HOME

Stern Logo Medienkolumne

Die Medienkolumne: Steinmeier und die freie Rede

Man vergleiche einmal Sarah Palin und Frank-Walter Steinmeier. Die eine hat gerade eine große Rede gehalten, der andere noch nie. Warum nur? Im US-Wahlkampf spielt die freie Rede eine viel bedeutendere Rolle als bei uns. Hier glauben viele Politiker immer noch, ihre langweilige Ausstrahlung sei ein Ausweis für Seriosität.

Von Bernd Gäbler

Sarah Palin. 37,2 Millionen Zuschauer hatten eingeschaltet. Sie alle wissen jetzt, was der Unterschied zwischen einer "Hockey-Mom" und einem Pitt-Bull ist: der Lippenstift. Das war einer der Scherze, die ein kluger Stab von Wahlstrategen, Spin-Doktoren und Redenschreibern der bis dahin weitgehend unbekannten republikanischen Kandidatin für das Amt des Vize-Präsidenten der USA, der Gouverneurin von Alaska, Sarah Palin, ins Redemanuskript geschrieben hatten. Und sie trug es einigermaßen authentisch vor - als erzkonservative Kulturkämpferin, als warmherzige Mutter, die zugleich forsch und gegen den Gegner aggressiv wie eine Löwin ihr unorthodoxes politisches Credo vortrug. Nicht um den Medien zu gefallen gehe sie nach Washington, sondern um dem Volk zu dienen.

Mit dieser Rede wurde sie zum Star des RNC - wie Eingeweihte den Parteitag der Republikaner zu nennen pflegen. Präsidial und über den Parteien stehend legte der mit viel nationalem und Helden-Pathos präsentierte eigentliche Präsidentschaftskandidat John McCain demgegenüber seine Rede an. Von dieser Rede blieb nur in Erinnerung, dass die Bühne für den schlechten Redner extra umgebaut wurde und sie dann vor einer seltsamen "green-screen" stattfand, auf die eigentlich Bilder projiziert werden sollten. Eine Panne.

Politik und Show

Egal. Am Ende regnete es Konfetti und Luftballons; die Delegierten ergingen sich in Orgien von Beifall, Hymnen erklangen. Wie nirgendwo sonst ist in den USA alle Politik Show, Inszenierung, Hollywood. Sie unterwirft sich den Gesetzmäßigkeiten des Entertainments. Und dennoch: das mediale Kalkül ist etwas anderes als die Wirkung; wären die führenden Politiker lediglich Kunstprodukte - sie wären schnell erledigt. Der investigative, fragende, nachhakende Journalismus ist immer noch gut genug, um Politiker, die nur glitzernde Oberfläche sind, nur Popstars oder Showman, ganz schnell desavouieren zu können. Darum kommt es bei aller Inszenierung immer noch darauf an, ob sie auch passt. Nur dann hat sie Chancen zu wirken.

Bei Sarah Palin war das der Fall. Deswegen wurde sie zum Star des Parteitags und wirkte auf ihre Anhänger ermutigend. Aber sie griff kaum über diese hinaus. Sie wendete zwar ihre familiären Angelegenheiten von der Defensive ins Offensive, rückte aber die Republikaner zugleich auch weiter nach rechts. Es war eine wichtige Rede, einige Sentenzen werden in Erinnerung bleiben, aber es war auch eine Eigene-Leute-Rede. Dennoch: so "gemacht" diese Rede auch war - durch den dicken medialen Schleier hindurch machte sie immer noch sichtbar, wie wichtig, die große, freie Rede in der Demokratie für die Politik und für das Profil jedes Politikers ist.

Der gute Redner Barack Obama

200.000 Menschen kamen zu Obamas Rede nach Berlin. Seine sperrige, 37-minütige Rede "A more perfect Union", in denen er recht komplex sein Herangehen an die Überwindung der Rassenspaltung vorstellt, wurde im Internet inzwischen fast fünf Millionen Mal angeschaut. Barack Obama ist ein guter Redner. Viele werfen ihm vor, er predige zu wolkig oder spreche zu allgemein. Auf dem Parteitag der Demokraten hat er ein konkretes ökonomisches Programm dargelegt. Dennoch klang es nicht wie aus einem Aktenordner verlesen. Obama versteht es, mit seinen Reden zu begeistern; Menschen, vor allem junge Leute, mitzureißen, die sich vorher nicht für Politik interessiert haben. Viele sind skeptisch: er könnte ein Demagoge sein, es nicht ernst meinen, mit seiner Fähigkeit egoistisch spielen. Das kann alles sein - aber welch eine Erholung ist es, am Beispiel Barack Obamas zu erleben, dass Politik nicht grau und blass sein muss, nicht langweilig wie Lateinunterricht oder detailversessen wie der siebte Unterausschuss zur Gesundheitsreform. Es geht auch mit Herz und Leidenschaft.

Bei uns: Tristesse

Vor ihrer Rede kannte kaum jemand Sarah Palin.

Frank-Walter Steinmeier

hatte schon gute Umfragewerte bevor er zum SPD-Kanzlerkandidaten nominiert wurde. Aber die hat jeder Außenminister. Er könnte immer noch eine Art Kinkel der SPD sein. Stellt er sich uns nun also mit einer großen Rede vor, die live im Fernsehen übertragen wird und millionenfach im Internet angeklickt wird? Erklärt er uns mitreißend die vier, fünf Eckpunkte sozialdemokratischer Politik heute. Iwo! Was er wurde, wurde er in Hinterzimmern. Dafür reicht auch sein Image als ordentlicher Büro-Organisator aus. Politik ist da Verwaltung, eine persönliche Leidenschaft könnte unbesonnen wirken. Zuletzt hat er sich ein paar Mal als Redner versucht, dann trat er hemdsärmelig vor seine Genossen und wurde sehr laut, wenn er einen Gedanken unterstreichen wollte.

Noch viel schlechter redete Kurt Beck: ausschweifend und unpräzise. Das hatte natürlich viel mit seiner vertrackten Lage zu tun: er wollte die Partei zusammenhalten, in dem er sich gegenüber allen Flügeln offen zeigte, kaum Richtlinien vertrat, nur interne Sprachregelungen ausgab, die normale Zuhörer nicht interessierten und vor allem - arg schnell beleidigt war. Niemand hat ihm verraten, dass ein SPD-Chef auch dann, wenn er sich vor allem als bodenständig profilieren möchte, dennoch auch eine intellektuelle oder zumindest pfiffige Ausstrahlung braucht. Kein Wunder, dass wenigstens der Gegenpol Franz Müntefering sein "Comeback" über eine Rede zelebriert hat. Sie gab sich bescheiden als Beitrag zum Landtagswahlkampf in Bayern - und jeder wusste, dass sie mehr bedeutet. Leider haben wir in Deutschland zwar drei so genannte Nachrichtenkanäle (N-TV, N24 , Phoenix), aber kein CNN. Sonst wäre sie angemessen "gecovert" worden. Jetzt wird der Meister der Knappheit und Ex-und-erneut-SPD-Chef auf dem beschlossenen Sonderparteitag begeistern müssen.

Rede und Gegenrede; Langeweile und Charisma

Unsere besten Redner reden gegen etwas an. Oskar Lafontaine ist so einer, der eigentlich raffiniert argumentieren kann, sich aber auch sehr echauffiert, dann einen ganz roten Kopf bekommt und nur noch seine eigenen Leute demagogisch aufpeitscht. Auch Guido Westerwelle kann ein guter Redner sein. Aber er steht immer in dem Zwiespalt, staatsmännisch tun zu wollen, im Herzen aber durch und durch Oppositionspolitiker zu sein. Auch er ist ein klassischer Gegenredner. Die Taktiker, Strategen und politischen Gestalter dagegen haben bei uns leider das Image von Aktenkofferträgern und Geschäftsführern. Ronald Pofalla und Hubertus Heil sind die Prototypen jener Profis ohne Charisma. Ihre Politik wirkt stets berechnend, nie verführerisch. "Talk-Show" können sie einigermaßen, aber Säle mitreißen nicht. Sie reden, als äßen sie dabei trockene Brötchen. Parteitage organisieren sie so prickelnd wie Elternpflegschaftsversammlungen.

Liegt es daran, dass bei uns die Politik eine ernsthaftere Angelegenheit ist als in den USA? Dass Spin-Doktoren, Strategen, Inszenierer und Medienregisseure keine Rolle spielen? Quatsch! Unsere sind nur viel schlechter. Und - anders als in den USA - bedienen sich die Politiker ihrer mit schlechtem Gewissen. Sie wollen unbedingt seriös wirken. Deswegen sind sie die einzigen, die Langeweile verlockend finden.

  • Bernd Gäbler