein fulminanter Schelmenroman über das neue Indien.

Übersetzung: Ingo Herzke, C. H. Beck, 320 S., 19,90 Euro

Fred Licht: Villa Ginestra

Wer viel Geld hat, hat auch viele Sorgen, allen voran jene, dieses Geld zu verlieren: Das zeigt die gegenwärtige Finanzkrise, und das beschreibt - mit gediegenem Witz - Fred Licht, Kurator der Guggenheim-Sammlung in Venedig, der hier mit 80 Jahren sein Debüt als Romancier gibt. Geld machen, Geld vermehren, Geld sparen, lauten die Prinzipien eines weit verzweigten Familienclans, in dem schon die Kinder mit den Grundregeln des Erbschaftsrechts aufwachsen. Ich-Erzähler Harry, geboren zwischen den Weltkriegen, erzogen im Sinne der "Hausreligion" (die Familienbank), lernt erst ein Leben jenseits dieser Werte kennen, als er seine schillernde Cousine Renée in ihrer Villa in Florenz besucht. Die eigenwillige Gesellschaftsdame und Clan-Rebellin öffnet Portemonnaie und Haus mit Vorliebe skurrilen Künstlern - sie davon abzubringen, ist die geheime Mission hinter Harrys Besuch. Ein Roman mit viel Charme und tiefgründiger Unterhaltung.

Übersetzung: Angela Praesent, Eichborn, 452 S., 32 Euro

Fred Vargas und Edmond Baudoin: Das Zeichen des Widders

Meisterhafter Comic-Roman von Krimi-Autorin Vargas und Ausnahme- Illustrator Baudoin. Die Ganoven Grégoire und Vincent haben kein Glück: Die Tasche, die sie einem älteren Herrn entreißen, entpuppt sich als die Büchse der Pandora voller Zahnsplitter und Tierschädel. Kurz darauf findet Grégoire Vincents rätselhaft verstümmelte Leiche. War der ältere Herr ein esoterischer Ritualmörder? Selbst wer sich nicht sofort von Vargas‘ verschrobenen Figuren verzaubern lässt, wird angesichts von Baudoins schwarzer Tusche-Magie schnell alle Widerstände aufgeben.

Übersetzung: Julia Schoch, Aufbau Verlag, 224 S., 22,95 Euro

Thomas von Steinaecker: Geister

Langsam wird der Comic also endlich auch in Deutschland salonfähig. In den vergangenen Jahren widmete der junge Autor von Steinaecker der bislang nur mit Naserümpfen geduldeten Kunstgattung immer wieder feinsinnige Analysen. In seinem neuen Roman setzt er die Theorie nun in die Praxis um und verbindet seine Erzählung auf originelle Weise mit den Comics der Zeichnerin Daniela Kohl. Jürgens Leben wird von einer Familientragödie überschattet: Im Alter von sechs Jahren verschwand seine Schwester Ulrike. Jahre nach diesem Schicksalsschlag meldet sich bei ihm eine Comic-Zeichnerin, die Ulrikes Leben in ihren Werken fortgesponnen hat. Jürgen verliert sich immer mehr in den Zeichenwelten. Ein überzeugendes Beispiel für das elegante Verschmelzen zweier Kunstformen.

Frankfurter Verlagsanstalt, 212 S., 19,80 Euro

Heinz Strunk: Die Zunge Europas

Wenn einer es schafft, die angeödete Ironie-Fraktion der Hamburger Flaschenbiertrinker zum Lachen zu bringen, muss er schon was draufhaben. Heinz Strunk, "Kulturschaffender mit Schwerpunkt Humor", schafft das seit mehr als zehn Jahren. Zunächst auf Kleinstbühnen beheimatet (eine Existenz, die er in seinem Roman "Fleisch ist mein Gemüse" verarbeitet hat), ist er nun das Idol einer Fangemeinde, zu deren Kennzeichen unter anderem grunzende Laute aus dem Rachenbereich gehören. Das neue Buch lebt von Beobachtungen und Sätzen, die einem Menschen ohne diese harte Biografie niemals einfallen würden.

Rowohlt, 317 S., 19,90 Euro

Matthew Eck: Das entfernte Ufer

Sechs Männer, ein Befehl: Als Aufklärer in einer namenlosen afrikanischen Großstadt sollen die US-Soldaten die Luftangriffe ihrer Armee steuern. Die Aktion geht schief, zwei Kinder sterben, der Army gelingt es nicht, die Soldaten aus der Stadt zu holen. Auf sich allein gestellt, macht sich die Gruppe auf den Weg. Zwei kommen durch. Dazwischen liegt ein Höllentrip durch Hitze und Monsun, geschildert ohne dramaturgischen Zauber und psychologisierendes Beiwerk. Ex-Soldat Matthew Eck findet in seinem Debüt einfache Sätze für große Wahrheiten. Gut und Böse, Moral und Mission sind überholte Kategorien; auf allen Seiten sterben die Menschen, die Sinnfrage wird nicht gestellt. Ein unsentimentaler Blick auf das Bodenpersonal der internationalen Krisen.

Übersetzung: Bettina Abarbanell, Tropen bei Klett Cotta, 188 S., 18,90 Euro

Christian Kracht: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten

Dieses Buch ist ein Ding aus einer anderen Welt, einer fernen Galaxie. Es schmeckt und riecht seltsam, es spielt eine finstere Melodie. Tonart: es-Moll. "Es war die erste Nacht ohne das ferne Artilleriefeuer, es war die ganze Nacht still", so fängt es an. Und der letzte Satz geht so: "Er hing ein paar Tage, dann aßen Hyänen seine Füße." Dazwischen entfaltet Christian Kracht seine Vision einer kaputten, zerbombten, wahnsinnigen Welt: die Schweiz als sozialistisches Reich, seit 100 Jahren im Krieg, Europa in Trümmern ... Zum Fürchten ist das alles, aber auch zum Totlachen. Ein einziger Satz von Kracht, diesem Literatur- Extremisten und Radikal-Ästhetizisten, hat mehr Kraft als die ganze verzagte deutsche Gegenwartsliteratur mit ihrem faden Realismus. Kracht schreibt das kristallklarste Deutsch seit Gottfried Benn. Zum Glück hat er mehr Humor als Benn.

Kiepenheuer & Witsch 160 S., 16,95 Euro

Susan Choi: Reue

Die Bombe, die im Büro seines Kollegen hochgeht, ist tödlich. Der Gedanke, der ihn dabei überkommt, wird zum Fluch. "Ah, wie gut", schießt es dem ältlichen Universitätsprofessor Lee durch den Kopf, als im Nebenzimmer der von ihm verachtete Mitarbeiter stirbt. Ein Gedanke, der ihn innerlich schuldig macht, während er von außen ins Visier genommen wird: Lee, grummelig, unbeliebt und asiatischer Herkunft, verhält sich nicht so, wie man es von einem "richtigen Amerikaner" erwartet - und wird zum Verdächtigen. Susan Chois Roman ist ein hochspannender, subtil entwickelter Psychokrimi und gleichzeitig ein beklemmendes Porträt der amerikanischen Gesellschaft nach dem 11. September 2001.

Übersetzung: Annette Hahn, Aufbau Verlag, 480 S., 19,95 Euro

Karl-Heinz Ott: Ob wir wollen oder nicht

Nach all den politischen Debatten über das Erbe der 68er hier nun ein sehr musikalischer Roman zum Thema. Eines Morgens wird in einem Schwarzwaldtal der Tankstellenpächter Richard T. verhaftet und gerät in die Mühlen der Justiz. Klingt nach Kafka, geht aber weiter wie Thomas Bernhard. In ausufernden Selbstgesprächen rekapituliert der Gefangene sein Aussteigerleben. Diese Suada eines Versagers ist in eine skizzierte Krimihandlung eingebettet. Mit viel Gefühl für Rhythmus spürt der Musikwissenschaftler Ott der Rhetorik des Scheiterns nach. Wenn alle Utopien dahin sind, kann nur noch meisterliches Geschwafel Trost spenden. Solange uns eine solch brillante Sprache bleibt, soll ruhig alles andere den Bach heruntergehen.

Hoffmann und Campe, 208 S., 17,95 Euro

Oliver Storz: Die Freibadclique

Sommer 1944, irgendwo in der schwäbischen Provinz: Täglich treffen sich die fünf Jungs aus der Freibadclique zum Schwimmen. Sie sind alle um die 15, schwärmen von Mädchen und Musik - doch der Krieg drängt sich unaufhaltsam in ihr Leben. Sie müssen der Wehrmacht beitreten und werden zum Dienst an den Westwall geschickt. Psychisch und physisch zermürbt, kehren die Überlebenden der Clique ein Jahr später in ihren Heimatort zurück und merken, welche Spuren der Krieg hinterlassen hat. Ein Roman über Freundschaft und das Erwachsenwerden in einer zerrütteten Zeit. Unsentimental und leicht erzählt.

Schirmer Graf, 247 S., 19,80 Euro

Pete Dexter: Paris Trout

Der Ladenbesitzer Paris Trout lebt nicht schlecht von denen, die man im Amerika der 1950er Jahre noch Nigger nannte. Gewinnbringend gewährt er ihnen Kredit. Doch in ihm schlummert reiner Rassenhass, der nur auf eine Gelegenheit wartet, auszubrechen. Beim Schuldeneintreiben erschießt er ein kleines schwarzes Mädchen, ganz beiläufig, ohne bedroht worden zu sein. Obwohl dieser Mord zu Beginn des Romans stattfindet, bleibt das Buch bis zur letzten Seite spannend. Atemlos verfolgt man, mit welcher Selbstgerechtigkeit Trout seine Tat rechtfertigt und wie bereitwillig ihm all die ehrenwerten Bürger des Südstaatennests Cotton Point folgen. Lakonisches Sittengemälde vom letzten lebenden Großmeister des Roman noir. Pete Dexter gelingt das Kunststück, seine Gesellschaftsstudie in klassischer Hard-Boiled-Manier zu erzählen, ohne dabei in das Cowboypathos der coolen Nuschler zu verfallen.

Übersetzung: Jürgen Bürger, Liebeskind, 415 S., 22 Euro

Steffen Kopetzky: Der letzte Dieb

Über Schriftsteller in der Schreibkrise möchten wir eigentlich nichts lesen. Schreibkrisenromane versprechen wortreich kultivierte Langeweile. Aber Hawk Browning ist kein Mann für Langeweile. Als der inspirationslose Erfolgsautor feststellt, dass Kultgegenstände aus seinen Fantasy-Bestsellern in der Wirklichkeit wieder auftauchen, glaubt er, seine Schreibblockade überwinden zu können, indem er sich auf die Spur dieser Gegenstände setzt. Er engagiert eine Meisterspionin und einen Gentleman-Dieb, um einen sagenhaften Schatz zu heben. Und schon nimmt das rasante Abenteuer seinen Lauf. In seinem Diebesroman erweist sich Kopetzky selbst als Meister des Formenklaus: Sein Roman ist ein raffiniertes Spiel mit den Mustern der Unterhaltungsliteratur und eine Hommage an Genreklassiker wie Maurice Leblanc, Erfinder von Arsène Lupin. Solange Schriftsteller in der Schaffenskrise weiterhin so elegante Abenteuer erleben dürfen, lesen wir gern mehr von Schreibblockaden.

Luchterhand, 473 S., 19,95 Euro

Rezensionen: Andrea Ritter und Stephan Maus

Sachbücher Jean-Philippe Delhomme: Zeitgenössische Kunst

Für alle, die schon einmal ratlos vor der Installation eines verrosteten Fahrradgerippes standen, an dessen Lenker drei nackte, zerschredderte Barbie-Puppen aufgehängt waren, schafft diese Cartoon-Sammlung des französischen Starillustrators das Rüstzeug für die nächste Vernissage. Wie der Mann mit bissiger Detailversessenheit die exzentrische Welt der Performer, Galeristen und Sammler als eitle Illusionisten-Show entlarvt, entschädigt für alle erlittenen Demütigungen angesichts vermeintlich fehlenden Sachverstands. Ein großes Vergnügen - und das ultimative Buch gegen Schwellenangst beim Betreten von Kunsttempeln.

Übersetzung: Florian Grimm, Liebeskind, 94 S., 18,90 Euro

Phaidon-Lektoren (Hrsg.): 30.000 Jahre Kunst

Das gab es so noch nie: Das künstlerische Schaffen der Menschheit, zusammengefasst in einem Buch. In chronologischer Reihenfolge präsentiert dieser Prachtband 1000 Artefakte verschiedener Länder, Kulturen und Zivilisationen, von den ersten Höhlenmalereien, die vor 30.000 Jahren entstanden, bis zur Konzeptkunst des 20. Jahrhunderts. Ein Meister-Werk.

Phaidon Verlag, 1064 S. 49,95 Euro

Fidel Castro mit Ignacio Ramonet: Fidel Castro - mein Leben

Er rauchte Zigarren mit Nikita Chruschtschow und Willy Brandt, empfing Papst Johannes Paul II . und pflegte Freundschaften mit Hemingway und Depardieu. Mehr als 100 Stunden interviewte der Attac-Mitbegründer Ramonet den am längsten amtierenden Staatsmann der Geschichte und erlaubt so einen intimen Einblick in die politischen und privaten Visionen des Máximo Líder.

Übersetzung: Barbara Köhler, Rotbuch Verlag, 780 S., 29,90 Euro

Terry Eagleton: Der Sinn des Lebens

Wenn die Kapitalmärkte kollabieren und globale Veränderungen die Existenz bedrohen, scheint die philosophische Betrachtung unseres Lebens mehr denn je sinnvoll zu sein. Vor allem wenn sie mit so viel Humor und kluger Reflexion daherkommt. Gleich zu Anfang verweist der Brite auf den absurden Anspruch seines Themas und kommt zu dem Schluss: Der Sinn des Lebens ist ein Thema für Verrückte oder für Komiker - ich hoffe, ich gehöre eher zur letzten Kategorie. Dabei begibt er sich natürlich höchst ernsthaft auf Sinnsuche. Wonach strebt der postmoderne Mensch, was schenkt ihm Erfüllung? Wie dachten Aristoteles, Nietzsche, Freud? Eagleton surft geistreich und kritisch durch Glücksentwürfe der Vergangenheit und Gegenwart. Glück? Was, wenn jemand sein Glück darin fände, alte Damen zu erschrecken? Antworten finden sich in diesem intellektuellen Schelmenstück.

Übersetzung: Michael Bischoff, Ullstein, 208 S., 18 Euro

Lisa Kishon und David Axmann: Dear Pappi - My beloved Sargnagel

"Ich bin wirklich ein wenig gekränkt darüber, dass Du das Gefühl hast, ich würde Dich übergehen und Dich nur dann erwähnen, wenn ich es nicht vermeiden kann", schrieb der Satiriker Ephraim Kishon 1974 an seinen kongenialen Übersetzer Friedrich Torberg. Die jetzt erstmals veröffentlichte Auswahl von Briefen zeugt von einer explosiven, aber unerschütterlichen Freundschaft - voll kritischer Bewunderung, eifersüchtiger Zuneigung und gegenseitiger Abhängigkeit. Ob boshaft, witzig oder liebevoll - die Wortgefechte sind nicht nur intime Zeugnisse einer legendären Symbiose, sondern belegen auch das Ungleichgewicht zwischen dem weltberühmten Bestsellerautor und seinem literarischen Steigbügelhalter. Hinter einer Hecke aus Humor, freundlich lauernd, schießen beide ihre Pfeile ab. Ein Volltreffer.

Langenmüller, 272 S., 17,95 Euro

Thomas Blubacher: Gibt es etwas Schöneres als Sehnsucht?

Sie galten als das Glamourpaar im Berlin der wilden 20er Jahre. Die Geschwister Eleonora und Francesco Mendelssohn, Nachkommen eines stadtbekannten Privatbankiers, schienen als Glückskinder in eine aufregende Welt geboren, gesegnet mit Reichtum, Schönheit und Talent. Sie pflegten Freundschaften und Affairen mit der Kultur-Schickeria jener Zeit, bezirzten Max Reinhardt und Arturo Toscanini, Vladimir Horowitz und Gustaf Gründgens, liebten extravagante Auftritte und ausschweifende Partys. Doch im Schlepptau der Paradiesvögel tummelten sich auch Matrosen, Stricher und Schmarotzer. Die spannende Doppelbiografie macht die untergegangene Weimarer Republik wieder lebendig - bis zur Machtübernahme der Nazis und dem ernüchternden Ende eines Lebens wie im Rausch.

Henschel, 448 S., 29,90 Euro

Pamela Druckerman: Fremdgehen

Wer hätte das gedacht: Für die Amerikaner ist Ehebruch moralisch noch verwerflicher als das Klonen von Menschen. Um internationale Einsichten über das außereheliche Paarungsverhalten zu gewinnen, recherchierte die Autorin in zehn Ländern auf fünf Kontinenten. Wir lernen, dass der Balinese den libidinösen Ausrutscher als "wunderbare Pause" sehr poetisch umschreibt. Der Israeli "isst nebenher", der Ire "spielt im Abseits", und der Franzose empfindet die kleine Affäre nebenbei als so selbstverständlich wie den Genuss eines guten Bordeaux. Weil hier Fremdgeher und Betrogene rund um den Globus zu Wort kommen, nährt dieser "Atlas des Seitensprungs" auch die Erkenntnis: In Lust und Schmerz sind wir uns grenzenlos nah.

Übersetzung: Christine Bendner, Herbig, 302 S., 19,95 Euro

Bücher von stern-Autoren Michael Streck: Stars & Stripes und Streifenhörnchen

Wer mehr als sieben Jahre samt Ehefrau und zwei Töchtern in New York verbracht hat, lernt eine Menge über Land und Leute. Zum Beispiel, dass es in Sarah Palins Herrschaftsbereich Alaska per Gesetz verboten ist, Schnaps an Elche zu verkaufen. Mit feinem Witz und einer guten Portion Selbstironie beschreibt Streck das skurrile Abenteuer seines amerikanischen Alltags.

Illustration: Til Mette, Malik, 276 S., 19,90 Euro

Kerstin Schneider: Maries Akte - Das Geheimnis einer Familie

Magdalena Kade glaubte 1866, die Mutter Gottes zu sehen. Ihre Großnichte Marie bildete sich 1928 ein, sie sei Jesus. Während Magdalena noch heute als böhmische Bernadette verehrt wird, wurde Marie als "lebensunwert" von den Nazis ermordet. Der Autorin gelang es, den Mörder aufzuspüren und einen bislang unbekannten Skandal um einen NS-Verbrecher zu enthüllen.

Weissbooks.w, 286 S., 19,80 Euro

Swantje Strieder und Teja Fiedler: No Problem! Reisen, Pech und Pannen

Wenn zwei Reiseprofis von ihren Trips in die Ferne erzählen, geht's nicht nur um Traumstrände und romantische Hideaways, sondern auch um Kakerlaken in der Sachertorte, Irritationen in der Wechselstube und Taxichauffeure, die in jedem Souvenirladen einen Onkel haben. Und es gilt die Chaostheorie: Reisen öffnet Horizonte - es sei denn, Montezuma ist in Rachelaune.

Malik, 250 S., 16,90 Euro

Uli Hauser: Eltern brauchen Grenzen

Kontrolle, Leistungsdruck, Förderstress setzen nicht nur den Kindern zu, sondern ruinieren auch das elterliche Nervenkostüm. Deshalb plädiert Hauser für eine Rückbesinnung auf eine "Michel aus Lönneberga"-Kindheit: Lasst den Nachwuchs endlich frei, lasst ihn spielen, die Welt entdecken, Abenteuer erleben. Gelassenheit kann glücklich machen. Die Großen und die Kleinen.

Piper, 223 S., 7,95 Euro

Frank Ochmann: Die gefühlte Moral

Warum können wir Gut von Böse unterscheiden? Was haben jüngste Forschungsergebnisse von Neurophysiologen, Genetikern, Moralpsychologen über die Wurzeln unserer Moral herausgefunden? Ochmann erweist sich als brillanter Analytiker, dem es gelingt, ein komplexes Thema in verständlicher Sprache zu behandeln. Sein Fazit ist so spannend wie brisant.

Ullstein, 316 S., 19,90 Euro

Gerhard Haderer: Jahrbuch

2008 - ein Wahnsinnsjahr. Wieder mal. Ob George W. Bushs Abschiedstournee, die Fußball-Weltmeisterschaft oder Olympia, explodierende Benzinpreise oder Manager, die den Hals nicht vollkriegen. Der stern-Cartoonist aus Österreich bürstet Nachrichten gegen den Strich. So bitterbösekomisch wie sonst keiner.

Ueberreuter, 96 S., 14,95 Euro

Rezensionen: Irmgard Hochreither

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