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Birlikte: Carolin Kebekus zum NSU-Anschlag: "Mein erstes Gefühl war tiefe Scham"

Das Kulturfest Birlikte an Pfingsten in Köln erinnert an den NSU-Anschlag 2004. Komikerin Carolin Kebekus erzählt, warum sie dabei mitmacht und was sie an rechten Kommentaren im Internet erschreckt.

"Auch als Künstler steht man in der Verantwortung zu zeigen, auf welcher Seite man steht": Komikerin Carolin Kebekus.

"Auch als Künstler steht man in der Verantwortung zu zeigen, auf welcher Seite man steht": Komikerin Carolin Kebekus.

"Birlikte - Zusammenstehen" heißt es am Pfingstwochenende in Köln. Das hochkarätig besetzte Kultur- und Kunstfest soll an den NSU-Anschlag in der Keupstraße vor zehn Jahren erinnern. Carolin Kebekus, eine der bekanntesten deutschen Comedians, wird bei der großen Birlikte-Kundgebung am 9. Juni in der Domstadt auftreten. Im Interview erklärt sie, was sie dachte, als sie erfuhr, dass der NSU für den Anschlag in der Keupstraße verantwortlich ist, welche Bedeutung Birlikte hat und was sie an rechtsextremen Kommentaren im Internet erschreckt.

Frau Kebekus, können Sie als Kölnerin sich erinnern, wie Sie von dem Bombenanschlag in der Keupstraße erfahren haben?

"Ich weiß noch, dass ich gar nicht in Köln war, da ich zu der Zeit gespielt hatte. Viele meiner Kollegen arbeiten allerdings in den Fernsehstudios in direkter Nachbarschaft der Keupstraße. Sie erzählten mir, dass sie den lauten Knall hören konnten. Als klar war, dass es sich um eine Bombe handelte, waren wir alle schockiert. Als Kölner kennt man die Keupstraße als kulinarische Meile – wenn man in den Studios um die Ecke drehte, war klar, dass man die Mittagspause in der Keupstraße verbrachte. Auch ich war oft da, denn die Straße war und ist ein Teil des Kölner Lebens.

Haben Sie an einen rechtsextremen Hintergrund des Anschlags gedacht?

Nein, das lag für mich gar nicht im Bereich des Möglichen – ich konnte es mir überhaupt nicht vorstellen.

Wie ging es Ihnen dann, als sieben Jahre später herauskam, dass der NSU hinter dem Attentat steckte?

Carolin Kebekus ist Schauspielerin, Sängerin, Synchronsprecherin und gehört zu den bekanntesten deutschen Komikerinnen. Die 34-Jährige wurde in Bergisch Gladbach geboren und wuchs in Köln auf. Nach dem Abitur wollte sie Theaterwissenschaften studieren, gab das Vorhaben aber nach ihrem Einstieg ins Comedy-Geschäft auf.

Carolin Kebekus ist Schauspielerin, Sängerin, Synchronsprecherin und gehört zu den bekanntesten deutschen Komikerinnen. Die 34-Jährige wurde in Bergisch Gladbach geboren und wuchs in Köln auf. Nach dem Abitur wollte sie Theaterwissenschaften studieren, gab das Vorhaben aber nach ihrem Einstieg ins Comedy-Geschäft auf.

Mein erstes Gefühl war tiefe Scham, weil ein rechtsextremer Hintergrund in meinen Gedanken eben überhaupt nicht vorgekommen war. Wenn es gegen Rassismus geht, stehe ich immer in der ersten Reihe – man muss nicht lange überzeugen, damit ich mich dagegen engagiere. Und dann passiert so eine Situation, die ganz nah an meinem Leben ist und ich muss spüren, dass mir überhaupt nicht ins Bewusstsein kommt, es könnte sich um einen Anschlag von Neonazis handeln ... Das hat mich sehr erschreckt.

Nach dem Anschlag herrschte in der Keupstraße jahrelang eine Atmosphäre des Misstrauens – aus den Opfern wurden Verdächtige gemacht. Haben auch Sie die Keupstraße gemieden?

Anfangs schon. Es hat eine Weile gedauert, bis wir wieder hingegangen sind. Ich kann daher sehr gut verstehen, wenn die Bewohner der Keupstraße das Vertrauen in den Staat oder die Gesellschaft verloren haben. Das Birlikte-Fest ist in dem Zusammenhang ein großes Zeichen – die Frage ist aber, wie sich jeder Einzelne in seinem Alltag verhält, damit sich so etwas nicht wiederholt.

Was meinen Sie damit?

Jeder Einzelne steht in der Verantwortung zu zeigen, auf welcher Seite er steht. Auch und gerade für Köln ist es wichtig, aufzuarbeiten was bei dem Anschlag und in den Jahren danach passiert ist. Köln braucht sicherlich immer auch eine große Bühne, um sich etwas in Sicherheit zu schunkeln. Aber das Birlikte-Festival mit den vielen berühmten Namen, die kommen, bietet hier eine große Chance: Das Bombenattentat war ein Angriff auf unser aller Freiheit, auf die Toleranz, die wir hier in Köln immer so hochhalten. Eigentlich hätten sich direkt am Tag nach dem Anschlag so viele Menschen in der Keupstraße versammeln müssen, wie es jetzt am Pfingstwochenende der Fall ist. Das passierte damals vor zehn Jahren nicht – ist aber nun hoffentlich bei Birlikte so.

Welchen Beitrag können Sie als Comedian oder als Künstlerin generell in diesem Rahmen leisten?

Auch als Künstler steht man in der Verantwortung zu zeigen, auf welcher Seite man steht. Nicht zuletzt die Europawahl hat doch deutlich gemacht, wie viele rechte Parteien auf dem Vormarsch sind. Um sich Sorgen vor einem Rechtsruck zu machen, braucht man allerdings nicht mal auf Wahlergebnisse zu schauen – es reicht ein Blick ins Internet. Erschreckend ist, wie viele rechte Kommentare man etwa unter vielen YouTube-Videos oder in Online-Diskussionen findet.

Da Sie gerade die Europawahlen ansprechen: Wie empfinden Sie das verhältnismäßig starke Abschneiden der AfD?

Es ist schon beängstigend, dass es hier im eigenen Land eine neue Begeisterung für solche Strömungen gibt, auch unter jungen Menschen. Ebenso besorgniserregend finde ich allerdings auch die Situation in Frankreich, der Schweiz oder England.

Wenn wir in Deutschland bleiben, könnte man den Eindruck gewinnen, wenn die Medien über Rechtsextremismus berichten, dann steht vor allem der NSU-Prozess im Fokus.

Das Gefühl habe ich nicht. Es wird ja auch über die NPD oder die AfD geschrieben. Natürlich konzentriert sich die Berichterstattung derzeit auf den NSU-Prozess, aber die ganze Geschichte übt auch eine morbide Faszination aus, wie in einem schlechten Film. Da ist diese seltsame Frau, die übrig ist und schweigt, das wirkt schon wie ein schlechter "Tatort" oder eine Soap: NSU Tag und Nacht.

Sie haben das Problem Rechtsextremismus im Internet angesprochen – was beobachten Sie da?

Gerade im Netz offenbaren die Menschen ihre übelsten Seiten. Da entspinnen sich oft rechte Diskussionen unter Beiträgen, die gar nichts mit dem Thema zu tun haben. Ich frage mich dann häufig, wo kommen diese Menschen her? Und dachte nach der Europawahl dann: Huch, die haben ja Stimmrecht ... Doch es sind nicht nur die anonymen Kommentatoren, die im Internet hetzen. Bei der Sarrazin-Debatte etwa habe ich mich gewundert, wie viele Menschen auch in meinem Umfeld sagten: "Eigentlich hat er ja Recht" ...

... haben Sie da Stellung bezogen?

Natürlich. Da habe ich schon viel diskutiert. Mir ist es auch bereits passiert, dass ich einen Taxifahrer hatte, der über die vielen Türken geschimpft hat – in solch einer Situation steige ich aus. Allzu oft habe ich das allerdings noch nicht erlebt. Viel öfter stolpere ich, wie gesagt, über diese rechten Online-Kommentare. Glücklicherweise gibt es genügend Menschen, die dagegen anschreiben, aber das Problem bleibt bestehen.

Umso wichtiger sind wahrscheinlich deutliche Signale wie das Birlikte-Wochenende ... Was erhoffen Sie sich für eine Wirkung davon?

Ich hoffe, dass ein Aufeinander Zugehen von allen Seiten passiert. Für mich ist die türkische Community längst Teil meines Alltags. Vom Gefühl her geht das bestimmt vielen so, aber es sollte vielleicht noch mehr im Alltag verankert werden. Zu diesem Zweck reicht ein dreitägiges Festival wie Birlikte wahrscheinlich nicht, eine regelmäßige Veranstaltungsreihe dieser Art wäre doch eine gute Idee. In Köln sind wir da schon sehr weit, in anderen Städten ist das nicht unbedingt der Fall. Denn insgesamt bleibt die Frage: Wie sehr nimmt man wirklich am Leben des anderen teil? Damit sollte man sich immer wieder beschäftigen, auch ich selbst stelle mir diese Frage.

Die wichtigsten Infos zu Birlikte

Was im Einzelnen am Wochenende neben dem Konzert und der Demonstration am Pfingstmontag in Köln passieren wird, erfahren Sie auf folgenden Webseiten:

Interview: Alice Lanzke

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