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Medienkolumne zu Polittalkshows: Im Begriffsbrei des Gängigen

Alle Talkshows möchten stets die gleiche populäre Sau durchs Dorf jagen. Es sind einfach zu viele, zu belanglos. Ein Jahr Maischjauchwillillbeckberg - eine Bilanz zur Sommerpause.

Von Bernd Gäbler

Mit großem Brimborium startete die ARD im vergangenen Jahr die neu programmierte Polittalk-Schiene. Die einzige, die einem politischen Anspruch treu blieb, ist jedoch nicht im Bild: Maybrit Illner vom ZDF

Mit großem Brimborium startete die ARD im vergangenen Jahr die neu programmierte Polittalk-Schiene. Die einzige, die einem politischen Anspruch treu blieb, ist jedoch nicht im Bild: Maybrit Illner vom ZDF

Jetzt regiert auch im Fernsehen der Fußball. Da verstummen, nach und nach, die Talkshows. Die einen (Beckmann, Maischberger) sind schon in der Sommerpause, die anderen folgen bald. Nicht ohne vorher noch für einen geschmeidigen Übergang zu sorgen. Zuletzt mutierten die sogenannten politischen Talkshows der ARD flugs zu munteren Fußball-Stammtischen. Kicker, Kohle, Krawalle - Wer regiert König Fußball? Wie unbarmherzig ist Fußball-Deutschland? Und: Gewaltige Leidenschaft - wer schützt den Fußball vor seinen Fans? So lauteten die pauschalen Fragen. Entsprechend beliebig fielen die Antworten aus.

Sprache soll eigentlich dazu dienen, Sachverhalte präzise zu bezeichnen, und Analyse soll die Fähigkeit sein, zu differenzieren. Das Gespräch soll dem Austausch dienen und der wechelseitigen Bereicherung. Bei den abendlichen Fußballstammtischen war zu beobachten, wie alles dies im TV-Talk völlig auf den Kopf gestellt wird. Gewalt und Pyrotechnik, Leidenschaft und Kommerz, Ultras und Hooligans - irgendwie ist alles eins. Kam mal - wie bei Plasberg - ein kundiger Polizist zu Wort oder ein bemühter Fan-Beauftragter, rasch wurde sein Gedanke wieder erstickt im undifferenzierten Begriffsbrei des Gängigen.

Polit-Talk auf "Doppelpass"-Niveau

Kein Wunder, denn als Diskutanten sind - das ist inzwischen in allen Talkshows zu allen Themen üblich - vornehmlich Menschen mit von der Partie, die bekannt sind, weil sie aus der großen Fernsehfamilie stammen. Also waren die Fußballexperten Kai Pflaume und Johannes B. Kerner, Oliver Pocher und Carlo von Tiedemann, Mareike Amado und Norbert Blüm. Dazu gab es ein Wiedersehen mit den Geschwistern Töpperwien: Rolf, der Pensionär des ZDF, war bei Maischberger, während seine Schwester Sabine, die Hörfunk-Sportchefin des WDR, Anne Will beehrte. Beiden gemeinsam war: Sie redeten ausschließlich in den abgegriffenen Floskeln eines längst vergangen geglaubten Sportjournalismus, als noch "Gras gefressen" wurde und "Flagge gezeigt" (diesmal ausgerechnet in Auschwitz). Da war man am Ende froh, als "der Sack zugemacht" wurde. Verglichen damit, was in drei ARD-Sendungen an Reflexion über Fußball und Gesellschaft geboten wurde, mutet jeder einzelne "Doppelpass" auf Sport1 an wie ein feiner Experten-Diskurs.

Abschied von der Aufklärung

Dieser Abschied von der Aufklärung wirkt inzwischen aber kaum noch wie ein Verrat an der Ursprungsidee der Talkshow - eher sind sie bei sich und ihrer Bestimmung im ruhigen Fluss der Fernsehunterhaltung angekommen. Als hätte es noch eines Beweises bedurft, zeigten gerade die letzten Wochen: Alle Talkshows möchten stets die gleiche populäre Sau durchs Dorf jagen. Es sind einfach zu viele. Sie sind zu belanglos.

Politisch ging es eigentlich nur um die Eurokrise und um die Wahlen. Jenseits davon gab es viele Servicethemen, die von der "Volkskrankheit Schlaganfall" (Beckmann) über Aldi (Jauch) bis zum Baumarkt (Plasberg) reichten.

Plasberg ist kaum noch bissig, sein "Hart aber fair" scheint für ihn eine Show unter vielen geworden zu sein. Maischberger thront als Gouvernante in einer Senioren-Residenz. Wenn die ARD sich wundert, warum sie kein junges Publikum anspricht, muss sie sich nur einmal ihr komplettes Programm am Dienstagabend selber vorführen. Nur die Krankenkassen (Illner) und das Betreuungsgeld (Jauch) sorgten am Ende dieser Talkperiode noch für ein wenig Abwechselung. Überhaupt bleibt Maybrit Illner am ehesten einem politischen Anspruch treu, während bei Günther Jauch am Sonntag zu studieren war, dass es sich durchaus lohnt, einmal jemand anderen einzuladen als die allseits bekannten Fernsehnasen. Der engagierte Sozialwissenschaftler Stefan Sell jedenfalls hat das lahme parteipolitische Ping-Pong-Spiel zum Betreuungsgeld hübsch aufgemischt.

Was bleibt: Ein Pirat in Sandalen

Als Zuschauer ist man inzwischen für jede Idee dankbar. Beckmann hat sich gründlich dem Prozess gegen Anders Breivik gewidmet, Maischberger einen Salafisten geladen und mit ihm gestritten, Jauch führte Thilo Sarrazin und Peer Steinbrück in eine direkte Konfrontation, Illner wagte es sogar, David Graeber einzuladen, dessen Buch "Schulden, die ersten 5000 Jahre" viel interessanter ist als der Sarrazin-Schinken. Diese Sendungen und dazu noch zwei bis drei der klassischen parteipolitischen Runden rund um die Wahl - etwa die, in der Röttgen noch einmal unfreiwillig und umständlich zugeben musste, im Falle einer Wahlniederlage doch in Berlin bleiben zu wollen, und außerdem der "Piraten"-Geschäftsführer Ponader in Sandalen zu bewundern war - das war es dann aber auch schon an interessanten Talkshows im letzten Vierteljahr.

Die Talks sind einfach zur Masche geworden. "Es wird eine Gesprächssituation konstruiert, und jeder kennt seine Redebeiträge schon seit Jahren, weil sich dieselben Menschen in allen Talkshows treffen", so hat jüngst Bernd Schlömer, der Vorsitzende der Piraten, seine Talk-Abstinenz begründet. Er hat Recht. Trotz ARD-Koordinator und Clearingstellen ist es nicht besser geworden. Im Gegenteil: Es wirkt so, als seien endgültig alle zwischenzeitlichen Hemmungen gefallen, immer wieder Hans-Olaf Henkel und Arnulf Baring, Peter Scholl-Latour und Norbert Blüm einzuladen. Alle waren wieder dabei - aber endlich lernten wir auch Frau Baring kennen. Am 2. Mai gab sie als Therapeutin bei Anne Will Auskunft über "die Ängste der Deutschen". Das war neu.

Die vielen Gesichter des Wolfgang Bosbach

Ansonsten setzt sich die schon im Vierteljahr zuvor feststellbare Tendenz fort: Die liebsten Gäste sind den Fernsehleuten die Fernsehleute. Also talken sie alle freudig mit: Sonya Kraus und Jürgen Domian, Katharina Saalfrank (die "Super-Nanny") und Thomas M. Stein, Ingo Appelt und Oliver Pocher. Politiker dagegen, die etwas auf sich halten - also Angela Merkel, Wolfgang Schäuble und inzwischen sogar Guido Westerwelle -, umgehen die Talkshows weiträumig. Wolfgang Kubicki (FDP) und Markus Söder (CSU) allerdings haben in der Talkhäufigkeit Karl Lauterbach (SPD) überholt, aber Spitzenreiter bleibt ein polyvalent begabter, fröhlicher Rheinländer. Diesmal war er in folgenden Rollenvarianten zu bewundern: als ehemaliger Filialleiter (Jauch 29.4.), Menschenrechtler (Illner 3.5.), Salafisten-Feind (Maischberger 15.5.) und Röttgen-Freund (Will 16.5). Er ist der ungefähr einzige bekannte CDU-Politiker ohne relevantes Amt - was wäre die deutsche Talkshow ohne ihn, Wolfgang Bosbach, den Allrounder?