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Berlinale 2009: Sternstunden

Wie ein Lauffeuer hatte es sich am Eröffnungsabend der Berliner Filmfestspiele verbreitet: Karl Lagerfeld fotografiert die Gäste der Berlinale exklusiv für den stern. Alle kamen und hatten nur „zwei, drei Minuten“ Zeit. Und dann blieben sie.

Von Jochen Siemens

Es war lange nach Mitternacht, als der Mann an der Bar lächelnd den Kopf schüttelte. Ein wenig ungläubig blickte er in den Saal, strich sich immer wieder die Haare zurück und sagte, das sei hier nun wirklich "bizarr und irre, absolut". Nun kann man davon ausgehen, dass sich Lawrence Bender, 51, im Bizarren und Irren auskennt, er ist in der New Yorker Bronx aufgewachsen und heute der Produzent und Bändiger des Regieberserkers Quentin Tarantino.

Bender war am Abend aus den Babelsberg Studios in die Stadt gefahren, es war der Abend der Berlinale-Eröffnung, aber sie hatten ihm gesagt, er solle nicht in den Festivalpalast gehen, sondern nebenan in den zweiten Stock der Spielbank, in das Sternberg-Theater. "Einer von den Jungs" habe das gesagt, so Bender, einer von den deutschen Jungs, die zurzeit mit Tarantino in Babelsberg den Film "Inglourious Basterds" drehen. Der stern hatte in das Theater eingeladen und Karl Lagerfeld gebeten, eine Nacht lang Stars der Berlinale zu fotografieren. Karl Lagerfeld? Bender war neugierig, wie alle anderen auch. Die Jungs waren da, an der Bar saßen Til Schweiger und Christian Berkel, daneben auf einer Treppenstufe Christoph Waltz, irgendwo konnte man August Diehl mal deutsch, mal spanisch sprechen hören. Dann klirrte ein Glas, als Juliane Köhler sich auf einen Tisch stellte, und jemand erklärte Bender, "sie spielte Hitlers Frau in 'Der Untergang'", und er musste passen, als Hannelore Elsner, die vor einer Stunde eigentlich nur zwei Minuten bleiben wollte, zum dritten Mal nach einem Feuerzeug fragte.

Filmreife Atmosphäre

Es war eine Atmosphäre, die schmelzen ließ. Da zeigt Moritz Bleibtreu auf seinem iPhone Til Schweiger Bilder seines zwei Monate alten Sohnes und sagt, dass der Junge nun wirklich der Grund sei, mit dem Rauchen aufzuhören, und Til Schweiger sagt, dass er in einem neuen Projekt noch eine Rolle besetzen müsse, und Bleibtreu sagt: "Hey, nimm mich!" - "Nee, geht nicht, die Figur ist 28." "Ey, ich geh noch durch als 28-Jähriger", sagt Bleibtreu, 37. "Du? Nie im Leben", Schweiger grinst, wie Schweiger immer grinst. "Hey, ich mach das, ich nehm ab, ich bin dein Mann", jetzt grinst Bleibtreu, wie Bleibtreu immer grinst, und so wird es beinahe eine Filmszene, als schließlich ein Mann dazukommt, weiße Haare, weißer Zopf, Sonnenbrille, und Schweiger am Anzugrevers zupft. "Ist doch gar nicht Ihre Größe, haben Sie das ausgesucht?"

Karl Lagerfeld, Designer, die Hand, die Chanel und so vieles anderes schafft, der gebürtige Hamburger, der heute alles verkörpert, was europäische Mode und Stil ausmacht. Ende der 80er Jahre fing er auch an zu fotografieren, weil er Fotografie nicht als Abbildung von Mode, sondern als Teil von Mode verstand, als die Quintessenz seiner Ästhetik. Es ist der lagerfeldsche Stil zu arbeiten, andere würden sagen sein Karma, der diese Leichtigkeit, dieses Vermengen und Verweilen in dieser Nacht erzeugt und aus einem Fototermin mit Schauspielern der Berlinale ein Happening mit Kamera macht. Der Modedesigner Lagerfeld kennt und versteht Körpersprache wie kaum ein Zweiter, er weiß, dass ein zu hoher Schuh die Seele quälen kann, und weiß auch, wann Männer Anzüge nicht nur tragen, sondern in ihnen leben. Deshalb geht das Fotografieren schnell, weil Lagerfeld die Schalter an den Menschen kennt. Es sind nur zwei, drei Sätze zu Natalia Wörner - "Wenn Sie mich so anblicken, erinnern Sie mich an María Félix", und Wörner bedankt sich mit einem gelösten Leuchten in ihren Augen. María Félix, wissen hier wenige, gehört zu den Schauspiellegenden Mexikos. Und Christian Berkel schaut noch eine Viertelstunde, nachdem er fotografiert wurde, verwirrt drein. "Wie … wie hat der das gemacht? Karl Lagerfeld hat mich noch nie gesehen und weiß sofort, in welcher Position ich mich am wohlsten fühle." Dann dreht er sich um und sucht den Fotografen, "… können wir das noch mal machen …?"

Keine Eitelkeiten

Es können immer heikle Momente entstehen, wenn vor und hinter der Kamera ein Star steht. Oft kommt es zu einem Tauziehen der Eitelkeiten, oft erstarren die Posen. Nichts davon in dieser Nacht. Lagerfeld führt und verführt zu Bildern. "Er ist ein Medium", sagt Jana Pallaske, die 36 Stunden lang aus Thailand nach Berlin geflogen war und noch keine Sekunde geschlafen hat. Nun, sagt sie, sei sie berauscht und malt "Love and Peace" auf ein Blatt Papier. Und Sebastian Koch erzählt, dass er ein wenig auf dieses Treffen gehofft habe. Zu Hause über seinem Bett hängt ein Foto, das Lagerfeld einmal aufgenommen hat, und Koch zeigt der Eminenz ein Handy-Foto davon.

Durch die hohen Glasfenster des Theaters kann man die 50 Meter entfernte Glasfront des Berlinale-Palastes sehen. Wie in einem aufgeschnittenen Ameisenbau sind die 1600 zum Eröffnungsfilm "The International" mit Clive Owen und Armin Mueller-Stahl Geladenen zu beobachten, die sich durch die Gänge und über die Treppen schieben, Gläser in der Hand balancieren und versuchen, dem zweitwichtigsten Filmfestival der Welt Bedeutung zu geben. Doch das Filmland Deutschland und der Drehort Berlin haben sie längst, und die 59. Berlinale ist ein Filmfest mit gesundem Selbstbewusstsein. Nie zuvor waren der deutsche Film, die Kulisse Deutschland und das Filmstudio Babelsberg auf der Welt so gefragt wie heute. "Wie?", fragt Clive Owen den Tarantino-Produzenten Lawrence Bender im Fahrstuhl auf dem Weg zu Lagerfeld, "ihr dreht euren ganzen Film hier?" Bender nickt: "Ja, und es ist wunderbar."

Es wird viel gedreht in dieser Nacht

Und während Clive Owen neben der Bar steht und leicht amüsiert zuschaut, wie Karl Lagerfeld Juliane Köhler auf einem Tisch fotografiert und während Armin Mueller-Stahl dazwischensteht und lächelnd klagt, als ewiger Nichtraucher für ein Foto mal wieder eine Zigarette im Mund gehabt zu haben, sagt im 25 Kilometer entfernten Babelsberg vielleicht einer in dieser Sekunde "Schnitt!" oder "Bitte noch mal". Denn sie drehen viel in dieser Nacht, Quentin Tarantino, weil er es mag, und Roman Polanski, weil er ein Perfektionist ist. Tarantino, Polanski, Brad Pitt, Angelina Jolie, Tom Cruise, Clive Owen, Naomi Watts und demnächst Natalie Portman - es kann dem Berliner passieren, dass er den Weltstars des Kinos öfter auf der Straße begegnet, als dass er sie auf den bunten Seiten der Klatschpresse sieht.

Und während sich Hannah Herzsprung auf der kleinen Bühne des Theaters für Karl Lagerfeld klaglos auf eine Treppe legt und es ihr ziemlich egal ist, wie staubig ihr teures Kleid mit Schleppe dabei wird, erscheint die ganze Szene wie eine Essenz der Filmstadt Berlin und dieses besonderen Abends. Den meistgesprochenen Satz zitiert Lagerfeld dann selbst: "Ich hab nur zwei Minuten Zeit, ich muss gleich wieder weg, hab ich immer gehört. Und dann saßen die meisten mit ihren zwei Minuten noch nach zwei Stunden hier." Es ist die unaufdringliche Emphase, mit der Karl Lagerfeld wie ein Therapeut das alles zum Klingen und zum Zwitschern bringt. Da sieht ihn Armin Mueller Stahl mit diesem Mueller-Stahl-Blick an und sagt: "Na, Sie sind mir ja ein Jungspund." Lagerfeld: "Aber Sie doch auch. Schätzen Sie mal, wie alt ich bin." Mueller-Stahl: "Oh, da sieht man immer schlecht aus, wenn man sich irrt. Ich weiß nicht, 50? 60? Ich glaube eher 50." Lagerfeld lächelt, beugt sich an Mueller-Stahls Ohr und flüstert eine Zahl. Die Augenbrauen Mueller-Stahls gehen ganz nach oben. Wer einmal erlebt hat, mit welcher Anstrengung und welcher Bugwelle in Hollywood einen ganzen Tag lang an einem einzigen Foto gearbeitet wird, staunt, wenn Lagerfeld nach nur fünf Aufnahmen zu Mueller-Stahl sagt: "Sehr schön, Sie sehen gut aus."

Die Filme kommen zur den Deutschen

Der Abend passt zu Berlin. Die Stadt wirkt nach beiden Seiten. Die internationalen Regisseure kommen, und die Schauspieler zieht es nach Berlin. Für die Deutschen bedeutet das den Einstieg in das internationale Geschäft, mehr als je zuvor. Gingen sie früher - wie Til Schweiger oder Franka Potente - nach Hollywood und hofften auf kleinere oder größere Nebenrollen oder wurden wie etliche Namenlose gleich von der Castingmaschine aussortiert, ist der Weg heute oft umgekehrt. Die Filme kommen zu ihnen - Berkel, Schweiger, Diehl und Waltz spielen bei "Inglourious Basterds", Berkel spielte mit Tom Cruise in "Operation Walküre", Hannah Herzsprung und Jeanette Hain an der Seite von Kate Winslet in "Der Vorleser". Deutsche Schauspieler, einst nur mit Einzelhelden wie Gerd Fröbe, Curd Jürgens oder Maximilian Schell im Weltkino präsent, erspielen sich nun einen selbstverständlichen Platz in großen Filmen.

Aber wie da s so ist mit der Freiheit, jeder darf sagen, was er will. Es ist nach Mitternacht, als Tom Tykwer, Regisseur des Berlinale-Eröffnungsfilms, vor die Lagerfeld-Kamera kommt. Er ist, logisch, nervös. Er hat gefühlte 794-mal gehört: "Großer Film", "Gratuliere!", "Super!" Wie man halt so redet, wenn man sich mit Gläsern in der Hand fünf Sekunden sieht. Tykwer macht etwas Seltsames, er sagt Karl Lagerfeld nur kurz "Guten Abend" und entschuldigt sich, er will unbedingt vom Filmbrausekopf Oskar Roehler wissen, wie der "The International" fand. Wenn Wahrheiten, dann hier. Das Gespräch bleibt privat, einmal jedoch weht der Satzfetzen "... aber die letzten zehn Minuten ..." herüber. Und auch an der Bar wird es ein wenig leiser. Filmmenschen wissen um diesen sensiblen Moment, es ist, als ob Freunde ein neugeborenes Baby begutachten sollen, es ist die Achillesferse jedes Regisseurs.

Lagerfeld sagt wenig später zu Tykwer: "Ich glaube, Sie legen sich da mal auf die Bank." Tykwer nickt, "ja, danach ist mir". Es ist die Nacht der Filmseelen.

Mitarbeit: Silke Müller, Matthias Schmidt

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