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Die Medienkolumne: Die treuen Parteigänger vom Bayerischen Rundfunk

"Schwarzer Tag" und "sorgfältig analysieren" - das waren die meist gehörten Worte am Wahlabend. Aber nicht durch die Worte, sondern durch die Bilder - vor allem die von den Gesichtern der CSU-Oberen - wurde die Bayernwahl zum TV-Erlebnis.

Von Bernd Gäbler

Ein Blick in die Gesichter. Das ist das Schöne am Fernsehen: die Bilder zeigen eine Wahrheit, die Wörter noch überdecken sollen. Ja, ein "schwarzer Tag" sei das für die CSU, verlautbaren unisono die Partei-Oberen, und jetzt komme es darauf an, das Ergebnis "sorgfältig zu analysieren". "Schwarzer Tag" und "sorgfältig analysieren" - ungefähr 17 Mal pro Stunde war dies während des TV-Abends zu hören. Die Gesichter aber zeigten anders als Ruhe und Sorgfalt: Ermattung, Verzweifelung, Schockstarre, Leere. Ministerpräsident Günther Beckstein wirkte mindestens derangiert; Parteichef Erwin Huber in Strauß'scher Tradition fast ein wenig wirr; CSU-Generalsekretärin Christine Haderthauer flüchtete sich in fauchenden Trotz.

Wer die Bilder zu deuten verstand und sich von den Worten nicht irritieren ließ, musste recht bald zu folgendem Schluss kommen: Beckstein kann kaum noch, aber er soll als bayerischer Regierungschef weitermachen, weil sich nur so die bald CSU-gängige Interpretation des Wählerwillens - die Bayern wollen eine CSU-geführte Regierung, nur diesmal halt eine Koalition - durchhalten lässt. Soll so für das Regierungshandeln Kontinuität suggeriert werden, wird die Partei selbst um einen Neuanfang mit neuem Personal nicht herumkommen. Erwin Huber ist nicht zu halten. Seine gestammelten Analysen ("eine Fülle von Ursachen", "in den letzten fünf Jahren", "Wechsel an der Parteispitze vielleicht zu spät"; "kein Rückenwind aus Berlin"; gemeine "Propaganda gegen absolute Mehrheit") wirkten nicht klug, sondern allenfalls von dem Bemühen getragen, auch Edmund Stoiber noch irgendwie als Verantwortlichen mit in das Desaster hineinzuziehen. Beim Ausscheiden aus dem Amt wird er seine Generalsekretärin wohl mitnehmen müssen.

Nur einer schaute ganz anders drein: rund, ruhig, besonnen. "Ich stehe bereit", signalisierte Horst Seehofer, ein "Weiter so!" dürfe es nicht geben, aber als Putschist will er auf keinen Fall erscheinen. Alles soll seinen ordentlichen Gang gehen. Das schnelle Medium Fernsehen zeigt nicht nur in gnadenloser Kälte das für die CSU katastrophale Ergebnis; sondern veranschaulichte bildlich rasch die Konsequenzen, über die verbal noch gehadert wurde.

Sigmund Gottlieb, Jörg Schönenborn und die anderen

Große Differenzen in Prognosen und Hochrechnungen gab es an diesem TV-Abend nicht. Der Wahlabend im TV war also nicht im eigentlichen Sinne spannend. Spannend war, wir schnell die Fernsehmacher selbst die Tragweite des Ergebnissen realisieren würden. Die ARD begann gewohnt kindisch. Ein völlig indisponierter Bruno Jonas bemühte sich um Lustiges zur bayerischen Lebensart, ein heimatkundlich inspirierter "launiger Beitrag" sann über das Verhältnis von Wahltag und Wallfahrt nach. So ging es im Laufe des Abends bis hinein in die "Tagesthemen", wo Tom Buhrow die CSU mit "Tempo" und "Tesa" verglich und wir im Film zum Text "bläst ins selbe Horn" prompt ein Alphorn zu sehen bekommen.

Schon vor 18 Uhr aber kommt es zum ersten Aufeinandertreffen des sorgsamen Zahlenverkünders, des aus Köln angereisten WDR-Chefredakteurs Jörg Schönenborn, mit Sigmund Gottlieb, BR-Chefredakteur und Chefinterpret der CSU. "Es riecht nach Zeitenwende", orakelte der Kölner; während Gottlieb sogleich die Sprachregelung von einem "bürgerlichen Block" aus CSU, FDP und Freien Wählern erfindet, die sich im Laufe des Abends aber nicht durchsetzte. Bald aber nahm auch der treue Gottlieb Wörter wie "Desaster" oder "Debakel" in den Mund. Während die CSU-Parteiführung sich im ZDF schon Fragen nach personellen Konsequenzen stellen musste, soufflierte er der hektischen und heftigen Generalsekretärin nur: "Das muss Konsequenzen haben", statt sie direkt auf einen Rücktritt anzusprechen. Die Regie war besser als der Interviewer. Denn auch als sich Gottlieb den Spitzenkandidaten der anderen Parteien widmete, zeigte sie uns immer wieder Frau Haderthauers Reaktionen. Die Dame stand unter Dampf.

Im ZDF sprach derweil Heribert Prantl von der "Süddeutschen Zeitung" von einer "Woche des Köpfe-Rollens" und Helmut Markwort ("Focus") hatte sich den schönen Spruch zurechtgelegt: "Der Sündenbock ist kein Herdentier". Immer wenn es nur um Parteitaktik geht und nicht um tiefer schürfende Analyse, ist Ulrich Deppendorf (ARD-Hauptstadtstudio) in seinem Element. Entsprechend forsch fragte er auch in der "Berliner Runde" die Generalsekretäre. Wähler seien keine "Lagerinsassen", blaffte FDP-Mann Dirk Niebel seinen CDU-Kollegen Ronald Pofalla an, und den schönsten Satz sprach Grünen-Geschäftsführerin Steffi Lemke: "Jemand, der regiert, sieht anders aus als Herr Beckstein heute Abend."

Give Bayern back to the Bayern

Nach 20.15 Uhr lohnte ein Blick ins Bayerische Dritte Programm. Eine Fülle unterschiedlicher Reporter und Moderatoren unterschiedlichen Talents kam zum Zug. Professor Oberreuter, der Experte vom Dienst, der früh und gelassen einen Wechsel zu einer CSU/FDP-Regierung prognostizierte, hielt alles analytisch einigermaßen zusammen. Man spielte "großes Fernsehen", mit vielen Schalten, einer eigenen Talk-Runde und massivem Einsatz von Interviewern in allen Wahlbezirken. Auch wenn das Übliche passierte - Tonprobleme, "Ich hör' Sie nicht"-Rufe, das völlig unmotivierte Wegziehen des Mikrofons mitten im Satz, weil aus unerfindlichen Gründen nun jäh zu einem anderen, ebenfalls unbekannten Kandidaten geschaltet werden musste - wirkte das Dritte des BR professioneller als es die Hessen bei ihrer Wahl waren.

Das lag auch daran, dass bei den Direktmandaten die Einzelergebnisse so wenig spannend waren, dass es ausreichte, sie als Schriftband einzublenden, da es doch stets für die CSU-Kandidaten noch reichte. Toll war, wie der Studio-Moderator sich hinter dem Internet-Chat versteckte: Da nämlich käme es, wenn man in die Tastatur tippt, zu "harten Fragen". Auch der Reporter aus der CSU-Fraktion hatte noch nicht mitbekommen, dass die Zeit der Devotion nun vorbei ist: untertänigst bedankte er sich beim Kultusminister, "dass Sie in dieser schweren Stunde Zeit für uns hatten." Wo aber war Sigmund Gottlieb? Der Chefredakteur, so schien es, hatte sich selbst für das Erste aufbewahrt.

Wo war Sigmund Gottlieb?

Wir waren auf seine Lesart gespannt. Denn Gottlieb ist der häufigste Kommentator der "Tagesthemen". Um große Worte, mindestens "düstere Zukunft", die "Herausforderungen des Westens" oder das "völlige Versagen", meistens allerdings der SPD, ist er nie verlegen. Was würde er heute sagen? Welche Interpretation würde er wagen, welche Vorschläge an die CSU adressieren? Doch was war das? Auch schon eine "personelle Konsequenz"? Statt Sigmund Gottlieb sprach ein Thomas Hinrichs den "Tagesthemen"-Kommentar.

Einen "Aufstand der Protestwähler" machte er aus, jetzt müsse die CSU "auch auf die anderen schauen". Ohne Konsequenzen - aha ! - werde das nicht gehen. War das die Ablösung der CSU-Freunde aus der Bayerischen Kommentatorenriege? Mitnichten. Denn - das musste einfach mal gesagt werden und Thomas Hinrichs tat es mit Inbrunst - die SPD ist viel schlimmer. Sie hat das schlechteste Ergebnis und "die freuen sich noch." Da stimmten die Koordinaten wieder. Innerhalb der ARD ist dieser Thomas Hinrichs - jetzt schon stellvertretender Chef der "Tagesschau" und eifriger Online-Rechtfertiger - ein Mann mit Zukunft. Wie in der CSU scharrt eine neue Generation alerter Parteigänger mit den Hufen.