HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: The Walking Dad - 30 Stunden in der Gewalt des Latte-Macchiato-Papas

Micky Beisenherz und seine Tochter Pippa sind ein Herz und eine Seele. Sogar auf der Toilette. Wäre da nicht die Sache mit dem Erbrochenen und Rocco Siffredi passiert.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz

Ödipus-Komplex ausgeschlossen: Micky Beisenherz nimmt seine Tochter Pippa sogar mit auf die Toilette - auch bei längeren Sitzungen.

Sie macht die Augen auf und sieht mich an. Es gibt ja diesen Gesichtsausdruck, der Zuversicht ausstrahlt, Vertrauen, Hoffnung. Genau so ein Blick ist das nicht. Pippa ist erst fünf Monate alt. Alt genug, um zu ahnen, dass jetzt eine echt harte Zeit auf sie zukommt. 30 Stunden alleine mit ihrem Vater. Das allererste Mal. Mutti ist weg. In einer anderen Stadt. Über Nacht. Ach. Du. Scheiße.

Mein Tagesablauf in ihren Händen. Für sie muss sich das in etwa anfühlen, als würde ein Schimpanse versehentlich in den Besitz eines Atomkoffers geraten. Oder Björn Höcke wird Bundeskanzler. Nicht, dass ich jetzt die totale Pfeife als Vater wäre. Ich kann ziemlich gut wickeln. Und schieben. Ich schiebe den Kinderwagen stundenlang durch meine Hood, kann genau sagen, welches Blatt gestern noch wo am Baum gehangen hat, welcher Pflasterstein sich angehoben hat und welcher Hundeschiss gestern noch nicht da war. Bei mir wird mehr geschoben als in der chinesischen zweiten Liga. Früher Hipster, jetzt Schiebster.

Mal 'ne Rassel bedienen, ein dummes Gesicht machen, Fläschchen geben - kein Thema. Aber halt eben nur punktuell. Als Gastauftritt. Auf Strecke? Völlig neue Erfahrung. Schließlich muss sich dieses Kind darauf verlassen können, dass ich funktioniere. Babys haben eine Schwäche für Nahrung und trockene Windeln. Der erste Downer ereilt mich schon zirka 300 Meter von zu Hause entfernt.

Was mal so eine Art Stammcafé war, lässt mich plötzlich mit Kinderwagen nicht mehr rein. Eine lupenreine Diskriminierung. Ich bin kurz davor, bei Netzfrauen.de die Bombe platzen zu lassen. Im nächsten Stammcafé sieht es besser aus. Dort sitzt regelmäßig ein halbes Dutzend Latte-Macchiato-Muttis zusammen und bildet hinten in der Ecke eine Art Wagenburg aus Kinderwagen. Eine schwere Wolke aus Östrogen darüber, mindestens sechs sekundäre Geschlechtsmerkmale im Dauerstilleinsatz.

Latte Macchiato verbindet

Gehst du zu nah an denen vorbei, nimmst du deinen Cappuccino dieses Mal mit brustwarmer Frischmilch. Sicher, früher habe ich über die gelacht. Aber wie ich da so sitze, in der anderen Ecke, mit meinem Kumpel Christian, seinem und meinem Nachwuchs, Elterngespräche führend und Stuhlgang analysierend, stelle ich schnell fest: Ich bin jetzt ein Latte-Macchiato-Vater.

Ohnehin bedeutet Eltern sein nichts anderes als: Du bist jetzt einer von denen. Du redest wie sie. Du verhältst dich wie sie. Mit ein bisschen Glück kommst du zumindest um die Jack-Wolfskin-Jacke herum. Zu diesem Zeitpunkt nehme ich noch an, mir einen entspannten Tag machen zu können. Dem soll nicht so sein. Ein mahnender Huster, gefolgt von einem lauten Quaken bedeutet mir, dass das legere Abhängen im Café vorbei ist.

Das Kind ist wach und ihm ist langweilig. Also: wieder schieben. Dann pennt sie ein. Absurderweise hat Kopfsteinpflaster fast hypnotische Wirkung, weshalb man sich stets den mit Abstand miesesten Untergrund sucht und durch die Gegend wackelt wie ein Rentner mit 'nem kaputten Rollator. Kaum zu Hause, steht mein Freund Oli vor der Tür. Wir wollten noch ein wenig für seinen Bühnenauftritt schreiben. Was nur bedingt funktioniert. So ein Kind interessiert sich nämlich einen Scheiß dafür, was du willst - das will beschäftigt werden.

Was uns eint: die Frisur

Vor zirka drei Monaten war sie noch eher Gemüse. Jetzt guckt dich plötzlich schon eine richtige Person an. Mit Pausbäckchen, erstaunlich wachen Augen und bereits unfassbar vielen Haaren auf dem Kopf. Tatsächlich teilen wir beide uns eine Frisur. Follikeltechnisch zeigt bei IHR die Tendenz allerdings klar nach oben.

Ernsthaft? Du kommst zu nix! Du bist kein Mensch mehr, du bist Personenschützer! Entweder wird sie pausenlos mit irgendwas beliefert, das knistert, bimmelt oder trötet - oder du wickelst. Zumindest dafür wird man in der Regel vorweg mit einem echten Comedy-Knaller entschädigt. Ein Schlichtling wie ich kann sich einfach unglaublich darüber amüsieren, wenn ein zartes Sechs-Kilogramm-Persönchen einen krachenden Nassfurz in die Windel jagt, der jedem Fernfahrer zur Ehre gereichen würde. Da stimmt einfach die Fallhöhe.

Das ist allerdings nur solange lustig, bis du das Ergebnis wegmachen musst. Je reger das Kind, desto schwieriger ist es, ihm die Windel anzulegen. Meines ist SEHR rege. Pippa macht auf dem Wickeltisch mehr Umdrehungen als ein Döner. Sie riecht allerdings besser. Und ist deutlich frischer.

Immerhin habe ich sie noch nicht fallen lassen. Was erstaunlich ist, da ich für gewöhnlich so tollpatschig bin wie eine Lufthansa-Stewardess. Mit so kostbarer Fracht konzentriert man sich aber einfach besser. Zumindest auf das Wesentliche.

Stuhlgang wird für Papa zur Herausforderung

Der spätere Nachmittag: Wieder einmal muss ich das Fläschchen mit dem Milchimitat fertig machen. In einer Art Wasserkocher ohne Deckel wird das Ding dann so erhitzt, dass die Milch muttitemperiert ist. Dann fällt mir ein, dass ich noch gar nicht auf der Toilette war. Dazu muss man wissen: Ich gehe wirklich sehr gerne aufs Klo. Und lange. Ich hab auf'm Topf schon locker zweimal Facebook durchgespielt. Selbst in Gastronomien bin ich oft so lange im WC, dass die Zeitschaltuhr in der Kabine irgendwann zurück auf Dunkelheit stellt.

Mit einer fünf Monate alten Verwandten auf dem Oberschenkel ist man für gewöhnlich nach zwei Minuten fertig. Es macht einfach keinen Spaß. Aber wo soll man mit einem Kind auch mal eben so hin! Nebenbei gesagt: Eine Jeans mit Knöpfen lässt sich - mit einem Baby unterm Arm - nach Geschäftsabschluss deutlich schlechter zumachen, als eine mit Reißverschluss. Okay, vielleicht waren es mehr als zwei Minuten.

Die Milch in der Flasche ist mittlerweile dermaßen heiß, ich könnte der Kleinen auch geschmolzenes Metall einflößen. Dummerweise wollte ich eigentlich schon längst bei Freunden das BVB-Spiel gucken. Nun muss ich erst einmal zusehen, dass ich die verdammte Pulle zurück auf Nippeltemperatur kriege! Und das dauert. Und dauert. Und dauert. The Hunger Games.

Später trinkt Philippa auch noch betont langsam. Vermutlich aus reiner Boshaftigkeit. Dass sie jetzt bereits acht Wochen Stubenarrest zusammen hat, weiß sie noch nicht. Das Spiel ist in der zweiten Halbzeit, die Kröte gestillt, angezogen und abfahrbereit, als sie die Hälfte des eben Getrunkenen barneygumbleesk hochrülpst und über ihre Kleidung ergießt. Ein Kostümwechsel ist vonnöten. Jetzt sind es bereits neun Wochen Stubenarrest. Im Gehen bemerke ich, dass der Müll auch mal wieder runter gebracht und der Sack unten an die Straße gestellt werden müsste.

War das Rocco Siffredi? Oder Pippa?

Bei all der Hektik und Verantwortung bin ich mittlerweile so durcheinander, dass eine Verwechslung nicht mehr ausgeschlossen ist. Spätestens, nachdem du zwanzig Minuten durch die Gegend gefahren bist, während du einem Müllsack auf der Rückbank etwas vorsingst, merkst du es dann auch. Besser aber, es gleich zu vermeiden.

Am Zielort angekommen, hebe ich das Kind aus dem Sitz und lege es mir über die Schulter. Sie dankt es mir mit einem infernalischen Bölken, und die verbliebene Hälfte des Mageninhaltes landet auf meinem Pullover. Ich sehe aus, als wäre ich überraschend Rocco Siffredi in die Schlusszene geplatzt. Notdürftig gesäubert, bekomme ich vom Spiel exakt die letzten sieben Minuten mit.

Früher immer auf zeitiges Erscheinen bedacht, erfasst einen mehr und mehr eine persische Pünktlichkeit, die Planungsgenauigkeit des Flughafens BER. Es passiert einfach zu viel Unvorhergesehenes. Als Eltern hast du nur noch eine Zeitform: zu spät. Der Besuch bei Freunden nimmt sich ebenfalls kurz aus, weil die kleine Lady müde ist - dann wird sie schnell knatschig. Bei "Wetten, dass..?" ging um dieselbe Zeit immer der Flieger von Offenburg nach Hollywood. Auf dem Heimweg grollt der Hunger.

Dann das Dilemma: Du kannst das Kind mit zum Asiaten nehmen und bestellst das Essen dort. Dann allerdings kann es passieren, dass es im Maxi Cosy wach wird und so schreit, dass du das Geschäft fluchtartig verlässt, ohne das Essen mitzunehmen. Oder du bestellst zu Hause und lässt liefern. Der Lieferant wird aber mit tausendprozentiger Sicherheit exakt dann klingeln, wenn die nervöse Erstgeborene gerade endlich in den Schlaf gefunden hat. Ich entscheide mich für die Dose Thunfisch und einen Eiweißriegel. Toll.

Der ruhige Schlaf der Kleinen ist ein seltenes, kostbares Gut. Das es zu schützen gilt. Wenn die erst einmal im Bettchen liegt, tappst du durch die Hütte, als wolltest du in die eigene Wohnung einbrechen. Jede knarzende Bodendiele ist dein persönlicher Todfeind, das Brummen einer SMS versetzt dich in Panik. Eine kleine Erschütterung nur kann die Nacht nachhaltig versauen. Im Bett verharre ich still und lausche ihrer Atmung. Schlaf bloß weiter. Schlaf weiter. Bitte!

Wenn so ein Wurm sich erst einmal in Rage geschrien hat, dann bröckelt der Stuck von der Decke. Da kannst du besser neben einer Kreissäge pennen. Nächtliches Pinkeln gehen wird wohlweißlich der Ruhe geopfert. Flach atmen ist jetzt geboten. Nicht auffallen. Jedes Schnaufen, jedes Grunzen, jeder Dinosauriersound, der aus dem Bettchen nebenan kommt, kann Vorbote abrupten Erwachens sein.

Wie die beiden Kinder, die bei Jurassic Park im Auto angsterfüllt beten, dass der T-Rex sie ja nicht bemerken möge, geht es nur darum: Jetzt bloß nicht die Ruhe stören. "Wenn du dich nicht bewegst, kann sie dich nicht sehen." Ich habe Glück. Sie schläft durch. Wobei "durchschlafen" bedeutet: drei Stunden. Da lügen sich Eltern gegenseitig gerne etwas vor.

Dann wieder Flasche. Nachts im Dunkeln abgekocht, zusammengeschraubt, befüllt, geschüttelt, erhitzt. Alles mit der linken Hand, während auf dem rechten Arm der grenznölige Nachwuchs benommen darauf wartet, dass die Betankung endlich los geht. Herausfordernd. Um acht Uhr morgens endet die Nacht (dankbare Zeit, zugegeben). Mit einem Lächeln, das in Sachen Schönheit sogar die Kaffeetassen vom Morgenmagazin aussticht. Unglaublich berührend.

Pippa ist aber auch einfach ein unglaublich toller Mensch. So ein süßes, kleines Äffchen. Ich habe es tatsächlich geschafft. Ein archaischer Stolz durchflutet meinen viertelausgeschlafenen Körper. Ja, Vaterschaft bedeutet vor allem: Du bist stolz, 30 Stunden lang Dinge allein geschafft zu haben, die die Mutter des Kindes seit 150 Tagen spielend erledigt.

Respekt, liebe Mütter.

Ihr macht da echt einen Riesenjob.

Fulltime.

Ich hätte nicht die Kraft dazu.