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Museumsinsel: Eine Insel mit fünf Perlen

Die Berliner Museumsinsel ist eines der schönsten Kunstareale der Welt - und schon jetzt ein Touristenmagnet. Seit Jahren wird sie für viel Geld renoviert. Von Dienstag an gibt es dort ein neues Highlight: Als zweiter der fünf Kunsttempel strahlt das Bodemuseum in neuem Glanz. Masterplaner Chipperfield drängt nun, dass es zügig weitergeht mit der Modernisierung der Insel.

Von Anja Lösel

Museumsinsel? Klar, schon mal gehört. War da nicht was mit Weltkulturerbe und grandiosem Kunst-Ensemble? Nofretete, Pergamonaltar und Caspar David Friedrich? Aber auch irgendwas mit Milliardengrab, sperrig und kompliziert.

Fest steht: Die Berliner Museumsinsel ist einzigartig. Nirgendwo sonst auf der Welt wurde in nur hundert Jahren (1830 bis 1930) ein Komplex aus fünf Museen von höchstem Rang gebaut. Nirgendwo sonst gibt es auf so engem Raum so viele grandiose Kunstschätze. Und nirgendwo sonst leider auch so viel Renovierungsbedarf, denn der Zweite Weltkrieg hat der Insel schwere Schäden zugefügt.

Sogar die Berliner wissen nicht genau, was dort alles verborgen ist, denn die meisten Kunstwerke sind seit Jahren in Depots versteckt. Am nächsten Dienstag geht es nun einen großen Schritt nach vorn. Dann wird das Bodemuseum wieder eröffnet. Neben der 2001 eröffneten Alten Nationalgalerie wird es, frisch herausgeputzt, als zweites der fünf großen Häuser auf der Insel erneut glänzen.

"Arsch von Berlin" nannten sie das Bodemuseum bei seiner Eröffnung 1904. Weil es auf der Rückseite der Insel liegt und seine Rundung hinüber zur müffeligen Spree streckt und nicht zur Prachtstraße Unter den Linden. Dass der "Arsch" inzwischen ziemlich hübsch geworden ist, hat als Erstes die Partyszene aus Berlin-Mitte entdeckt. Im Sommer drängt sie sich in der Strandbar am gegenüberliegenden Ufer und blickt aufs Wasser und das frisch renovierte Museum.

Fast sechs Jahre lang war das Bodemuseum geschlossen. Die Berliner hatten es beinahe schon vergessen. Nun werden sie und Touristen aus aller Welt strömen, um die Skulpturen von Donatello, Riemenschneider und Canova zu bewundern, byzantinische Sarkophage und wertvolle Münzen. An zwei Tagen der offenen Tür (19. und 20. Oktober) werden Tausende von Besuchern erwartet, und vorher, zum Festakt am 17. Oktober, viele prominente Gäste.

Ganz so feierlich wie damals 1904 wird es allerdings nicht werden, dazu fehlt einfach ein Kaiser. Wilhelm II. hatte angeordnet, dass zur Eröffnung des Bodemuseums Kirchenglocken läuten und Böllerschüsse krachen sollten. Und ein Spalier aus Menschen musste den Weg säumen. Mitten im Museum, in der Basilika, empfing Seine Majestät unterm Baldachin die Würdenträger des Reiches.

Heute geht es etwas lässiger zu. Kanzlerin Merkel wohnt gleich gegenüber, Am Kupfergraben 6. Bequem kann sie zu Fuß zur Eröffnung kommen, und vielleicht gibt's sogar ein Spalier - aus neugierigen Touristen. Die Basilika, einem Kirchenraum von Michelangelo nachempfunden, kann in Zukunft ab 15 000 Euro für Galadiners gemietet werden.

Die Museumsinsel ist das Herz der Stadt. Fast jeder Berliner war hier schon einmal. Nicht unbedingt, um Kunst zu betrachten, aber vielleicht, um sich im Freiluftkino einen Film anzugucken, um zur Tangonacht unter den Kolonnaden zu tanzen oder ein Konzert mit Paolo Conte zu hören. Oder einfach nur, um eine Party zu feiern am Ufer der Spree. Und wenn sich dann die Stare im Kastanienhain vor dem Alten Museum sammeln, wenn sie zu Tausenden zwitschern und immer wieder zu kunstvollen Formationsflügen starten, dann staunen alle.

DAvid Chipperfield hat für so etwas keine Zeit. Der britische Architekt ist Chefplaner des Riesenprojektes Museumsinsel. Gerade mal wieder aus London eingereist, hastet er über die Baustelle. Vier der fünf Museen will er miteinander verbinden durch eine zum Teil unterirdische "archäologische Promenade". Ein großes Ganzes soll die Insel werden, ohne dass die einzelnen Häuser ihre Eigenständigkeit verlieren. Jedes Museum hat einen anderen Renovierungsarchitekten: vom Wiener Hans Tesar über den Kölner Olwald Mathias Ungers bis hin zu den Münchnern Hilmer, Sattler und Albrecht.

Chipperfield selbst übernahm den größten Brocken: die gesamte Neuorganisation der Insel und dazu noch die Renovierung des Neuen Museums. 50 Jahre lang stand es als Kriegsruine mitten in Berlin, ein Wrack von einem Haus, aus dem die Bäume herauswuchsen und dessen wunderbare Fresken von den Wänden blätterten.

Jeder Planer würde Albträume bekommen angesichts dieser Mammutaufgabe. Nicht Chipperfield. Er sitzt gelassen in seinem Büro in Berlin-Mitte, nicht weit entfernt von der Museumsinsel, und sagt lächelnd: "Oh, ich wünschte mir Albträume! Aber die könnte ich nur haben, wenn es endlich mal richtig zur Sache ginge."

Im Augenblick geht ihm alles viel zu langsam, die Zeit läuft davon. Das Geld fließt nicht, ständig gibt es Sparappelle. Der Bundesrechnungshof bremst, der Kulturstaatsminister auch und der Finanzminister sowieso.

Um notwendige, aber sperrige und lästige Dinge wie Café, Garderobe, Toiletten, Shops, Vortragssäle und Räume für Sonderausstellungen aus den Museen herauszulösen, entwarf Chipperfield einen Eingangsbau: gläsern, leicht, modern und elegant. Der könnte die Museen entlasten und den Besuchern einen bequemen Besuch garantieren. James Simon soll er gewidmet werden, der dem Bodemuseum einst seine Renaissance-Sammlung stiftete und dem Ägyptischen Museum rund 5000 Stücke - darunter die unangefochtene Königin der Insel, die Nofretete.

sie ist die berühmteste Insulanerin. "Die Schöne, die da kommt" bedeutet ihr Name. Seit sie im Sommer 2005 zurückkehrte auf ihre Insel, nach Jahrzehnten des Exils in Dahlem und Charlottenburg, sind die Besucherzahlen auf der Museuminsel noch mehr gestiegen. Wenn alles fertiggestellt ist, wird die Nofretete am Kopf der grandiosen neuen Treppe von David Chipperfield glänzen und die Besucher der Ägyptischen Sammlung im Neuen Museum empfangen. Auf der archäologischen Promenade werden Besucher von Haus zu Haus gehen können - in fünf Jahren, wenn alles klappt.

Aber es klemmt. Das neue Eingangsgebäude ist noch nicht genehmigt. 60 Millionen Euro soll es kosten, aber die sind bisher nicht vorhanden. Dabei wäre das doch "hervorragend angelegtes Geld", findet Chipperfield. "Es ist ein sehr, sehr billiges Gebäude."

Ursprünglich sollte der Umbau der Insel 500 Millionen kosten, später dann 1,5 Milliarden. Manche glauben auch, es könnten mehr als zwei Milliarden werden. Chipperfield soll den Masterplan beschneiden: keine archäologische Promenade, kein neues Eingangsgebäude mehr. 130 Millionen ließen sich so einsparen. Aber wohin dann mit den Besuchern, die in immer größerer Zahl kommen? Rund 2,5 Millionen im vergangenen Jahr, davon 970 000 allein ins Pergamonmuseum, dem meistbesuchten Museum Deutschlands.

Wie ein "fetter Elefant" sitze es mitten auf der Insel, sagt Chipperfield. Weil es so beliebt ist, soll es auch während seiner Sanierung nicht geschlossen werden. Das macht die Arbeiten kompliziert, sie können "bis zu 15 Jahre" dauern und 350 Millionen Euro kosten, denn das Pergamonmuseum ist besonders marode. Eine stolze Summe? Nun ja. Die Sanierung des S-Bahnhofs Ostkreuz kostet genauso viel. Und das unsägliche Stadtschloss, das niemand braucht, würde mindestens auf das Doppelte kommen. So gesehen sind die Millionen beim Pergamonmuseum gut angelegt.

Wenn alles renoviert und ergänzt sein wird, kann sich Berlin immerhin mit einem einmaligen Kunstparadies schmücken, "größer als der Louvre in Paris" und "vollständiger als das British Museum in London", sagt Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Berliner Museen. Er rechnet dann mit vier Millionen Besuchern. Die könne die Insel nur verkraften, wenn klug geplant und großzügig finanziert werde.

"ABer nun sehen sie sich dieses Modell an", sagt Chipperfield. Er weist auf seinen Entwurf des neuen Eingangsgebäudes. "Es ist ganz eingestaubt. Seit Jahren hat es keiner mehr angefasst." Der 53-jährige Chefplaner wurde wegen seines geplanten Neubaus angegriffen: unnötig sei der Glaskasten, hässlich, unpassend. Auch die Unesco mäkelte herum. Seit 1999 gehört die Museumsinsel zum Weltkulturerbe, da guckt man genauer hin.

Aber Chipperfield will diesen Bau. Er ist davon überzeugt, dass es ohne ihn nicht ginge, dass die Menschenmassen sich andernfalls in den engen Eingängen quetschen würden, vor den Garderoben und Toiletten der einzelnen Häuser, die für so viele Menschen nicht geplant wurden. "Der Neubau ist ein Schaufenster für die gesamte Museumsinsel", sagt Chipperfield, "nicht nur ein Haus für Toiletten und Garderobe. Es ist der Ort, an dem die Insel sich selbst präsentiert, lebendiger als bisher."

Sein Vorbild ist die National Gallery in London, die kennt er gut. "Alle drei Monate machen die eine tolle Ausstellung", sagt Chipperfield. "Die Leute kommen gern vorbei. Dann frühstücken sie vielleicht im Museum, kaufen ein Buch, treffen Freunde. So könnte das in Berlin auch laufen."

Werde jetzt der nächste Schritt gemacht, "würden wir den Neubau pünktlich 2011 eröffnen. Aber wenn es so zäh weitergeht wie in den letzten fünf Jahren, kann es auch 2050 werden", sagt der Architekt. "Die Politiker müssen endlich aufwachen. So viele Touristen wollen nach Berlin kommen. Aber immer nur Reichstag und Jüdisches Museum ist ihnen auf Dauer nicht genug."

Wer schon jetzt sehen will, wie schön der gesamte Komplex einmal aussehen könnte, der sollte ins Pergamonmuseum gehen. Links hinten, in der allerletzten Ecke des Seitenflügels, gibt es eine wunderbare Computeranimation, einen virtuellen Spaziergang über die Insel im Jahr 2015. Das Eingangsgebäude ist da, die archäologische Promenade auch. Ein Traum.

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