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Die Medienkolumne: Kurt Beck bleibt ZDF-Chef

Die Berichterstattung über Kurt Becks Rücktritt als SPD-Chef hat es deutlich gemacht: Es gibt Probleme zwischen der SPD und den Medien. Denn sie wollen die Selbstinszenierungen der Partei nicht mehr mitmachen. Dabei besitzen die Sozialdemokraten hinter den Kulissen nach wie vor viel Einfluss.

Von Bernd Gäbler

Kurt Beck ist nicht mehr Vorsitzender der SPD, aber er bleibt Vorsitzender des ZDF-Verwaltungsrats. Die Funktion ist wichtig. In ihr manifestiert sich der sozialdemokratische Einfluss auf die Medien: Er ist indirekt. Aber wenn es auf dem Mainzer Lerchenberg um Finanzen und Führungspersonal geht, dann kommt an Kurt Beck keiner vorbei.

Die geplante Märchenstunde

Welche Vorstellung von guten Medien er hat, demonstrierte Kurt Beck rund um seinen Abschied eindrucksvoll. Allen Ernstes erwartete er, dass die Medien seiner Erzählung folgen würden, die Ursache des Rückzugs vom SPD-Vorsitz seien Heckenschützen aus der zweiten Reihe gewesen. So leicht war er also umzupusten. Auch für das Wochenende am Schwielowsee hatte er eine schöne Märchenstunde geplant.

Angeblich haben Vertrauensbruch und fiese Medien dies durchkreuzt. Becks Plan: Er wäre vor die Presse getreten, als unumstrittener Führer der SPD, hätte das gemeinsam mit Frank-Walter Steinmeier erarbeitete Papier umrissen, dann generös, seine eigene strategische Klugheit und Selbstlosigkeit betonend dargelegt, warum er in voller Verantwortung erst für das Land, dann für die Partei aus eigenem Antrieb heraus Steinmeier die Kanzlerkandidatur angetragen habe. Heiliger Simplicius! Sie wollen uns wirklich ihre eigene, eingebildete Welt als Wahrheit verkaufen!

Aber auch nach Kurt Beck wird man von der SPD nicht erfahren, was denn nun das Wesen des politischen Prozesses vom Wochenende in Werder bei Berlin war: ein Putsch? Der koordinierte Griff von Becks Rivalen in der Parteiführung zur Notbremse, um die Talfahrt der SPD zu stoppen? Eine Richtungsentscheidung gar, um sich wenigstens über die nächsten Wahlen hinaus in die Fortsetzung der Großen Koalition zu retten? Kein führender SPDler hat dazu bisher klare Auskünfte erteilt. "Wir mussten es tun, anders ging es nicht mehr weiter" - ach, würde doch nur ein einziger der Frondeure dies offen zugeben. Wie schon nach dem Rücktritt des auf einem Parteitag noch frenetisch gefeierten Matthias Platzeck, dessen wahre Ursachen nie geklärt wurden, plant die SPD auch jetzt ihren Neustart ohne Aufarbeitung des Geschehenen. Wahrheit und Klarheit müssen sich die Medien schon selbst erarbeiten.

Wo steckt das Problem?

Weil viele Medien die märchenhaften Selbstinszenierungen der SPD nicht mehr mitmachten, sind die Sozialdemokraten einerseits sauer, andererseits trauen sie sich nicht, das auch zu sagen. Bei ihren TV-Auftritten betonen sie - von Peer Steinbrück bis Dieter Wiefelspütz, - nichts liege ihnen ferner als "Medienschelte". Allerdings sei der arme Kurt Beck unfair behandelt worden, habe manches wohl wahrgenommen als werde er verfolgt oder als arbeiteten gar seine Stellvertreter gegen ihn. Wie konnte er nur darauf kommen?

Wenn in der engsten Parteiführung abgesprochen worden war, am Wochenende Steinmeier zum Kanzlerkandidaten auszurufen, Peter Struck aber erst am Sonnabend einzuweihen, was dieser dann schon vorher in einem Artikel lesen konnte, dessen Redaktionsschluss am Freitagabend lag, dann sind nicht die Medien die Bösewichter. Das ist auch nicht Recherche, sondern Durchstecherei. So fällt manches Problem, das die SPD den Medien anlastet, in Wirklichkeit auf sie selbst zurück.

Medieneinfluss - direkt und indirekt

Das ist eine beliebte Quizfrage für angehende Journalisten: Welche Partei in Deutschland verfügt als einzige über eine eigene Tageszeitung? Die meisten antworten: SPD. Dabei ist es "Die Linke". Die SPD verkauft ihren modernisierten "Vorwärts" zwar jetzt auch am Kiosk, aber niemand soll glauben, darin stünden nun die wahren Hintergründe des Beck-Endes. Wichtiger ist auch der indirekte Einfluss der Partei auf Medien. An der "Frankfurter Rundschau" besitzt die SPD noch Anteile. "Reißt Euch zusammen" flehte diese Zeitung am fraglichen Wochenende auf dem Titel gen SPD. Mit Kurt Beck und Reinhard Grätz sitzen im ZDF und im WDR Sozialdemokraten an Schlüsselstellen.

Direkten Einfluss auf die Berichterstattung haben sie gottlob nicht. Den öffentlich-rechtlichen Matadoren der Berliner Politik-Berichterstattung kann man aber schon Nähe oder Ferne zu dieser oder jener Partei ansehen. Im ZDF besetzt Peter Hahne den Platz für das Konservative, Peter Frey steht dem Sozialdemokratischen näher, was im ARD-Hauptstadtstudio auch für den WDR-Mann Ulrich Deppendorf gilt.

Just diese beiden nun waren rund um den Rücktritt Kurt Becks einigermaßen auf Ballhöhe. Ständig gab es kurze Nachrichten-Sondersendungen; schon am Samstag wussten beide sicher, dass Steinmeier zum Kanzlerkandidaten gekürt werden würde, spekulierten ein wenig und Peter Frey murmelte gar etwas davon, dass sich Kurt Beck dann wohl auch wieder etwas stärker um Rheinland-Pfalz kümmern könne. Nicht die "Rechten" redeten übel nach, sondern die "SPD-nahen" waren in etwa eingeweiht.

Woher kam die erste Rücktrittsforderung?

Wenn die SPD zwar "Medienschelte" scheut, aber doch auf diese sauer ist, sollte man sie auch daran erinnern, woher die ersten, offen artikulierten Rücktrittsforderungen an Kurt Becks Adresse kamen: von einem beurlaubten Journalisten, den die SPD vorübergehend zu ihrem Spitzenkandidaten gekürt hatte. Gerne hätte Michael Naumann, Ex-Staatsminister und Mit-Herausgeber der "Zeit" in Hamburg, für sich und die SPD ein besseres Wahlergebnis erzielt. Schuld gewesen am abgebrochenen Höhenflug sei Kurt Becks "Laissez faire" gegenüber der Linkspartei.

Das und keineswegs dessen handfestes Umspringen mit unrasierten Arbeitslosen oder die im pfälzisch-provinziellen verhaftete Bodenständigkeit waren der Wendepunkt in der Kurt-Beck-Darstellung. Die einzige von einem sozialdemokratischen Ex-Kanzler herausgegebene Zeitung, die sich eigentlich dem Inhaltlichen und Hintergründigen verschrieben hat, leitartikelt in ihrer ersten Ausgabe nach Beck auch prompt frohlockend von der neuen "Chance, sich als Volkspartei zu behaupten" und nennt Münteferings Auftritt kurzerhand "brillant".

Nicht immer sind die Medien schuld

Natürlich hatte sich in der Beck-Ära bei vielen Medien Häme eingenistet. Natürlich ist es nicht schön, wenn Journalisten, die im Quiz nicht einmal wissen, wozu die Zweitstimmen gut sind, ihr Mütchen an einer Partei im Niedergang kühlen. Gut aber ist, dass die meisten Medien die gewünschte Selbstinszenierung, wie sie sich die SPD und der in Medienverantwortung verbleibende Kurt Beck gewünscht haben, nicht mitmachten.

  • Bernd Gäbler